> > > Lieder eines armen Mädchens: Werke von Eisler, Hollaender u.a.
Dienstag, 7. Juli 2020

Lieder eines armen Mädchens - Werke von Eisler, Hollaender u.a.

Schöner Grenzgang


Label/Verlag: Gramola
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Chansons von Holländer und Weill in originellen kammermusikalischen Arrangements, hochwertig interpretiert.

Sie sind nach wie vor dankbar für den Sänger, die klassischen Chansons aus den seligen 20er Jahren, aber einfach zu singen sind sie nicht. Man braucht eine klassisch gebildete Stimme, um die musikalischen Anforderungen zu bewältigen, darf sie aber, wegen der notwendigen Natürlichkeit im Ausdruck, so gut wie nicht klassisch, also mit hörbarer Stütze, einsetzen. Zudem sind die Stücke inhaltlich natürlich schon ein wenig alt geworden, zumal, wenn sie auf konkrete gesellschaftliche Verhältnisse Bezug nehmen. Es bedarf also einer klar definierten Distanz, einer – im Idealfall nicht hörbaren – besonderen Vermittlungskompetenz, also einer Künstlichkeit innerhalb des Spektrums authentischen Ausdrucks.

Die österreichische Theater-, Film- und Musicalschauspielerin Nina Proll leistet all das auf ungewöhnliche Weise. Sie singt die musikalisch oft komplizierten Lieder mühelos, ohne spürbare Kraftanstrengung oder stimmliche Verfärbung in extremen Lagen. Intonation, Tongebung und Artikulation sind klar, aber nie aufgesetzt. Ein Trumpf ist die Zusammenstellung des hier im Studio aufgenommenen Bühnenprogrammes. Im Mittelpunkt stehen sechs der titelgebenden 'Lieder eines armen Mädchens', die Friedrich Holländer für seine erste Frau Blandine Ebinger schrieb und textete. Nina Proll lässt sich auf die scheinbare Einfachheit der Lieder beispielgebend ein und spielt intelligent mit der Überschreitung der Grenze zur Naivität. Besonders indem Lied 'Wenn ich mal tot bin' (Track 7) gelingt das geradezu herzergreifend.

Der zweite Teil des Programms ist Evergreens von Holländer und Kurt Weill gewidmet, mit der eingelegten Kuriosität 'Lied des Lotterieagenten' von Weill mit einem Text des expressionistischen Dramatikers Georg Kaiser, ein geradezu widerspenstig veraltetes Lied mit ganz heutigem Inhalt. An 'Surabaja Johnny' beeindruckt die durchgehaltene Schlichtheit des Singens, die in Holländers 'Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre' gleichsam auf die Spitze getrieben wird. Proll singt fast somnambul wirkend über das Lied hinweg, was ihre Interpretation auf fast laszive Weise eindringlich erscheinen lässt. 'Alabama Song' und 'Tango Ballade' kommen in Instrumentalversionen daher. Hier können die sonst begleitenden Musiker, Andrej Serkov am Bajan, dem russischen Akkordeon, Roland Wiesinger am Bass und besonders der Violinist Peter Gilmayr mal so richtig zeigen, was sie so draufhaben. Da zuckt es einem dann schon mal im Tanzbein.

Die Arrangements von Gerrit Wunder sind musikalisch fein gearbeitet und hochoriginell. Nur im ersten Viertel der CD wirkt das Bajan eine Spur zu dominant. Dies wird allerdings aufgewogen durch die elegante, elegische Biegsamkeit, mit der die Instrumentalmusik sich der untergründigen Wut entgegenstellt, die Nina Proll in diesen Liedern findet und sehr bewusst abbildet. Der Reiz dieses Gegensatzes kommt besonders anregend in den das Programm rahmenden Raritäten zum Tragen: In Hanns Eislers melancholisch-galligem 'Als ich dich in meinem Leib trug', in Weills von Ira Gershwin getextetem, von Proll hemmungslos, aber nicht unkontrolliert ins Mikro geschmiertem Musical-Song 'The Saga of Jenny' und vor allem in 'Mutter, hast du mir vergeben?' Dieser von Marlene Dietrich auf Deutsch getextete Song des Polen Czeslaw Niemen aus den frühen 60er Jahren darf, so lapidar wie intensiv musiziert, als abschließender Höhepunkt dieses sehr sinnlichen Albums gelten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lieder eines armen Mädchens: Werke von Eisler, Hollaender u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Gramola
1
23.09.2013
Medium:
EAN:

CD
9003643990067


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Gramola

Gramola wurde im Jahr 1924 als Detailgeschäft und Vertrieb der beiden englischen Plattenlabels „Gramola“ und „His Master’s Voice“ gegründet. Durch den damaligen Vertrieb dieser Labels ist eines der ganz wenigen, weltweit noch existierenden Originalbilder des legendären, der Stimme seines Herrn lauschenden Hundes „Nipper“ noch heute im Geschäft zu besichtigen. Das Unternehmen ist heute das älteste Tonträgergeschäft Österreichs und arbeitet inzwischen als Familienbetrieb in der fünften Generation. In internationalen Rankings um das beste Klassikfachgeschäft der Welt nahm Gramola mehrmals Spitzenränge ein. Das denkmalgeschützte Geschäftslokal in Wien am Graben wurde nach einem Jugendstilentwurf von Dagobert Peche in den frühen Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erbaut.

Vor etwa 10 Jahren wurde bei Gramola die Produktion von Klassik-CDs wieder aufgenommen und konnte seither durch seine international vielfach ausgezeichneten Produktionen den allerhöchsten Qualitätsstandard österreichischer Musikschaffender nachdrücklich unter Beweis stellen. Gramola-CDs sind inzwischen in allen klassikinteressierten Ländern zwischen Tokyo und New York zu haben. Ergänzt wird das Gramola-Angebot durch ein Webshop, das rund um den Kalender bereitsteht, Kundenwünsche auch außerhalb regulärer Ladenöffnungszeiten zu erfüllen.


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