> > > Meyerber, Giacomo: Robert le Diable
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Meyerber, Giacomo - Robert le Diable

Grand Opéra – und zwar wörtlich!


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser 'Robert le diable' aus London ist schlichtweg großartig.

Giacomo Meyerbeers 'Robert le diable' ist eine Paradebeispiel für die Grand Opéra der 1830er Jahre in Paris. Auf der Folie eines mittelalterlichen Ritterepos kämpft Gut gegen Böse, steht die Liebe zweier Menschen im Spannungsfeld von Himmel und Hölle. In dieser Grand Opéra wird geliebt, gehasst, gezaubert, getanzt, Dämonen verlachen Gott, tote Nonnen steigen aus ihren Gräbern und der Sohn des Teufels wehrt sich gegen sein fatales Erbgut. Was schon zu Zeiten der Uraufführung Anlass für ein eindrucksvolles Bühnenspektakel nebst musikalischen Höchstleistungen war, erlebte im Dezember 2012 am Royal Opera House in London eine adäquate Wiederbelebung. Nicht nur, dass man in London auf ein beeindruckendes Sängerensemble bauen konnte – mit dem Regisseur Laurent Pelly wurde auch das Bühnengeschehen erneut zur fantasievoll magischen Grand Operá. Die DVD-Veröffentlichung beim Label Opus Arte belegt dies nachhaltig. Aber man braucht Zeit für diese ‚Große Oper‘: Mit dreieinhalb Stunden reiner Spieldauer sind Sie dabei.

Mit feinem Humor und großer Wirkung

Auch wenn es sich bei 'Robert le diable' um eine lange Oper handelt, langweilig wird einem dieser Londoner Mitschnitt in keinem Moment. Laurent Pelly gelingt in seiner Umsetzung eine faszinierende Mischung aus imposanter Monumentalität, gewürzt mit seiner typischen Prise Humor. Wer Pellys diverse Offenbach-Inszenierungen oder seine umjubelte 'La fille du régiment' kennt, wird diesen 'Robert le diable' lieben. Dennoch handelt es sich hier in keinster Weise um einen rein satirischen Zugriff. Pelly nimmt die Figuren in ihren Nöten und Ängsten sehr ernst, findet aber mit der ihm eigenen Leichtigkeit große Bilder dafür. Wenn Isabelle zu Beginn des zweiten Aktes über die stilisiert papiernen Türmchen und Mauern ihres Schlosses wandert, vermittelt sich sich augenblicklich ihre seelische Einsamkeit, wobei sie gleichzeitig irritierend überdimensioniert erscheint – ein großes Kind im Zauberreich des Theaters. Und Theater ist es im besten Sinne, was Pelly und seine Ausstatter hier auffahren. Mit oft einfachsten Mitteln erzielen sie größtmögliche Wirkung. Die farbig klar konturierten Edelfräulein, deren riesige Spitzhüte bei minimaler Bewegung choreografisch einsetzbar sind, die in ihren Rüstungen leicht ungelenken Ritter und die an mittelalterliche Mysterienspiele erinnernde Bühnenästhetik mit zweidimensional wirkenden Wölkchen und einem Drachenschlund als Pforte zur Hölle. Diese Inszenierung ist wahrlich ein Feuerwerk theatraler Fantasie, wer dagegen realistisches Illusionstheater sucht, wird hier nicht fündig. Laurent Pelly inszeniert die musikalische Form stets mit. Da ist die unmittelbare Nähe einer Kameralinse allerdings teilweise entlarvend, wenn einzelne Chormitglieder bei den skurrilen Choreografien nicht präzise agieren. Den Genuss der vorliegenden Doppel-DVD kann das aber nicht trüben.

Stimmliche Glanzleistungen

Nicht umsonst trifft man Meyerbeers 'Robert le diable' nur selten auf der Opernbühne an. Die vokalen Anforderungen, speziell jene an die Titelpartie, sind so hoch, dass das Werk für viele Opernhäuser als kaum besetzbar gilt. Der Tenor Bryan Hymel tritt nun das Erbe der wenigen großen Robert-Darsteller an und schlägt sich mehr als nur beachtlich. Sein Tenor verfügt über eine phänomenale Höhe, große Agilität und die notwendige Stamina. Diese heikle Partie dürfte ihm so schnell keiner in dieser Qualität und Mühelosigkeit nachsingen. Dass seine durchschlagskräftige Tenorstimme dabei vokalen Glanz und charakteristische Farbe vermissen lässt, muss man bei dieser physischen Höchstleistung in Kauf nehmen.

In der Rolle der Isabelle brilliert im wahrsten Sinn des Wortes die italienische Sopranistin Patrizia Ciofi. Ihre Stimme leuchtet und glitzert, die Koloraturen perlen ihr nur so aus der Kehle und ihre Piani und das endlose Legato verschlagen dem Hörer den Atem. Zudem ist Patrizia Ciofi im vorliegenden Mitschnitt auch darstellerisch ein wirklicher Gewinn. Ihre oftmals manierierte Art, sich die melodischen Bögen quasi eurythmisch aus dem Gesicht zu streicheln, hat sie hier auf ein Minimum reduziert und überzeugt mit leidenschaftlichem Ausdruck und großer Spielfreude. Ihr ätherisches 'Robert, toi que j’aime' ist definitiv nicht von dieser Welt.

Die beiden anderen Protagonisten agieren stimmlich und darstellerisch ebenfalls auf hohem Niveau, erreichen aber nicht die Spitzenleistung von Hymel und Ciofi. John Relyea kann in der Rolle des Bertram sein mimisches Talent unter Beweis stellen und punktet ebenfalls mit seiner markanten Bassstimme. Letztlich fehlt es ihm aber vokal an dämonischer Eleganz, an tiefer Schwärze. Sein Bass klingt oftmals sehr trocken und farblos. Erst bei seiner Arie im dritten Akt singt er sich wirklich frei und lässt mit einem Mal Klänge vernehmen, auf die man im Verlauf der Vorstellung bei ihm sonst vergeblich wartet. Leider gipfelt dieser mutige Ausbruch in einem leicht missglückten Spitzenton, der die stimmlichen Grenzen des Bassisten markiert.

Marina Poplavskaya als Alice hat ebenfalls ihre großen und berührenden Momente, aber auch klar hörbare Defizite. Das dunkle Timbre ihres Sopran kontrastiert wundervoll zu Ciofis heller Stimme und verstärkt mit warmen Farben die tiefe Menschlichkeit ihrer Partie. Trotz breiter Mittellage überrascht Poplavskaya mit gut fokussierten Höhenpiani, die nur von leichten Schärfen eingetrübt sind. Hin und wieder entgleitet der Künstlerin aber ihre eigentlich gut geführte Stimme: die Mittellage franst dann gefährlich aus und die Sängerin kämpft um die Intonation. Dennoch bleibt Dank ihrer innigen Gestaltung ein positiver Gesamteindruck.

Aus dem übrigen Ensemble fällt vor allem der bewundernswert klangschöne und lebendige Tenor von Jean-Francois Borras in der Rolle des Raimbaut auf. Am Pult des Orchestra of the Royal Opera House sorgt Daniel Oren für auch akustisch Große Oper. Seine Stärke sind nicht die Feinheiten der Partitur und ihre Durchsichtigkeit, sondern vor allem die eruptiven Fortestellen und atmosphärischer Klangzauber. Seine Sänger trägt er allerdings auf Händen, atmet mit ihnen und lässt ihnen, je nach ihren stimmlichen Möglichkeiten, allen Raum zum zaubern. Und dem Zauber dieser Produktion muss man selbst vor dem heimischen Fernseher erliegen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Meyerber, Giacomo: Robert le Diable

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
2
24.06.2013
Medium:
EAN:

DVD
809478011064


Cover vergössern

Opus Arte

Opus Arte ist eines der weltweit führenden DVD-Labels. Spezialisiert auf Oper und Tanz, enthält unser Katalog eine Vielzahl musikalischer Erfahrungen. Angefangen bei der Grand Opera hin zu märchenhaften Balletten, von zeitgenössischem Tanz hin zu Künstlerporträts - und nicht zu vergessen zu einer Party im rückseitigen Garten ihrer Majestät!
Stets ist es unser Bestreben Ihnen kulturelle Ereignisse in bestmöglicher Qualität nach Hause zu bringen. Alle Neu-Veröffentlichungen werden im Widescreen-Format mit True-Surround-Sound und der zusätzlichen Option einer exzellenten Stereo-Tonspur produziert. Interessantes Zusatzmaterial füllt die DVD bis zur Kapazitätsgrenze. Midprice-Serien wie die -La Scala Box- und -Faveo- öffnen den Blick auf klassische Archivaufnahmen von den führenden Opernhäusern der Welt in außergewöhnlicher Qualität. Opus Arte ist immer auf der Höhe der stets schneller voranschreitenden technischen Entwicklung, manches Mal sind wir ihr auch einen Schritt voraus. Bereits vor sieben Jahren begannen wir mit der Produktion in High Definition und verfügen somit über einen sehr großen Katalog an Titeln, der nur darauf wartet veröffentlicht zu werden. Mit -Schwanensee- veröffentlichte Opus Arte als erstes Klassik DVD Label einen Titel im Format HD DVD. Auch ein Besuch unserer Website lohnt stets: Sie erhalten dort aktuelle Nachrichten, Besprechungen, exklusive Fotos, Trailer und zahlreiche Details zu unseren Produktionen aus erster Hand.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Opus Arte:

  • Zur Kritik... Ungebrochen modern: Wer keine historisierende Ausstattung braucht und sich von der ungebrochenen Modernität von 'Così fan tutte' überzeugen will, der kann mit der vorliegenden Veröffentlichung nichts falsch machen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Bildgewaltiger Dauerbrenner: Diesen 'Faust' muss man einfach gesehen haben. Ob man sich allerdings diese Neuaufzeichnung von 2019 zulegt oder die Premierenbesetzung von 2004, das muss jeder selbst entscheiden. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Geschmackvolle Ästhetik: Ein sehens- und hörenswerter Puccini aus Glyndebourne. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle Kritiken von Opus Arte...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Eine Art Salzburger 'Sommernachtstraum': Mit diesem 'Endimione' kommt man als interessierte Hörerschaft der stilistischen Vielfalt und dem Ideenreichtums Michael Haydns ein interessantes Stück näher. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Ungebrochen modern: Wer keine historisierende Ausstattung braucht und sich von der ungebrochenen Modernität von 'Così fan tutte' überzeugen will, der kann mit der vorliegenden Veröffentlichung nichts falsch machen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Sounds of Martinsson: 'Garden of Devotion' macht mit einem Querschnitt aus Rolf Martinssons zeitgenössischen Schaffen auf einen hierzulande eher selten gespielten Komponisten aufmerksam. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Herbe Tänze: Marek Szlezer legt beim Label Dux eine der Musik Karol Szymanowskis gewidmete Platte vor, die vor allem Mazurken enthält. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Venedig da Camera: Roland Wilson und seine Musica Fiata mit einem anregend-lebendigen Bild mancher Stimme, die über Monteverdi hinausweist – und der Meister klingt mittendrin. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Auf der Suche nach der rechten Orgel: Jean-Jacques Kantorows Saint-Saëns-Edition mit einem weiteren fulminanten Höhepunkt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich