> > > Mein süße Freud auf erden: Lecher, Leonhard
Sonntag, 24. März 2019

Mein süße Freud auf erden - Lecher, Leonhard

Qualität aus Südtirol


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Geistliche Musik des lange in Nürnberg wirkenden Leonhard Lechner: Fein gesungen und überzeugend programmiert vom Athesinus Consort Berlin und Klaus-Martin Bresgott.

Protestantische Kirchenmusik von Rang hat es in deutschen Sprachraum natürlich schon vor Heinrich Schütz gegeben – auch wenn die heutige Wahrnehmung anderes suggerieren mag. Namen wie Johann Eccard, Melchior Franck, Hans Leo Hassler oder Michael Praetorius stehen dafür. Zu den wichtigen Protagonisten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gehört auch Leonhard Lechner (1553-1606), der sich seiner Südtiroler Abstammung wegen mit dem Beinamen Athesinus – also von der Etsch oder Athesis herkommend – bezeichnete. Nach Lehrjahren in München bei Orlando di Lasso wandte sich Lechner nach Nürnberg, wo er nachhaltig wirksam wurde.

Sein musikalisches Werk, zu einem sehr wesentlichen Teil in deutscher Sprache entstanden, basiert auf zwei einander bereichernden Prinzipien: Da ist natürlich eine sehr präsente, ausdifferenzierte kontrapunktische Basis. Die wird ergänzt durch eine bemerkenswert intensive Hinwendung zu einem lebendigen, plastischen Verhältnis von Wort und Ton – ein dezidiert gestalteter Übergang. Und Lechner ist tatsächlich ein Meister dieser heiklen Balance: Die profunde satztechnische Grundlage wirkt gezügelt, scheint kunstvoll in luzide, verständliche Bahnen gelenkt; der Kontrapunkt ist in dieser Musik kein artifizieller Selbstzweck.

Man meint zu spüren: Deutsche Sprache und lutherische Grundhaltung der Verständlichkeit des singend gepredigten Wortes tragen ästhetisch entscheidend zu dieser Klarheit bei.

Feine Vokalisten

Klaus-Martin Bresgott hat mit seinem Athesinus Consort Berlin nun eine feine Platte mit deutschsprachigen Motetten und Chorälen Lechners vorgelegt, darin einen tragfähigen Bogen aufspannend. Und die acht vokalen Lechner-Enthusiasten erweisen sich als feinsinnige Deuter. Der Ensembleklang ist außerordentlich harmonisch, zeigt sich weich und ausgewogen, in gleichwohl präzisen, klar konturierten Registern gefasst, die sich dennoch immer wieder schön miteinander verweben. Besondere Erwähnung verdient die aktive, dabei sehr natürlich wirkende Artikulation: Der aufmerksame Hörer kann die Texte mühelos verstehen – das Athesinus Consort vollzieht damit ein entscheidendes Element lutherischer Musikanschauung gelungen nach. Die ebenso schlanken wie beweglichen Stimmen verstehen sich zu einer makellosen, drucklosen Intonation und dominieren den Gesamtklang nicht mit individuellen Ecken und Kanten, überzeugen stattdessen mit einer sehr gleichmäßig qualitätvollen Besetzung.

Die Sprache ist die Basis der Deutung, konsequenterweise ist das so. Dadurch wird das Geschehen agil, differenziert und griffig, wirkt es auch in bewegter Linearität stets überzeugend kontextualisiert. Ein besonderes Moment der Deutung wird von Bresgott vorgestellt, indem er instrumentale Ergänzungen einfügt. Das ist mit variantem Schlagwerk von Glocken bis zur Maultrommel alles andere als ein äußeres Spektakel: Vielmehr wirken diese sparsamen Beiträge wie feine Moderationen, Kommentare, gliedernde Zäsuren, vermittelnde Elemente. Das ist vielleicht nichts für Puristen, wirkt aber, so dezent und gekonnt gespielt, durchaus überzeugend. Denn es ist in der kontrapunktischen Welt, in diesem an Konturen durchaus nicht reichen Satzprinzip oft nicht leicht, fassliche Ansätze des Hörens zu entdecken. Das wird hier ebenso elegant wie unaufdringlich aufgelöst.

Das Klangbild ist technisch so harmonisch wie der Ensembleklang: Getragen von angenehmer Größe und Räumlichkeit wirkt es doch präzise, strukturklar und plastisch. Klaus-Martin Bresgott argumentiert im Booklettext überzeugend und mit Leidenschaft für den Rang Lechners – man hätte ihm noch mehr Raum dafür geben sollen, Lechner hätte das angesichts seiner Position in der Diskografie der älteren deutschen Vokalmusik durchaus gebrauchen können.

Es ist dies ein programmatisch schlüssiges und interpretatorisch hochstehendes Plädoyer für Lechner: Der ist zwar alles andere als ein Unbekannter aus dem Schatten der Musikgeschichte. Aber angemessen präsentiert wird er doch auch selten, vor allem programmatisch so exklusiv. Das Athesinus Consort Berlin steht gekonnt für seinen Namenspatron ein.

 

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mein süße Freud auf erden: Lecher, Leonhard

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Carus
1
01.09.2013
EAN:

4009350833845


Cover vergössern

Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Carus:

  • Zur Kritik... Ertragreiche Seitenwege: Gesamteinspielungen schreiten auch Seitenwege ab – mit einigem Ertrag. Das unterstreicht diese vorletzte Platte der der Schütz-Reihe, die Hans-Christoph Rademann mit seinen bewährten Kräften bei Carus vorgelegt hat. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Weltreise: Eine Calmus-Platte voller Saft und Kraft, mit starken Einzelstimmen, die sich zu einem unverwechselbaren Ganzen formen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Frisch im Duktus: Frieder Bernius und seine Stuttgarter Ensembles legen eine weitere Einspielung einer Zelenka-Messe vor. Die lässt sich hören. Weiter...
    (Gero Schreier, )
blättern

Alle Kritiken von Carus...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Meisterlich: Ein substanziell attraktives, ganz vorzüglich gesungenes und gespieltes Programm mit einem schönen Schwerpunkt auf den Werken Johann Theiles: Simone Eckerts Hamburger Ratsmusik und Dorothee Mields überzeugen rundum. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Dresdner Größe: Für Giovanni Alberto Ristori und seine Musik zu plädieren ist sicher notwendig und auch angemessen. Hörenswertes Repertoire ist es unbedingt, vom Sächsischen Vocalensemble und der Batzdorfer Hofkapelle überzeugend zum Leben erweckt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ertragreiche Seitenwege: Gesamteinspielungen schreiten auch Seitenwege ab – mit einigem Ertrag. Das unterstreicht diese vorletzte Platte der der Schütz-Reihe, die Hans-Christoph Rademann mit seinen bewährten Kräften bei Carus vorgelegt hat. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Klangmagie: Eine spannende Sicht auf eine unbekanntere Facette italienischer Instrumentalmusik der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Spannende Reise: Die aparte Kammermusikbesetzung Violine/Violoncello ist bei Julia Fischer und Daniel Müller-Schott in allerbesten Händen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Meisterlich: Ein substanziell attraktives, ganz vorzüglich gesungenes und gespieltes Programm mit einem schönen Schwerpunkt auf den Werken Johann Theiles: Simone Eckerts Hamburger Ratsmusik und Dorothee Mields überzeugen rundum. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2019) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich