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Sonntag, 14. August 2022

Prokofiev, Sergei Sergejewitsch - Sämtliche Violinwerke

Seidiger Glanz


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Gesamteinspielung von Prokofjews Violinwerken mit dem Geiger James Ehnes überzeugt größtenteils.

Eine Gesamtaufnahme der Violinwerke von Sergei Prokofjew hat jetzt das englische Label Chandos vorgelegt. Hauptakteur ist der kanadische Geiger James Ehnes. Dieser, hierzulande anscheinend weniger bekannt, ist Absolvent der Juilliard School – geigerisch also keineswegs von geringen Gnaden. Ehnes’ Tonbildung ist fein und durchdringend, technisch ist er stupend versiert. Im Ganzen hinterlassen seine Darbietungen den Eindruck nobler Eleganz. Ehnes erscheint als einer, der darauf verzichtet, sich in den Vordergrund zu drängen, dafür umso solidere, eindringlichere Arbeit an den Fundamenten der musikalischen Darstellung leistet.

Eleganz, Akkuratesse, getragen von technischer Souveränität: Insofern mag man sich in der Tat an die Kunst eines Jascha Heifetz erinnert fühlen, mit dem Ehnes von der Kritik verglichen wurde. Die Remineszenz mag indes auch in anderer Hinsicht gelten. Wie man Heifetz’ Spiel Glätte, ja Kälte vorwarf, so könnte man von Ehnes sagen, dass seine Interpretationen etwas im Unprofilierten verbleiben, was Charakter, Aussagefreudigkeit und -kraft anbelangt. Das zeigt sich, wenn man die Interpretation z.B. des Zweiten Violinkonzertes (g-Moll) durch den 1976 Geborenen mit denen anderer Geiger seiner Generation vergleicht. So wirken etwa die Deutungen von Maxim Vengerov (geb. 1974) und Janine Jansen (geb. 1978) ungleich rhapsodischer, auch zupackender. Prokofjew Spiel mit unvermittelten Kontrasten, mit parodistischen und grotesken Elementen kommt so eher zu seinem Recht. Bei Ehnes werden derlei Momente registriert und technisch sauber exekutiert, der darüber hinaus gehende gestalterische Ehrgeiz hält sich jedoch in Grenzen. Nicht, dass Ehnes nicht auch über Spritzigkeit verfügte – etwa die hier zu hörende Einspielung der Sonate für Violine solo (op. 115) erweist das Gegenteil; aber im Ganzen fehlt es etwas an Schwung, vielleicht auch an interpretatorischer Visionarität.

Geheimnisvoller Gesang

Umgekehrt mag man freilich den diskreten, seidigen Glanz seines Spiels bei seinen Generationsgenossen vermissen, welcher mancherorts geradezu verzaubernde Wirkung entspinnt. Ehnes’ besondere Stärke scheint in der Gestaltung verhalten-lyrischer Kantilenen zu liegen. Das zeigt sich etwa zu Beginn des Ersten Violinkonzertes (D-Dur), und die Eröffnungstakte des g-Moll-Konzertes weiß der Kandier zu einem zugleich verheißungs- und geheimnisvollen Gesang mit halber Stimme zu formen.

Das BBC Philharmonic Orchestra unter Gianandrea Noseda erweist sich nicht zuletzt darin als kongenial, dass es Ehnes’ zurückgenommenem, oft etwas nüchternem Kurs folgt. Was das Gesamtergebnis an Farbigkeit und Temperament vielleicht vermissen lässt, wird durch die Homogenität des Miteinanders teils aufgewogen. Gleiches gilt im Großen und Ganzen für Amy Schwartz Moretti, Ehnes’ Partnerin in der Sonate für zwei Violinen (op. 56), und Andrew Armstrong, seinem Begleiter in den beiden Violinsonaten (op. 80 und 94bis) sowie den fünf 'Melodien' (op. 35bis). Armstrongs Anschlag ist kräftig und präzise – gerade die f-Moll-Sonate gewinnt durch das markige Bass-Register eine charakteristische lastende Stimmung.

Positiv ist an der Aufnahme das gestochen scharfe, ausgezeichnet balancierte Klangbild hervorzuheben: Dem Charakter von Ehnes’ Spiel kommt es besonders entgegen, ohne, dass seine Begleiter und Partner von ihm überdeckt würden (oder er von ihnen); und nicht zuletzt die Faktur der Werke bleibt so tiefenscharf nachvollziehbar.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Prokofiev, Sergei Sergejewitsch: Sämtliche Violinwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
2
01.09.2013
Medium:
EAN:

CD
095115178720


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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