> > > Szymanowski, Karol: Harnasie op. 55
Sonntag, 14. August 2022

Szymanowski, Karol - Harnasie op. 55

Klangekstase


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im Schatten von Sir Simon: Edward Gardners Szymanowski-Lektüre reicht nicht ganz an Rattles frühere Deutungen heran, auch wenn sie sehr klangsinnlich daherkommt.

Es ist wirklich interessant zu sehen, wie viele hochwertige Szymanowski-Einspielungen Großbritannien hervorbringt. Nach Sir Simon Rattles großer Reihe aus Birmingham (für EMI) und den Sinfonien unter Valery Gergiev (LSO Live) nun also das BBC Symphony Orchestra unter Edward Gardner. Nachdem zunächst Valery Polyansky und Vassily Sinaisky drei CDs für Chandos aufgenommen hatten, liegen nun auch schon von Gardner zwei SACDs vor, zum großen Teil mit demselben Repertoire wie zuvor schon von Polyansky und Sinaisky.

Diesmal handelt es sich um zwei chorsymphonische Werke ganz unterschiedlicher Art, das 'Stabat Mater' op. 53 für drei Soli, Chor und Orchester (1925-6) und das gut halbstündige Ballett 'Harnasie' op. 55 für Tenorsolo, Chor und Orchester (1923-31). Das 'Stabat Mater' entstand als Auftragskomposition einerseits für die Princesse de Polignac, andererseits für den Industriellen Bronisław Krystall. Szymanowski legte als Gesangssprache Polnisch fest, und es hat sich mittlerweile etabliert, das Werk in dieser Originalversion einzuspielen. Gardner legt eine poetische, gleichzeitig äußerst sensuelle Interpretation vor, gerade auch in den Gesangspartien ausgesprochen stimmungsvoll und im besten Sinne idiomatisch. Ganz besonders hervorzuheben ist der BBC Symphony Chorus (Einstudierung Stephen Jackson), der den Gesangssolisten eindeutig den Rang abläuft. Lucy Crowe (Sopran) und die Altistin Pamela Helen Stephen (die Witwe Richard Hickox‘) sind zuverlässig, aber nicht durchgängig ideal (am herrlichsten vielleicht die Eröffnung der Komposition durch Crowe und den Frauenchor); vor allem aber wirkt der Bariton Gábor Bretz im Vergleich zur restlichen Interpretation bedenklich grobstimmig – vielleicht wollten die Produzenten hiermit Szymanowskis Intention einer eher ‚bäuerlichen Requiemkomposition‘ betonen, insgesamt aber verliert die Einspielung hierdurch aber an Stringenz. Trotz der herausragenden Chorleistung und exzeptioneller Aufnahmetechnik gelingt es der Interpretation nicht, Simon Rattles Einspielung aus dem Jahr 1993 den Rang abzulaufen.

Bei einem Ballett ist im Grunde, um angemessen über die musikalische Interpretation entscheiden zu können, essenziell mit einzubeziehen, wie sehr diese dem choreografischen Zweck dient. Auch hier schafft Gardner hochgradig sensuelle Klangereignisse, die dem teilweise fast profanen Sujet (die Räuber der Hohen Tatra betreffend) fast nicht entsprechen, sondern den Hörer im besten Sinne in eine andere Welt entführen. Deutlich raffinierter als Rattle integriert Gardner die Kuhglocken, stärkt allerdings teilweise auch klangliche Verwandtschaft zu Richard Strauss, die im Grunde so nicht nötig gewesen wäre. Die Liebe zum Klang mag, überspitzt formuliert, teilweise zum Selbstzweck werden, so dass auch hier die Kontinuität nicht voll gewahrt bleibt. Besonders bedenklich ist der allzu vibratolastige Tenor Robert Murrays, der erst im Epilog akustisch erträglicher wird – Simon Rattle hat da mit John Garrison deutlich die Nase vorn.

Wie bereits erwähnt, ist ein besonderer Pluspunkt der Produktion die exzeptionelle Aufnahmetechnik. Nicht nur haben Chandos ihr schon zu LP-Zeiten erklärtes Ideal, den Aufnahmeraum in die Einspielung organisch zu integrieren, mittlerweile nahezu optimal erreicht, die große Durchsichtigkeit des Klanges (die im 'Stabat Mater' teilweise besser zur Geltung kommt als in der 'Harnasie') lässt einen zögern, ob man sich nicht dennoch der in dieser Hinsicht altmodischeren Einspielung zuwenden sollte. Da aber der Klang selbst nicht die Summe der Musik ist, sondern die Musik auch intensive innere Struktur haben muss, bleibt Simon Rattle (dessen Szymanowski-Einspielungen aus Birmingham mittlerweile auf 4 CDs in einer Box vorliegen) die Referenz. Nicht zuletzt genügt auch das Booklet nicht voll deutschen Ansprüchen; die Gesangstexte liegen nur auf Polnisch und Deutsch vor.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Szymanowski, Karol: Harnasie op. 55

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
01.09.2013
Medium:
EAN:

SACD
095115512326


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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