> > > Thielemann, Christian dirigiert: Werke von Wagner, Richard
Freitag, 25. September 2020

Thielemann, Christian dirigiert - Werke von Wagner, Richard

Die Entdeckung der Langsamkeit


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zehn Jahre ist es her, dass Thielemann mit seinem ehemaligen Berliner Hausorchester ein Wagner-Konzert in Wien gegeben hat. Das Label Orfeo hat den Mitschnitt des ORF nun als Doppel-CD herausgebracht.

Ich erinnere mich gern und oft an Wagner-Aufführungen mit Christian Thielemann. Unter seiner Leitung sang ich damals an der Deutschen Oper Berlin im Extrachor in den 'Meistersingern' mit und fand sein Dirigat wirklich inspirierend. Überwältigend sogar. Später hörte ich mit Thielemann in Bayreuth einen berauschenden 'Tannhäuser' mit orgiastischen Steigerungen und einen 'Ring', der trotz mäßiger Sängerbesetzung orchestral herausragend klang. Mit anderen Worten: Ich war (und bin) ein Thielemann-Fan, wenn es um Wagner geht. Entsprechend neugierig war ich auf diesen Konzertmitschnitt aus Wien, der 2004 aufgezeichnet wurde. Ein reines Wagner-Orchesterprogramm, mit dem Klangkörper der Deutschen Oper Berlin, deren GMD Thielemann einmal war – bevor er im Streit die Stadt und die DOB verließ.

Erwartet hatte ich, ehrlich gesagt, dass mich diese Doppel-CD mit neun Tracks total begeistern würde. Genauso, wie mich die Live-Auftritte Thielemanns in jenen Jahren begeistert hatten. Was aber live im Theater so großartig klang, zumindest in meiner Erinnerung, wirkt auf Tonträger geradezu schockierend: lahm. Es ist, als würde Thielemann jede einzelne Nummer des Programms in Slow Motion dirigieren. Und immer wenn man denkt, langsamer geht’s nicht, kommt noch ein Ritardando. Das hat, auf Dauer, einen nachgerade einschläfernden Effekt, egal ob im 'Lohengrin'-Vorspiel, dem Trauermarsch oder dem Karfreitagszauber.

Völlig unabhängig von der Qualität des Orchesterspiels – das ordentlich, aber nicht außergewöhnlich ist –, fand ich diese Lethargie verblüffend. Sie hat als eigene, also sehr persönliche Interpretation Thielemanns natürlich ihre Berechtigung und ihren Reiz. Das Wiener Publikum scheint diesem Reiz auch zunehmend erlegen zu sein, wenn man den anfangs zögerlichen Applaus auf der CD, der irgendwann im zweiten Teil in wildes Jubeln übergeht, als Maßstab nimmt. Mich hat diese Entdeckung der Langsamkeit irgendwann wahnsinnig gemacht, spätestens im finalen 'Meistersinger'-Vorspiel, das so frisch und vielversprechend anfängt und dann auf dem Höhepunkt (der Schluss-Kurve) geradezu zum Stillstand kommt.

Vielleicht muss man bewusstseinserweiternde Substanzen zu sich nehmen, um diese Interpretation voll und ganz zu genießen. Nüchtern gehört, finde ich viele verfügbare Alternativaufnahmen der Einzeltitel deutlich aufregender, ob das Willem Mengelbergs erregtes historisches 'Tannhäuser'-Vorspiel mit dem Concertgebouw Orkest Amsterdam ist oder Heinrich Hollreisers 'Rienzi'-Ouvertüre – wobei sogar Thielemanns eigene späteres Aufnahme dieses Stücks mit den Wiener Philharmonikern (bei Deutsche Grammophon erschienen) schwungvoller und überzeugender klingt als die Frühwerk-Deutung mit den Berliner Kräften.

Wirklich peinlich fand ich den orchestralen Liebestod, wo so überhaupt kein Leuchten und Sehnen aufkommen will und der Klang einfach in beliebige Einzelelemente zerfällt. Dennoch ist die CD als Dokument einer Entwicklung spannend. Möglicherweise hatte Thielemann 2004 einen Moment des Übergangs und wollte mal etwas anderes ausprobieren, jenseits seiner eigenen Standards? ‚Anders‘ ist die Interpretation dieses Wagner-Programms auf alle Fälle. Überzeugend? Das muss jeder selbst entscheiden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Thielemann, Christian dirigiert: Werke von Wagner, Richard

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
2
02.09.2013
Medium:
EAN:

CD
4011790879222


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
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