> > > Urspruch, Anton: Das Unmöglichste von Allem
Samstag, 28. Mai 2022

Urspruch, Anton - Das Unmöglichste von Allem

Vierschrötig


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Anton Urspruchs komische Oper 'Das Unmöglichste von Allem' überhaupt zur Diskussion zu stellen, ist verdienstvoll. Leider kann die musikalische Umsetzung, inbesondere in vokaler Hinsicht, nicht überzeugen.

1893/4 beschrieb Max Reger in zwei Notenrezensionen verschiedene Werke Anton Urspruchs (1850–1907) als rein technisch zwar sorgsam gearbeitet, aber dennoch nicht immer befriedigend, insgesamt aber zumeist effektvoll. Keine vier Jahre später, am 25. November 1897, erlebte in Karlsruhe Urspruchs komische Oper 'Das Unmöglichste von Allem' auf ein eigenes Libretto (nach Lope de Vegas gleichnamigem Drama) ihre Uraufführung, eine Komposition, die als Urspruchs Meisterwerk bezeichnet wird. In der Tat sprüht die Oper vor Melodien, ist aber immer wieder in Geradtaktigkeit befangen, hierdurch von einer zwar ehrlichen, aber auch etwas ruppigen Direktheit – ‚Four-squareness‘, wie der Engländer sagt. Wagners Erbe ist unüberhörbar, dennoch ist es musikalisch eindeutig ganz Kind seiner Zeit und nicht etwa einfach epigonal.

Nun kann es kein leichtes Unterfangen sein, ein solch umfangreiches, lange vergessenes Werk wiederzubeleben: Bühnenkompositionen und große chorsymphonische Werke sind immer die letzten Kandidaten für eine Wiederbelebung. Peter P. Pachl, der sich schon um andere Komponisten der Zeit um 1900 verdient gemacht hat (u.a. Franz Schreker, Siegfried Wagner, Hans Pfitzner und Clement Harris), ist nun auch bei dem vorliegenden Projekt der Initiator. Leider ist das interpretatorische Ergebnis diesmal aber leider etwas lamentabel ausgefallen, da Urspruchs Anforderungen eigentlich dergestalt sind, dass man optimalerweise ein A-Opernhaus zur Verfügung haben sollte, um ein solches Projekt zu realisieren. In Ermangelung eines solchen hören wir das PPP Music Theatre Ensemble München, unterstützt durch das Orchester des Sorbischen Nationalensembles unter der musikalischen Leitung von Israel Yinon, der die wahrscheinlich beste Leistung der ganzen Produktion bringt. Er spürt den besonderen Klangfarben Urspruchs nach und versucht einen unverwechselbaren Klang zu formen, wir hören aber eher einen postwagnerischen Klang, der etwa mit jenem Rezniceks und anderer Zeitgenossen vergleichbar ist (selbst Wagners 'Liebesverbot' lässt grüßen).

Die Bemühungen des Orchesters sind hörbar (wenn auch nicht immer rundum erfolgreich, etwa besonders gut hörbar im Vorspiel der Oper; später werden die Leistungen besser), doch werden sie durch die solistischen Leistungen teilweise schwer beeinträchtigt. Dies liegt nicht notwendigerweise an den Leistungen an sich, sondern offenbar vor allem an dem Live-Erlebnis, das zu teilweise extremer Asynchronizität zwischen Gesangssolisten und Orchester führt. Ein ungetrübter Blick auf Urspruchs Oper wird dadurch ausgesprochen erschwert, und es ist in der Tat offenbar vor allem dem Mitschnitt des szenischen Erlebnisses anzulasten, dass diese Produktion teilweise schwere Mängel aufweist. Dabei sind die einzelnen Vokalleistungen teilweise deutlich mehr als nur beachtlich. Gleich in den ersten Takten der Oper kann die Amerikanerin Rebecca Broberg in der Partie der Königin zeigen, dass sie sich in dem Idiom zu Hause fühlt. Ihr ganzes Engagement führt zu ein paar unsauberen Tönen nicht nur in der Höhe, doch auch ihre Textverständlichkeit ist durch starken Akzent teilweise schwer beeinträchtigt.

Auch dem Bariton Robert Fendl als Roberto kann man kein rundum gutes Zeugnis ausstellen. Der schon mehrfach von Pachl eingesetzte Sänger könnte sich, bei guter Disziplin und entsprechender Weiterbildung, in Richtung eines neuen Roland Herrmann entwickeln. Seine Stimme besitzt also nur einen gewissen Anteil an Kantabilität, doch ist die Charakterisierungsfähigkeit ausbaubar. Die Sopranistin Anne Wieben als Diana ist trotz ihres jugendlichen Alters heute bereits übermäßig vibratolastig – hiermit stört sie Urspruchs klare Melodiebögen, zumal sie nicht selten auch nicht sauber intoniert. Caterina Maier als Dianas Zofe Celia ist da musikalisch weitaus prägnanter, selbst in exponierten Höhen und Tiefen. Auch ihre Spielfreude überträgt sich unmittelbar.

Dem Heldentenor Matthias Grätzel als Lisardo klingt mehr bemüht denn wirklich fähig, es mangelt ihm an Klangschönheit und stimmlicher Sorgfalt. Auch wenn er sich auf Charakterrollen spezialisiert hat, bedeutet das nicht, dass er seine musikalischen Fähigkeiten, seine Farbpalette, sein Gespür für Timing nicht intensiv weiter pflegen sollte.

Auch in den Nebenrollen sind die Leistungen insgesamt durchwachsen. Ralf Sauerbreys (Ramon) und Victor Petitjeans (Fulgencio) Stimmproduktion etwa beeinträchtigt etwas ihre Wortverständlichkeit, Johannes Föttinger als Feniso klingt eher wie eine Karikatur eines Tenorbuffos – seine Stimme wird höchst unvorteilhaft eingesetzt; Verzierungen sind unscharf, das Timbre nicht wirklich kontrolliert. Insgesamt sind die vokalen Leistungen zumeist deutlich schwächer als eine entsprechende Produktion des Labels cpo es je zugelassen hätte. Doch ist davon auszugehen, dass auf Grund dieser Naxos-Produktion sich in näherer Zukunft kein anderes Label dem Werk zuwenden wird.

Das Booklet der Produktion ist insgesamt in Ordnung (mit mindestens einem fehlenden Umlaut), wenn auch in Naxos-typischem unschönem Layout – allerdings ist der Link zum Libretto unkorrekt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Urspruch, Anton: Das Unmöglichste von Allem

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
3
26.08.2013
Medium:
EAN:

CD
730099033374


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"Anton Urspruch war Franz Liszts Lieblingsschüler und sah sich selbst als ein "fortschrittlicher Modernist". Solange er von seinem Lehrer und Richard Wagner beeinflusst wurde, wich sein Weg von dem seiner Zeitgenossen wie Reger und Richard Strauss ab. Sein Meisterwerk, die komische Oper Das Unmöglichste von Allem, basiert auf einem sinfonischen Gerüst mit einer Reihe unterhaltsamer Handlungsstränge unterstützt von klangvollen und einfallsreichen Arrangements. Obwohl die Oper, sowohl bei den Kritikern als auch bei den Musikern schnell großes Gefallen fand, geriet sie nach Urspruchs Tod in Vergessenheit, bis sie durch diese erste Live-Aufnahme der originalen, ungekürzten Version zu neuem Leben erweckt wurde."


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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