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Montag, 18. Oktober 2021

Echtzeit - Werke von Jarrel, Nancarrow & Riehm

Das Zeitproblem im Streichquartett


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nach den Gegenüberstellungen alter und neuer Werke in früheren Aufnahmen und einer analogen Webern-Aufnahme konzentriert sich das Asasello Quartett nun voll und ganz auf die Neue Musik.

Das Asasello Quartett ist bekannt für ungewöhnliche Aufführungen und besondere Projekte, wie die Minikonzerte ‚1:1 schon gehört‘, die LP ‚Webern auf Vinyl‘ oder die ausschließlich im Internet zu hörende Klangcollage ‚Paysages‘, in der sich die Musiker mit ihren Herkunftsländern auseinandersetzen. Die neue Aufnahme, diesmal auf CD, beschäftigt sich ausschließlich mit jungen Quartett-Kompositionen um das Thema ‚Zeit‘. Zu hören sind die Werke 'Zeitfragmente – quatour à cordes' von Michael Jarrell, Conlon Nancarrows Streichquartett Nr. 3 und Rolf Riehms 'Tempo strozzato for String Quartet'.

Des weiteren besonders hervorzuheben ist Michael Growe, der sich um das Artwork der CD gekümmert hat und mit den Komponisten in einem Zug genannt wird. Statt griffigen Einführungstexten findet sich eine ‚Intervention von Michael Growe‘ in Textform und einigen Bildern.

Also doch keine ‚normale‘ Aufnahme – das wäre auch nicht zu erwarten gewesen. Der Text beschreibt H. G. Wells, Marcel Proust u. a. während einer fiktiven Mittagspause, in der nacheinander die Stücke der CD im Hintergrund erklingen. Hinein sind Auszüge aus anderen Texten montiert. Diese streifen verschiedene Formen der Zeitwahrnehmung. Der Geschäftige und Gestresste hat nie Zeit, ein Soldat empfindet jede Stunde ganz anders als ein Gefangener usw. Antworten kann dieser Text nicht geben, höchstens Anregungen. Unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Lebensinhalten, deren Vorstellungen und Wahrnehmung von Zeit sehr weit gestreut sind, die letztendlich doch in derselben Zeit leben, dargestellt in drei Textebenen, parallel zu den drei eingespielten Werken.

Schade dabei ist, dass die Ideen der Komponisten zu ihren Werken nicht berichtet werden, denn allein durch das Hören versteht wohl jeder etwas anderes, und die Künstlerintention bleibt verborgen. Angenehm ist jedoch, dass man dadurch die Musik ganz frei hören kann bzw. muss, ohne bereits durch Erklärungen gelenkt zu werden. Die Versuchung des Erklären-Wollens stellt sich gar nicht erst. Die Bilder des Booklets wirken dabei eher verstörend. Verpixelte Sprenkel und kitschige Totenkopf- und Skelettcollagen lassen viele Fragezeichen zurück und stehen der Musik als Kontrast gegenüber.

Jarrells 'Zeitfragmente' führen durch verschiedenartige Sphären. Raue Cluster heben die vier Musiker in aller Gewalt hervor und lassen die vielen Flageoletts zart und silbrig emporstehen. Klare Akzentuierungen stehen neben rhythmisch komplexen Abschnitten. Das Streichquartett wirkt stets geschlossen, so vielschichtig die Musik auch komponiert ist. Viele Stellen nehmen sie hart, lassen die Saiten knarren und schnarren. Doch immer wieder tauchen zarte Passagen im angenehm sanften Vibrato auf, erklingen fragile Gebilde, in denen die Töne gläsern, die polyphonen Strukturen kurz vor dem Zerbrechen scheinen. Eine innere Kraft der spannungsgeladenen Tongebung erhält diesen Augenblicken die Stimulanz, und ein Gefühl der Gespanntheit bleibt fast die komplette CD durch erhalten. Jedes Stück erhält Ausgewogenheit durch die detailverliebte Interpretation des Asasello-Quartetts. Die gegensätzlichen Passagen erklingen stets als schlüssige Form.

Diese Gegenüberstellungen scheinen sich als Leitfaden durch die drei Werke zu ziehen. Riehm, der genau wie Jarrell seine Komposition mit einem schroffen Durcheinander an rasanten Läufen beginnt, findet im weiteren Verlauf ebenso leise wie überraschend stille bis eisige Töne, wiederum wie Jarrell. Nancarrow teilt sein Streichquartett in drei Teile, wobei grob in zwei kräftigere, rauere Rahmenteile und einem ruhigen Mittelstück gegliedert werden kann. Durchgängig ist auch die Wandlungsfähigkeit der Streicher. Brutal schlagen sie im Riehm-Stück auf die Saiten und lassen die motorischen Melodien aneinander reiben. Dagegen stehen die mit klarem Ton ausgeführten akkordischen Schübe im Mittelteil des Riehmschen 'Tempo strozzato'. Dieses baut sich immer wieder wellenartig auf. Neben den elegischen Klangbauten schieben sich vereinzelte kreischende, sehr intensiv gespielte Blitze.

Was die Stücke nun mit der Zeit, in der Musik stets geschieht, zu tun haben, ob man dies im Titel zum Thema macht oder nicht, bleibt hier ganz dem Hörer überlassen. Viel Anreiz an Interpretation oder Hörhilfe erhält man durch das Booklet nicht. Die verschiedenen musikalischen Mittel, gefühlte Zeit dehnen oder verengen zu können, sind nicht neu. Dieser Aspekt allein kann also die Aufnahme nicht als herausragend einstufen. Davon abgesehen sind die zwei längeren Stücke, Jarrells 'Zeitfragmente' und Riehms 'Tempo strozzato' eher aneinander gebundene Einzelstücke. Die damit recht kleinteilig wirkende Musik entfacht kaum Gesamtdramaturgie, wenngleich die einzelnen Teile in sich viel Spannendes hören lassen.

Die CD bietet drei Stücke für Streichquartett, die in sich sehr Gegensätzliches bieten, jedoch untereinander keine großen Unterschiede aufweisen. Stilistisch bewegen sich alle drei Komponisten in ähnlichen Gefilden. Das Zeitproblem des Streichquartetts scheint demnach eher in der Moderne oder in deren Thematisierung zu liegen. Drei Quartette aus unterschiedlichen Stilrichtungen bzw. Epochen wären für den Hörer wahrscheinlich interessanter gewesen als drei ähnliche.

Das Asasello Quartett begegnet den Stücken mit viel Spiellust und Intensität. Kraftstrotzende Cluster-Explosionen und raue Melodieführungen stehen glänzenden Spielmomenten gegenüber, in denen man sich kaum zu atmen traut. Das Spiel des Quartetts ist energisch, kraftvoll und nuancenreich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




David Buschmann Kritik von David Buschmann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Echtzeit: Werke von Jarrel, Nancarrow & Riehm

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
04.10.2013
Medium:
EAN:

CD
4260036252927


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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