> > > Mittelalterliche & zeitgenössische Musik: Werke von Corbett, Nemtsov, Machaut u. a.
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Mittelalterliche & zeitgenössische Musik - Werke von Corbett, Nemtsov, Machaut u. a.

Machaut schallt immer noch


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wieder einmal stellt Genuin Alte und Neue Musik gegenüber. Die Bezüge der zeitgenössischen Komponisten zu Machaut sind abstrakt, aber die Musikerinnen von Mixtura lassen eine angenehm schlichte, extravaganzenlose Klanglichkeit entstehen.

Sanft schleichende Töne eröffnen diese Einspielung. Schalmei und Akkordeon spielen die 'Messe de Nostre Dame' mit den Sätzen 'Kyrie–Christe–Kyrie', 'Gloria' von Guillaume de Machaut. Die Instrumentenkombination klingt erst einmal bizarrer als es beim Hören der Fall ist. Die beiden Instrumente ergeben ein sehr angenehmes, schlichtes Klangbild. Ohne Künstelei erkennt man das Werk nicht nur wieder, sondern findet sich darin sofort zurecht. Die Schalmei, die an sich schon etwas Altertümliches mitbringt, zieht dabei lange getragene Melodiebögen, während das Akkordeon harmonisch unterstützt. Dabei ist das schwellende, getragene Auf und Ab der spätmittelalterlichen Musik auf beiden Instrumenten elegant ausgeführt. Das einzige Manko an dieser Instrumentierung ist, dass sich Solo- und Begleitinstrument gegenüberstehen und die Stimmen nicht diese enge Verbindung eingehen, wie es bei der originalen Sängerbesetzung der Fall ist. Die Oberstimme wirkt so eher wie ein Kontrast zum Unterbau.

Dann lassen gleißend hohe Akkordeonklänge aufhorchen, plötzlich treten ungewohnt dissonante Töne hinzu. Der Tonumfang ist um ein Vielfaches erweitert und die Strukturen verlaufen sich. Werke Guillaume Machauts bilden den Rahmen, aber nicht den gesamten Inhalt der CD. Ihnen gegenüber stehen zeitgenössische Werke von Sidney Corbett (* 1960), Sarah Nemtsov (* 1980) und Samir Odeh-Tamimi (* 1970). Die drei Komponisten gehen unterschiedlichen Wegen in Richtung Machaut nach: auf ihn zu, an ihm vorbei und um ihn herum. Sidney Corbett, dessen 'Archipel Machaut' als Namensgeber der CD fungiert, zieht einzelne Töne aus Machauts Stücken heraus und baut daraus Motive, die wiederum als Kern seines Stückes dienen. Diesen vertrackten Bezug zu Machaut kann man der Musik nicht anhören. Sie bildet durch ihre Klangsprache, Melodie, Harmonie, Rhythmus, schlicht durch ihren gesamten Charakter einen Kontrast zum vorherigen Stück. Dementsprechend verändert sich der musikalische Zugriff der Interpretinnen. Bäumls Ton auf der Schalmei wird sehr agil; sie umstreift die Töne. Die Dynamik geht, parallel zum Tonumfang, nun viel weiter auseinander. Dabei sind die Musiker auf vielfältige Weise technisch gefragt. Auf leise, klirrende Figuren und schwebende Harmonien folgen brutale Cluster und kräftige Marker. Solche Gegensätze wissen die beiden Musikerinnen voll auszuspielen.

Sarah Nemtsovs Stück 'Briefe – Heloisa' zieht keine direkten Verbindungen zu Machaut, sondern nimmt laut Booklet einen ‚Schleier der Musik von Machaut’ auf. Das Werk stammt aus dem Briefe-Zyklus der Komponistin, in dem sie sich auf verschiedene Briefwechsel bezieht. 'Briefe – Heloisa' bringt einen Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise zum Klingen. Die Stücke von Nemtsov gehen über die reine Tonkomposition hinaus und beziehen theatrale Element mit ein. Diese sind ebenfalls hörbar, auch wenn der optische Reiz durchaus fehlt. Zerreißendes Papier, Tritte auf den Boden und darüber hinaus auch Singen und Summen der beiden Musikerinnen lassen dem CD-Hörer eine Ahnung vom ‚absurden Tanz’ in diesem Stück geben. Die Spielweise der Schalmei ist wiederum um Mikrotonalität, Multiphonics, Flatterzunge und mehr erweitert. Im wahrsten Sinne des Wortes haben beide Instrumentalistinnen alle Hände voll zu tun und meistern dieses Furioso der Klangmöglichkeiten scheinbar spielerisch. Trotz der Unterschiedlichkeit und Menge an Spielvarianten behalten sie stets eine Ausgewogenheit bei. Jeder Ton, jeder Kratzer und jeder Papierriss sitzt und fügt sich in den Verlauf ein. Spieltechnisch auf sehr hohem Niveau geben sie den zeitgenössischen Stücken eine charmante Virtuosität, so wie sie den mittelalterlichen ruhige Eleganz verleihen.

Neben dem ältesten bekannten Messzyklus stehen noch einige kurze Machaut-Stücke als Rahmen auf dem Programm. Dabei dient das 'Douce dame jolie' als wiederkehrendes Thema. Mal als Akkordeon-, mal als Schalmeisolo, lockert dieses einminütige tänzerische Stückchen die getragene Atmosphäre der sonstigen Werke Machauts und der Aufmerksamkeit fordernden zeitgenössischen Stücke an vier Stellen das Programm auf. Samir Odeh-Tamimi bemühte sich im Gegensatz zu den beiden zeitgenössischen Komponistenkollegen nicht um einen konstruierten Bezug zu Machaut, sondern sieht sein Werk ÒD (Hebräisch: noch) als eine Selbstbehauptungsgeste. Wiederum durch moderne Spielweisen erweitert, können das Stück als auch dessen Ausführende erneut ein Ausrufezeichen setzen. Wie bereits bei Nemtsov übernehmen die aufbrausenden heftigen Klangbrüche keine Dominanz, wenn auch das Stück insgesamt vor allem raue Klänge und geraffte Rhythmen beinhaltet. Stets wird ein Gestus klanglicher Sinnlichkeit zurückgewonnen: eine Leistung der Komponisten als auch der beiden Musikerinnen. Trotz Mannigfaltigkeit der klanglichen Eindrücke lassen die Stücke nicht den Eindruck des Disparaten zurück. Immer wieder finden Bäuml und Kern zu einer machaut’schen Ruhe zurück.

Die beiden Musikerinnen Katharina Bäuml (Schalmei) und Margit Kern (Akkordeon), die sich zu dem Duo Mixtura zusammengefunden haben, lassen immer wieder gern Altes und Neues miteinander in Berührung treten. Die Schalmei dient als Instrument der Renaissance und das Akkordeon als Repräsentant der Neuen Musik. Die Werke vorliegender Aufnahme sind – natürlich mit Ausnahme der Werke von Machaut – explizit für diese Besetzung entstanden. Arrangiert haben Bäuml und Kern die Werke Machauts eigenhändig. Den Abschluss bildet 'Ma fin est mon commencement', wiederum von Machaut. Nach dem dissonanzreichen und aufwühlenden Stück Odeh-Tamimis tänzelt noch einmal mittelalterliche Leichtigkeit. Die einzige Stelle, an der so etwas wie Komik aufkommt. Feinfühlig und vielsagend klingt die Musik und die darin liegende Botschaft. Wofür ist dieses Ende ein Anfang?

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





David Buschmann Kritik von David Buschmann,


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    Mittelalterliche & zeitgenössische Musik: Werke von Corbett, Nemtsov, Machaut u. a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
04.10.2013
Medium:
EAN:

CD
4260036252842


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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