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Donnerstag, 28. Oktober 2021

Shostakovich, Dmitry - Zoya Suite

Dunkel, lauernd, dramatisch


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vladimir Ashkenazy erweist sich als idealer und starker Deuter dieser selten zu hörenden Werke aus dem vokal-orchestralen Schaffen von Dmitrij Schostakowitsch.

In der sogenannten Tauwetter-Phase um 1960 begann Schostakowitschs Zusammenarbeit mit dem jungen Dichter Jewgenij Jewtuschenko (geb. 1932). Der Text zu Schostakowitschs Dreizehnter Sinfonie, deren Uraufführung zu den glücklichsten Erinnerungen für den Komponisten gehörte, geht auf Jewtuschenko zurück – der sich seinerseits von dem fünfsätzigen kompositorischen Meisterwerk zu einem Gedichtzyklus über Stoffe der russischen Geschichte inspirieren ließ. Eines dieser Gedichte nutzte Schostakowitsch wiederum für eine bis heute nur sehr selten aufgeführte Kantate für Bariton, Chor und Orchester mit dem Titel 'Die Hinrichtung des Stepan Razin' op. 119. Es geht darin um den Kosakenführer Stenka Razin, der im 17. Jahrhundert einen Aufstand gegen den Zaren anzettelt und hingerichtet wird.

Schostakowitsch entfaltet die Handlung in seiner 1964 vollendeten Kantate mit dramatischer Intensität, wobei nicht nur das Gejohle des Volkes bei Ankunft des zum Tode Verurteilten in den frenetischen Aufschwüngen des Chors erfasst wird, sondern auch die verzweifelte Ernüchterung des Protagonisten in einem bewegenden Monolog kurz vor der Exekution und die chaotische Situation danach, wenn das abgeschlagene Haupt des Rebellen den Zaren verlacht. Dem Solobariton kommt hier sowohl die Rolle des Erzählers als auch des Protagonisten zu. Der chinesische Bass-Bariton Shenyang trifft die unterschiedlichen Tonfälle des resignierten Stenka Razin und des innerlich beteiligten Erzählers mit gleicher expressiver Wucht. Sein Vortrag ist von großer Gespanntheit und vokaler Fülle, innerhalb derer er Freiräume stimmlicher Schattierung wirkungsvoll nutzt.

Zur atmosphärischen Intensität der unterschiedlichen dramatischen Situationen trägt das dunkle, straffe Spiel des Philharmonischen Orchesters Helsinki unter der Leitung von Vladimir Ashkenazy ganz wesentlich bei. Der russische Dirigent evoziert einen bis tief ins Mark erschütternden Klang von tiefer Schwärze. Streicherlinien sind dünn wie Fäden gesponnen, aber tragkräftig, das Schlagwerk dröhnt untergründig, die für Schostakowitsch typischen tiefen Holzbläserfarben verleihen der Musik eine beißende Note. Ashkenazy treibt das Geschehen ohne Hast, aber mit der richtigen Dosis dramatischer Schubkraft voran, gibt den unerbittlichen Marsch-Passagen die nötige Gewalt, doch am meisten beeindruckt nach den gewaltigen Steigerungen die mit Spannung erfüllte Stille vor der Hinrichtung. Hier wird das große Potential des Philharmonischen Orchesters Helsinki deutlich, das selbst in unteren dynamischen Regionen, ausgedünntem Tonsatz und fahlen Farben ein Höchstmaß an Spannkraft bietet. Nicht weniger beeindruckend ist die Leistung des Staatschores Lettland, der den verschiedenen Stimmungslagen der Volksmenge lebhaften Ausdruck mit großer emotionaler Bandbreite und ausgeglichenen Registern verleiht.

Auch in der von Lev Atomvyan zu einer fünfsätzigen Suite (op. 64a) zusammengestellten Filmmusik zu ‚Zoya‘ kommt der Chor zum Einsatz, allerdings nur im ersten Satz, in dem nach reichlich pathetischem Anfang der goldene Heimatboden der Partisanin Zoya in volksliedhafter Schlichtheit besungen wird. Am stärksten ist hier dritte Satz – es ist die Orchestrierung von Schostakowitschs es-Moll-Präludium op. 34 –, der von einer elegischen Linie zu einem wuchtigen Trauermarsch und wieder zurück führt – allein die paradoxe Metapher der eiskalten Einfühlsamkeit vermag sprachlich zu erfassen, in welche Ausdrucksbereiche Vladimir Ashkenazy und das Philharmonische Orchester Helsinki hier vorstoßen. Die wunderbar differenzierte Klangtechnik fängt die ganze dynamische Bandbreite und die subtilen instrumentatorischen Details erstklassig ein, ohne den Klang – wie es für Ondine-Produktionen jüngerer Zeit charakteristisch wurde – allzu sanft einzuhüllen.

Der abschließende Teil dieses Kleinods im Programm des finnischen Labels Ondine sind Bearbeitungen finnischer Volkslieder, die Schostakowitsch 1939 vorgenommen hat. Da der Notentext keine Zuweisung an eine männliche oder weibliche Stimme macht, werden die sechs kurzen Volksweisen (samt einem elegischen Instrumentalsatz) alternierend von der Sopranistin Mari Palo und dem Tenor Tuomas Katajala übernommen, zum Teil sogar innerhalb eines Liedes wechselnd. Beide verfügen über eine hell timbrierte, flexible Stimme, was dem munteren Erzählton der – wie es fürs Finnische charakteristisch ist – metrisch unregelmäßigen Lieder in bester Weise entgegenkommt. Abgerundet wird diese in jeglicher Hinsicht vortreffliche Produktion durch ein Beiheft, in dem sämtliche Texte in russischer und englischer Sprache abgedruckt sind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Shostakovich, Dmitry: Zoya Suite

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
19.08.2013
Medium:
EAN:

CD
761195122525


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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