> > > Wagner, Richard: Das Rheingold
Dienstag, 30. November 2021

Wagner, Richard - Das Rheingold

Musikalisch neu erzählt


Label/Verlag: Mariinsky
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Valerij Gergiev setzt seinen Petersburger 'Ring' mit dem 'Rheingold' fort.

Die Spannung war groß auf dieses 'Rheingold' nach der gefeierten Marinskij-'Walküre' mit Rene Pape, Nina Stemme und Jonas Kaufmann. Um es vorweg zu sagen: Auch Valerij Gergievs Einspielung des Vorabends hat Ereignischarakter. Das liegt vor allem am Dirigenten und dem offenbar perfekt auf ihn eingeschworenen Marinskij-Orchester, die mit einer ungewöhnlichen, aber extrem überzeugenden Lesart verblüffen.

Gergiev nimmt Wagner sozusagen beim Wort: Er erzählt die Vorgeschichte. Sein Ansatz ist episch. Hier entfaltet sich kein Drama. Hier wird eine Geschichte erzählt, sehr distanziert und sehr klar, gleichsam illustriert vom Orchester. Jeder sinnliche Überschwang ist getilgt, Wagners viele Orchestereffekte werden mit Understatement vermittelt oder brillant ausgestellt wie etwa der erste Auftritt der Riesen oder Fasolts Tod. Überhaupt die Riesen: Evgeny Nikitins Fasolt, ein Bariton(!) hat jeden Ton der Rolle, ist aber eher Bariton. Mikhail Petrenko gebietet vollständig über Fafners Tiefen und kann auch eine Aura der Schwärze erzeugen, aber beide haben ungewohnt helle Stimmen für die Partien, wirken, profan gesagt, maximal 1,80 groß.

Gergiev will Menschen, keine Fabelwesen. Und er will, dass man ihnen allen zuhört. Seine Tempi wirken langsam, sind es aber nicht. Er dirigiert unaufgeregt flüssig, hält sich an den sehr differenziert musizierten Übergängen nicht auf und nimmt namentlich den Schluss, den instrumentalen Nachklang, sogar fast rasend schnell, lässt weder C-Dur-Bombast noch Ironie zu. Die kompletten zweieinhalb Stunden spielt das aufnahmetechnisch perfekt ausgesteuerte Orchester feinsinnig und vor allem durchsichtig, deckt die Sänger nicht einmal zu und befördert die Textverständlichkeit. Wie in der 'Walküre' hat Gergiev kleinere Wackler bei Sängern und Instrumentalisten in der aus mehreren Konzerten zusammengebauten Aufnahme gelassen, zugunsten eines Eindrucks von Spontaneität und Lebendigkeit.

Unter den Sängern sticht erneut Rene Pape heraus. Der 'Rheingold'-Wotan liegt ihm eigentlich deutlich zu hoch. An einigen Stellen muss er schummeln, bei Forte-Tönen im hohen Register hört man die Anstrengung, aber: Welch ein Rollenporträt! Pape bietet scheinbar mühelosen Legatogesang, bestechenden Umgang mit dem Text und eigenständige, sehr differenzierte und farbenreiche Phrasierung. Dieser Wotan kann einem tatsächlich ans Herz wachsen. Ekaterina Gubanova führt ihre Stimme ein wenig introvertiert, begeistert aber als Fricka durch schönes Timbre und weiche klare Artikulation. Nikolai Putilin trumpft als Alberich mächtig auf, ohne je zu dröhnen oder unmusikalisch zu werden, hat aber, zumal in der Nibelheim-Szene schwer mit der deutschen Sprache zu kämpfen. Die Enttäuschung der Aufnahme ist Stephan Rügamers matter, dumpfer, wie auf Sparflamme singender Loge. Er artikuliert sauber, aber die Stimme wirkt zu klein, zu phlegmatisch geführt, ohne Expansionskraft. Rügamer traut sich nicht grell zu sein, sarkastisch oder maliziös, er bleibt nüchtern – und langweilig. Unter den Nebendarstellern empfehlen sich der durchschlagskräftige Donner von Alexei Markov und die aus einem guten Rheintöchter-Terzett herausragende Altistin Ekaterina Sergeeva. Orchestral ist dieses 'Rheingold' nah am Referenzaufnahmen-Status.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Das Rheingold

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Mariinsky
2
01.09.2013
Medium:
EAN:

CD
822231852629


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Mariinsky

Das Mariinsky-Theater gehört zu den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Zu Sowjetzeiten in Kirow Theater unbenannt, trägt es seit 1992 wieder seinen ursprünglichen Namen. Seit 1996 ist Valery Gergiev dem Haus als künstlerischer Leiter und Intendant verbunden. Auf dem hauseigenen Label werden die herausragende künstlerische Leistung dieses traditionsreichen Hauses dokumentiert. Das Repertoire umfasst neben Oper auch das große symphonische und konzertante Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts.


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