> > > Gesualdo, Carlo: Responsorien zum Karfreitag (1611)
Samstag, 19. Oktober 2019

Gesualdo, Carlo - Responsorien zum Karfreitag (1611)

Klagegesänge


Label/Verlag: Phi
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gesualdos späte geistliche Musik: Philippe Herreweghe und das Collegium Vocale Gent legen eine souveräne Interpretation der Responsorien für die Karwoche vor.

Weil er als Fürst sein eigener Herr war, konnte Carlo Gesualdo komponieren, wie er wollte. Wer seine Musik vor allem mit spektakulären Effekten und proto-modernen Klangskandalen verbindet, könnte von den Responsorien für die Karwoche aus dem Jahr 1611 enttäuscht werden (und sollte lieber zu den Madrigalen greifen). Gesualdos späte geistliche Musik mutet vergleichsweise zahm an.

Das chorisch besetzte Collegium Vocale Gent gestaltet die Vokalkomposition so aussagekräftig wie ausdruckstief. Philippe Herreweghe, ein Veteran der Historischen Aufführungspraxis, dirigiert. Neben den vollständig eingesungenen Tenebrae-Responsorien (27 sind es an der Zahl) runden zwei kurze geistliche Werke die Einspielung ab. Die Doppel-CD erscheint auf Herreweghes Label Phi. Die Aufmachung ist nobel, der Klang konturiert; manchmal wäre weniger Hall für die Textverständlichkeit von Vorteil.

Extravaganzen gibt es gleichwohl auch in den Klagegesängen. Der Komponist sorgt für Gänsehaut, wenn er im sechsten Responsorium von Karsamstag dort, wo die Gerechten hinweggerafft werden (‚viri justi tolluntur‘), die Melodie fast vergnügt hinabhüpfen lässt. Wenn die Jünger fliehen (‚Vos fugam capietis‘ im zweiten Responsorium von Gründonnerstag), ist das ein Aufruhr, doch der Rahmen wird nicht gesprengt. Andere Interpreten mögen diese und vergleichbare Stellen greller, ja krasser herausstellen – das Collegium bindet sie in ihre Umgebung ein und behält dabei immer das Ganze im Blick.

Keine Besprechung eines Gesualdo-Werks ohne den Mord! Der Fürst brachte seine Ehefrau und deren Liebhaber um, was zum berühmt-berüchtigten Ruf des Komponisten wahrscheinlich mehr beigetragen hat als die Musik selbst. Doch es führt nicht weit, auch dieses Werk auf das Ereignis zu beziehen und Bekenntnis und Bitte um Gnade heraushören zu wollen, vielmehr: Es mag funktionieren, schränkt jedoch den Blick auf die Komposition und ihre Faktur unnötig ein.

Gesualdos delikate Harmonik bringt immer wieder Dissonanzen hervor: Sauber und ganz natürlich singt sie das Collegium Vocale Gent. Herreweghes Interpretation lebt nicht nur von einer sensiblen Textdeutung, sondern auch von einem bewussten Umgang mit dem, was sich als das Verhältnis von Ballung und Öffnung des Satzes bezeichnen ließe. Gefühlvoll werden die Pausen gesetzt. Die Stimmen mischen sich gut. Die Wärme und Homogenität des Vokalklangs zeigt sich besonders deutlich im 'Recessit pastor noster' von Karsamstag: Wie die Mittellage mit der Dur-Terz die tragfähige Basstiefe komplettiert, das ist einer der Höhepunkte dieser Einspielung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gesualdo, Carlo: Responsorien zum Karfreitag (1611)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Phi
2
01.09.2013
Medium:
EAN:

CD
5400439000100


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Phi

Der griechische Buchstabe φ (PHI - die Übereinstimmung mit den Initialen von Philippe Herreweghe ist nicht ganz zufällig) versinnbildlicht die Ambitionen des Labels. Er ist das Symbol für den goldenen Schnitt, für die Perfektion, die man in den Staubfäden der Blumen findet, für griechische Tempel, Pyramiden, Kunstwerke der Renaissance oder für die Fibonacci-Zahlenfolge. Seit der frühesten Antike steht dieser Buchstabe im eigentlichen Sinne für Kontinuität beim Streben nach ästhetischer Perfektion.
Mit der Realisierung dieses Katalogs erfüllt sich Philippe Herreweghe seinen Herzenswunsch, die Ergebnisse seiner musikwissenschaftlichen Forschungen und der im Laufe einer langen Karriere gewonnenen Erfahrungen hörbar werden zu lassen.
Mit vier bis fünf Neuproduktionen pro Jahr wird der Katalog Aufnahmen des wichtigsten symphonischen und chorischen Repertoires umfassen, Polyphonisches und natürlich die Werke von Johann Sebastian Bach, die Philippe Herreweghe in dem Bestreben wieder aufgreifen wird, immer vollendetere Versionen zu schaffen.


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