> > > Bach, Johann Sebastian: Solokantaten für Bass
Samstag, 19. Januar 2019

Bach, Johann Sebastian - Solokantaten für Bass

Kernbestand


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Basskantaten Johann Sebastian Bachs in einer überzeugenden Deutung von Dominik Wörner und dem klangfreudigen Ensemble Il Gardellino.

Aus dem reichen Kantatenschaffen Johann Sebastian Bachs ragen einige Kantaten für nur eine vokale Solostimme etwas heraus, bringen sie doch entweder eine enorm gesteigerte Virtuosität, wie es bei der Soprankantate 'Jauchzet Gott in allen Landen' der Fall ist. Oder sie finden zu einer besonderen Intensität der Aussage, zu einer speziellen Innigkeit zwischen Text und musikalischer Explikation. Zu diesen Beispielen zählen zweifellos die beiden Kantaten für Solobass 'Ich habe genug' BWV 82 und 'Ich will den Kreuzstab gerne tragen' BWV 56. Beide bilden das Zentrum der aktuell vorliegenden Platte von Dominik Wörner und dem Ensemble Il Gardellino unter der Leitung des Geigers Ryo Terakado. Ergänzt wird das Programm um das Fragment BWV 158 'Der Friede sei mit dir' und die kleine weltliche Kantate 'Amore traditore' BWV 203. Ein attraktives Programm für jeden ambitionierten Bassisten also.

Die einleitende Kantate 'Ich habe genug' zieht auch den Hörer der Gegenwart mit ihrer sehr persönlichen, verinnerlichten Aussage in ihren Bann – mit einem klaren Text in feiner, frischer Poesie, frei von barocken Wucherungen, der von Bach ideal in Musik übersetzt ist und einen unzweifelhaften Höhepunkt in seinem gesamten Kantatenschaffen abbildet. Die heitere Todessehnsucht des greisen Simeon, der den geweissagten Heiland gesehen hat, macht sich ohne jede Düsternis und Schwere auch dem modernen Ohr und Gemüt verständlich.

Auch die sogenannte Kreuzstabkantate spricht das hörende Individuum in besonderer Weise an – mit Reflexionen zum Lebensweg, zu dessen Ziel und den allfälligen Gefährdungen. All das findet sich hier umschlossen, wiederum aufgelöst in einer fast frohgemuten, erwartungsvollen Gewissheit des ewigen Lebens. Voller Sehnsucht wird der Tod als Schlafes Bruder angesprochen – diesen Gedanken heute ganz individuell und konsequent zu Ende zu denken, auch für den jüngeren Menschen, kostet sicher einige Anstrengung.

Neben diesen Gipfelwerken fällt die Kantate BWV 158 zwar nicht qualitativ, aber auf Grund ihres fragmentarischen Charakters in ihrer Gesamtwirkung doch ab. Erst recht gilt das für die kurze weltliche Kantate BWV 203, die zudem instrumental nur mit schlichtem Continuo besetzt ist.

Könner mit kleinen Disbalancen

Dominik Wörner, der 2002 den Bach-Wettbewerb in Leipzig gewann, hat eine bemerkenswerte Karriere aufgebaut, mit etlichen starken Präsentationen im oratorischen Bereich des Barock, solistisch wie im wunderbaren Ensemble Sette Voci gleichermaßen überzeugend. Er verfügt über wunderbare stimmliche Mittel – eine sonore, freie, insgesamt prachtvolle Tiefe wird von einer sicheren Höhe ohne jeden klanglichen Zwang gekrönt. Wörner bewegt sich absolut souverän im Klangstrom, hat folglich nicht zufällig besondere Stärken im Lyrischen. Die Diktion ist hervorragend, das Geschehen auf dieser Basis schlüssig gegliedert, plastisch aufgebaut und sinnfällig gedeutet. Auch die Intonation lässt keine Wünsche offen.

Manch belebte Passage wirkt in eher verhalten genommenen Tempi primär technisch aufgefasst, in rascherem Lauf glückt das überzeugender. Und bei allen linearen Qualitäten scheinen manche Liegetöne immer wieder zu unbelebt und statisch, fehlt ihnen Entwicklung, erblühen sie nicht genug. Da sind gelegentlich noch mehr klingende Dimensionen vorstellbar.

Das Ensemble Il Gardellino um den Oboisten Marcel Ponseele, den Flötisten Jan de Winne und den Cellisten Balázs Máté entfaltet unter der musikalischen Leitung des ersten Geigers Ryo Terakado in schmaler Besetzung einen luxuriösen Gesamtklang. Feine Streichregister harmonieren glänzend mit den Holzbläsern, allenfalls gelegentlich wird das klingende Ergebnis etwas zu dicht – vor allem die beiden Choräle scheinen nicht perfekt balanciert, verschatten sie doch die auch oberhalb Dominik Wörners exquisite Vokalbesetzung, bestehend aus den beiden Altisten Franz Vitzthum und Beat Duddeck sowie dem Tenor Satoshi Mizukoshi, klanglich etwas zu sehr.

Das Klangbild zeichnet das konzentrierte Geschehen aber grundsätzlich sehr gelungen nach: Klar, mit einer gewissen räumlichen Größe, in der instrumentalen Sphäre auch üppig, insgesamt sehr harmonisch. Im Booklet überzeugt neben der feinen Gestaltung der schlüssige und gedankenreiche Text von Gilles Cantagrel.

Dominik Wörner lässt einen rundum gültigen Beitrag zu diesem Kernbestand unter den Kantaten Johann Sebastian Bachs hören, wenngleich keinen durchgehend herausragenden. Durchaus interessant ist die knappe weltliche Kantate, ein eigener Kosmos freilich sind die fabelhaften Kantaten BWV 56 und 82: Bach auf der höchsten Höhe seiner Kunst.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Bach, Johann Sebastian: Solokantaten für Bass

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
01.09.2013
EAN:

5425004849977


Cover vergössern

Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Passacaille:

  • Zur Kritik... Luzide: Bachs Weihnachtsoratorium mit der Musica Fiorita kammermusikalisch: Das funktioniert ästhetisch gut. Nach den Explorationen und Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte ist man geneigt zu fragen: Warum auch nicht? Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Altenglische Kostbarkeiten: Eine betörende Sammlung von altenglischen Preziosen, kongenial dargestellt. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Il Gardellino spielt Beethovens Kammermusik für Blasinstrumente: Auch wenn es sich bei dieser Aufnahme nicht um eine Rarität handelt, hat sie doch einen gewissen Seltenheitswert, sodass der geneigte Hörer sicher bereit ist, bei kleinen Schönheitsfehlern ein Auge zuzudrücken. Weiter...
    (Sonja Jüschke, )
blättern

Alle Kritiken von Passacaille...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Goldstandard: Das Orlando Consort steht seit einigen Jahren für den Goldstandard bei Guillaume de Machaut. Und die Vokalisten setzen das im sechsten Teil ihrer Reihe ohne Mühe fort. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Nordisch: Wenn Sjaella die anderen Himmelsrichtungen mit der gleichen Verve und dem gleichen künstlerischen Temperament angeht, dann besteh Grund zur Vorfreude. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Über Zeiten hinweg: Eine typische Produktion der Lautten Compagney: ambitioniert programmiert und ebenso subtil wie mitreißend gespielt und gesungen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Goldstandard: Das Orlando Consort steht seit einigen Jahren für den Goldstandard bei Guillaume de Machaut. Und die Vokalisten setzen das im sechsten Teil ihrer Reihe ohne Mühe fort. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Spannender 'Macbeth' mit eklatanter Schwäche: Gäbe es in einer zentralen Partie keinen Totalausfall, müsste man diesen 'Macbeth' dringend empfehlen. So bleibt er ein Dokument für historisch Interessierte oder eingefleischte Fans einzelner Künstler. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Lebendige Musik: Rubén Dubrovsky interpretiert zusammen mit Andreas Scholl, dem Salzburger Bachchor und dem Bach Consort Wien Werke von Antonio Vivaldi aus seiner Zeit als künstlerischer Leiter in einem venezianischen Waisenhaus. Weiter...
    (Anneke Link, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (4/2018) herunterladen (2986 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (1/2019) herunterladen (2248 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Ferdinand Ries: String Quartet No.1 op.70,1 in F major - Menuetto, Allegro

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich