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Mittwoch, 30. November 2022

Wagner, Richard - Das Rheingold

Ein 'Ring' zwischen allen Stühlen


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In Guy Cassiers Inszenierung von Wagners 'Rheingold' tritt weder Mythenstimmung noch der Anspruch einer gesellschaftskritischen Deutung hervor, doch Daniel Barenboim rettet den Abend.

Es scheint keine Inszenierung vom 'Ring des Nibelungen' zu geben, die ohne Absolutheitsanspruch auskommt. Vielleicht liegt es an Wagners Musik oder der Gigantomanie des Werkes, vielleicht auch einfach nur am Größenwahn der 'Ring'-Regisseure. Ein ‚Ring für das 21. Jahrhundert’, wie das Beiheft titelt, ist Guy Cassiers Inszenierung von der Mailänder Scala 2010 jedenfalls nicht. Wenn dies der Anspruch war, so kann das Vorhaben als gescheitert gelten.

Denn Cassiers schafft zwar künstlerische und ästhetische Bilder, lässt aber jede Art von Anspruch einer gesellschaftsrelevanten Deutung, den eine überzeugende Inszenierung im 21. Jahrhundert mitbringen sollte, außen vor. Auch werden hier weder Mythen dargestellt noch dekonstruiert. Stattdessen tummelt sich ein Konglomerat von Einflüssen der Pop-Kultur, die mit dem Vorschlaghammer betonen: Ja, Wagner ist modern. Ein Ballett als Teil der Szenerie einzusetzen ist ebenfalls keine wirklich neue Idee, zumal die Umsetzung hier mit Reflektionen und Dopplungen der Charakter-Interaktionen teilweise erstaunlich plump ausfällt. Da nützt auch die technische und ästhetische Perfektion der Eastman Ballet Company Antwerpen nichts.

Daniel Barenboim hingegen bewegt sich auf gewohnt hohem Niveau. Seine musikalische Interpretation kommt dem Ideal eines schlanken, beweglichen und durchhörbaren Wagner-Klangs so nahe wie nur irgend möglich. Die Tempi sind mit traumwandlerischer Sicherheit gewählt, sodass der Spannungsbogen stets erhalten bleibt, ohne einzelne Szenen unnötig in die Länge zu ziehen. Das Orchester der Mailänder Scala tut hier das Übrige und schafft eine große Klangfülle und Dynamik, ohne jemals die Solisten zu überdecken. Auch technisch ist dies in der DVD-Fassung hervorragend eingefangen.

Die Darstellungen der Charaktere und Leistungen der Solisten fallen indes unterschiedlich aus. Erzbösewicht Alberich wird von Johannes Martin Kränzle als wahnsinniger Despot mit Welteroberungsplänen gegeben. Während seine großen Narben an den Mundwinkeln an die Figur des Jokers aus den ‚Batman’-Filmen erinnern, scheint sein zum Glitzerhandschuh mutierter Ring geradewegs dem Inventar einer Bühnenshow von Michael Jackson zu entspringen. Dass er in der vierten Szene dann auch noch die Gestik der Figur des Gollum aus dem ‚Herr der Ringe’ übernimmt, war fast vorauszusehen.

René Pape bietet einen sonoren Wotan mit viel Grandeur, zu der er sowohl das Format als auch die Stimme besitzt. Unerklärlich also, weshalb ihm scheinbar jemand ein ‚graues’ Auge geschlagen hat, das er statt der üblichen Augenklappe zur Schau stellt. Stephan Rügamer klingt als Loge etwas zu nasal, überzeugt jedoch schauspielerisch als Erzähler, Berater und flinker Wirbelwind. Hier ist die Assoziation zum verrückten Professor nicht weit; seltsam muten nur die Schnurrbart-Koteletten an. Die Fricka der Doris Soffel neigt etwas zur Hysterie; hier wäre die 'Walküre' für ein abschließendes Urteil abzuwarten.

Jan Buchwald und Marco Jentzsch liefern als Donner und Froh solide Leistungen, was von den Riesen leider nicht behauptet werden kann. Kwangchul Youn ist als schmachtender Fasolt eindeutig fehlbesetzt, da er der Rolle weder stimmlich noch körperlich gewachsen ist. Sein böser Bruder Fafner kommt mit Timo Riihonen eindrucksvoll daher, neigt jedoch zu einem flachen, kehligen Ansatz. Ihre Auftritte werden von Schatten-Scheinriesen auf der Leinwand begleitet, die ihre Hände gierig nach der unschuldigen Freia ausstrecken.

Diese Visualisierung zählt noch zu den gelungeneren Dopplungen. Wenn Wotan und Fricka in ihrem ersten Gespräch von einem tanzenden Paar begleitet werden, das scheinbar als Bindeglied und Verstärkung des emotionalen Ausdrucks wirken soll, so schafft dies mehr Unruhe als ästhetischen Gewinn. Das gleiche gilt für Loges Auftritt und Teile der Nibelheim-Szenen, in denen die eben noch als Nibelungen agierenden Tänzer abwechselnd zu Alberichs Thron, Tarnhelm und Pantomimen werden.

All das ist hübsch anzusehen, lässt jedoch die ungute Vermutung aufkommen, dass mit all der Aktion ein Mangel an Personenregie kaschiert werden soll. Doch Alberich und Mime bemühen sich nach Kräften, diese zu widerlegen. Kränzle schießt dabei übers Ziel hinaus und vermittelt mehr eine Karikatur Alberichs, wenn er auch gesanglich souverän agiert. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke kann jedoch als Entdeckung des Abends gelten. Die Gefahr der Selbstkarikatur umschifft er souverän und schafft einen so natürlichen Mime, dass man unwillkürlich Mitleid mit der gebeutelten Kreatur empfinden muss.

Nachdem Alberich seine Verwandlungskunst zur Schau gestellt hat und dabei von Loge gefasst wurde, werden die Nibelungen zu seinen Ketten: Die er rief, die Geister, wird er nun nicht los. Das so eingespannte Heer kann sich nicht mehr um den Hort kümmern, der sich praktischerweise in handlichen Goldplatten selbst anliefert. Diese lassen sich auch wunderbar einfach in den dafür vorgesehen, auffahrenden Tablettwagen schieben, der Freia verdeckt.

Weitere ermüdende Dopplungen begleiten den Mord Fafners an Fasolt, unbefriedigend auch das Ende, bei dem die Brücke nach Walhall durch eine gleißend weiße Leinwand ersetzt wurde. Den einzigen Lichtblick bietet da Anna Larsson, die als Erda einen packenden und stimmlich klangvollen Auftritt zeigt. Insgeheim wünscht man sich jedoch bei all dem bunten Nichts ins Halbdunkel der ersten Szene auf dem Grund des Rheins zurück, noch bevor die Rheintöchter Kamera und Videoleinwände auspackten. Es bleibt der Eindruck eines 'Rings' zwischen allen Stühlen, der nicht weiß, ob er modern oder traditionalistisch, mythenhaft oder dekonstruierend sein will und folglich nichts von allem ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:





Sebastian Posse Kritik von Sebastian Posse,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Das Rheingold

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
09.09.2013
Medium:
EAN:

DVD
807280169393


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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