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Samstag, 23. Oktober 2021

Hindemith, Paul - Violinkonzert

Alles andere als brav


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Christoph Eschenbach brilliert mit einer Hindemith-CD, die drei sehr unterschiedliche Kompositionen aus den 1930er und 1940er Jahren enthält.

Nach einigen sehr guten Veröffentlichungen mit Werken Paul Hindemiths folgt mit dieser bei Ondine veröffentlichten CD eine ganz andere, aber nicht minder exzellente Produktion mit Werken des Jubilars. Der Dirigent Christoph Eschenbach hat für seine gemeinsam mit dem NDR Sinfonieorchester realisierte Einspielung drei sehr unterschiedliche Kompositionen mit großer Orchesterbesetzung aus der Zeit nach 1930 gewählt und diese live in der Hamburger Laeiszhalle aufgenommen. Dieser Ausgangslage ist wahrscheinlich auch der leicht dumpfe Ton der CD geschuldet, der zwar die blechbläsergesättigte Interpretation Eschenbachs unterstreicht, den Klang der hohen Holzbläser und Streicher aber ein wenig unterdrückt.

Den Beginn macht das jüngste und vielleicht auch bekannteste dieser Werke, die 'Sinfonischen Metamorphosen über Themen Carl Maria von Webers' (1943). Schwungvoll nähert sich Eschenbach der erfindungsreichen Partitur: Das Orchester musiziert im Kopfsatz kraftvoll, gelegentlich auch mit akzentuierter Klanggebung, dabei aber immer zugleich auf ein Höchstmaß an rhythmische Agilität bedacht. Besonders gelungen ist die große Portion von Spielwitz, die aus den von Holzbläsern dominierten Passagen heraustönt und auch im zweiten Satz als Tendenz zu Übertreibung spürbar ist. Dort wird das klischeehafte Thema des 'Turandot'-Scherzos mit seiner fernöstlicher Exotik zunächst in zarte Klangfarben gekleidet und anschließend schrittweise demontiert, ins Korsett einer Fuge gepresst und danach noch von Perkussionsinstrumenten überwuchert. Und nach dem von klangvollen Bläsersoli bestimmten 'Andantino' wirkt auch die aufgesetzte Dramatik des Finales wie ein Augenzwinkern.

Auf die 'Sinfonischen Metamorphosen' folgt Hindemiths Violinkonzert (1939): Selbst wenn es die Geigerin Midori schwer hat, gegen die kürzlich erschienene, richtungsweisende Aufnahme von Frank Zimmermann anzuspielen, ist ihr Annäherungsversuch hörenswert und bravourös: Sie spielt das Werk etwas sachlicher als ihr Kollege, wartet aber gleichfalls mit technischer Meisterschaft und spielerischer Raffinesse auf, die sie gelegentlich auch mit einem leicht aggressiven Tonfall würzt. Gemeinsam mit Eschenbach setzt die Geigerin im Kopfsatz auf Kontraste zwischen den massiven orchestralen Texturen und den feineren, primär vom geschmackvoll geformten Violinton bestimmten Passagen, während sie im dritten Satz durch energisch artikuliertes Spiel dem musikalischen Geschehen rhythmische Impulse verleiht. Problematisch ist allein, dass das Soloinstrument gegenüber dem Orchester eine Spur zu leise erscheint, so dass man die Feinheiten von Midoris Spiel nicht immer adäquat nachvollziehen kann. Am deutlichsten kommt ihr Vortrag immerhin im langsamen Mittelsatz zur Geltung, in dem die Orchestermusiker gegenüber dem instrumentalen Gesang etwas zurücktreten.

Zu einem krassen Abschlussstück hat Eschenbach die 'Konzertmusik für Streichorchester und Blechbläser' op. 50 (1930) geformt: Der Dirigent deutet die klanglich so unterschiedlichen Gruppen in Hindemiths Partitur als bewegliche Klangmassen, die er – man mag im Hinblick auf die Blechbläser sogar unwillkürlich an Edgard Varèse denken – voller Wucht aufeinanderprallen lässt und dadurch der Musik einen klanglichen Sog verleiht, dem man sich als Hörer kaum entziehen kann. Dennoch arbeitet Eschenbach zugleich auch die vielen satztechnischen Feinheiten des Werkes heraus, was die Interpretation von jeglichem Verdacht einer bloß auf vordergründige Wirkung bedachten Umsetzung befreit. Ein ganz großes Lob gebührt übrigens den Musikern des NDR Sinfonieorchesters für ihre außergewöhnliche Leistung, die nicht die geringsten Schwächen in Intonation oder Zusammenspiel erkennen lässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hindemith, Paul: Violinkonzert

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
12.08.2013
Medium:
EAN:

CD
761195121429


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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