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Donnerstag, 18. Juli 2019

Gade, Niels W. - Klavierwerke

Aquarelle ohne Schlieren


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Christina Bjørkøes Einspielung von Klavierwerken des dänischen Komponisten Niels W. Gade überzeugt vor allem in der zweiten, den musikalischen Stimmungsbildern gewidmeten Hälfte.

Die an der New Yorker Juilliard School und dem Königlichen Konservatorium in Kopenhagen ausgebildete dänische Pianistin Christina Bjørkøe war in der Vergangenheit für so manche positive Überraschung gut. Erinnert sei etwa an ihre famose Einspielung der Klavierwerke von Carl Nielsen für CPO. Für dasselbe Label hat Christina Bjørkøe, die in ihrem Repertoire eine ganze Reihe von anderen Pianisten sträflich vernachlässigter dänischer Werke führt, nun weitere Klavierwerke ihrer Heimat eingespielt. Diesmal widmet sie sich der Klaviermusik von Niels Wilhelm Gade. Ob die Aufnahme die erste Folge einer Gesamteinspielung des Gadeschen Klavierœuvres darstellt, muss offen bleiben; der Verdacht liegt nahe, denn neben der selten zu hören e-Moll-Sonate op. 28 und den Sammlungen klingender 'Aquarelle' opp. 19 und 57 sind noch Raritäten enthalten, die man bei einer einzeln für sich stehenden Aufnahme wohl besser durch Bekannteres ersetzt hätte: Zu hören ist der ursprünglich geplante vierte Satz der Sonate e-Moll, die Gade über einen in seiner Schaffensbiographie ungewöhnlich langen Zeitraum (15 Jahre nämlich) beschäftigte, und ein 'Andantino' in cis-Moll.

Das von Christina Bjørkøe eingespielte Programm teilt sich in zwei ungleiche Hälften, denn im Hinblick auf Satzkomplexität, Ausdehnung und pianistische Anforderungen ist die hier in viersätziger Fassung eingespielte Sonate e-Moll deutlich anspruchsvoller als die folgenden Charakterstücke. Darüber hinaus gibt Gade dem Solisten in den Ecksätzen einige knifflige Aufgaben in Sachen Phrasierung auf, wenn etwa Formabschnitte mit einer ausgedünnten und noch dazu mit Fermaten durchsetzten einstimmigen Linie zu verbinden sind. Christina Bjørkøe erhöht die Schwierigkeiten noch dadurch, dass sie den stürmischen Appassionato-Charakter des 'Allegro con fuoco' durch einen auf fiebrige Unruhe ausgehenden Interpretationsansatz zuspitzt. Zu den dafür eingesetzten interpretatorischen Mitteln gehören große Tempomodifikationen auf engem Raum. So nimmt die Pianistin für das etwas verdorrte Seitenthema mit seinen langen Noten das Tempo sehr stark zurück, fast einen Bruch zum Vorangegangenen riskierend, und schon im Anfangsbereich nach den gewaltig abstürzenden Akkorden zieht sie das Tempo so stark an, dass das einkomponierte und auf festen Tempoverhältnissen beruhende Accelerando verstellt wird.

Christina Bjørkøe setzt auf größten Ausdruck, ohne aber den Blick aufs Strukturelle zu vernachlässigen. So inszeniert sie die am Ende des ersten Achttakters eingeführte Sekundreibung als ein Ereignis, das sich im weiteren Verlauf – mit Nachbeben selbst in den folgenden Sätzen – als ein tragendes Moment erweist, wenn harmonische Rückungen über Sekundgänge mehrmals die Laufrichtung vergleichsweise gewaltsam ändern.

Im Vordergrund steht für die dänische Pianistin indes nicht die kühle Offenlegung struktureller Momente, sondern die ungeschönte Vermittlung von Ausdruckswerten. Um dies zu erreichen lässt sich Christina Bjørkøe jedoch mehrmals in Bereiche treiben, in denen die pianistische Kontrolle fast verloren geht, etwa wenn Begleittriolen gegenüber der thematischen Oberstimme zu roh, laut und fast ungestaltet erklingen oder im atemlos-nervösen Finale die Noten der thematische Linie nur noch wie ängstlich angetippt werden. Das macht Eindruck und verstärkt den Ausdruck, gerät aber die Nähe des Unkontrollierten.

Weitaus klarer, präziser, feinnerviger sind die Charakterstücke gestaltet, die Niels Wilhelm Gade mit der Bezeichnung 'Aquarelle' versehen hat. Christina Bjørkøe präsentiert sie gewissermaßen ohne Schlieren: Mit feinem Pinsel zeichnet sie die Konturen nach und erweist sich hier als Pianistin mit sicherem Gespür für die sogenannte kleine Form. Insgesamt tendiert ihre Gestaltung zu einem Zugriff, der die Gefahr der Schönfärberei durch einen nie zu sehr ins Legato ziehenden Anschlag umgeht, wovon auch die sorgsam gesetzten Begleitbewegungen betroffen sind.

Somit gelingt Christina Bjørkøe vor allem der zweite, den Genrestücken gewidmete Teil der Einspielung auf ansprechende Weise. Von entsprechender Güte ist der dänische Originaltext im Beihheft, die deutsche Übersetzung hätte allerdings ein sorgfältigeres Lektorat vertragen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gade, Niels W.: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.08.2013
Medium:
EAN:

CD
761203762828


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Gade, Niels
 - Klaviersonate op. 28 in E minor - Allegro con fuoco
 - Klaviersonate op. 28 in E minor - Andante
 - Klaviersonate op. 28 in E minor - Allegretto
 - Klaviersonate op. 28 in E minor - Molto allegro e appassionato
 - Aquarellen op. 19,1 - Elegie. Allegretto quasi Andantino
 - Aquarellen op. 19,1 - Scherzo. allegro grazioso
 - Aquarellen op. 19,1 - Canzonette: Allegretto con espressione
 - Aquarellen op. 19,1 - Humoreske. Allegro molto e con leggierezza
 - Aquarellen op. 19,1 - Barcarole. Allegro moderato
 - Aquarellen op. 19,2 - Capriccio. Allegro molto vivace
 - Aquarellen op. 19,2 - Romanze, Andante con moto
 - Aquarellen op. 19,2 - Intermezzo. Allegro Commodo


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Interpret(en):Bjorkoe, Christina


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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