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Samstag, 26. September 2020

Wiener Konzerte 1944 - 1954 - Werke von Mozart, Beethoven, Schubert u. a.

Du lieber Heiland du!


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label Orfeo hat auf 18 CDs die Konzerte Wilhelm Furtwänglers mit den Wiener Philharmonikern aus den Jahren 1944 bis 1954 neu herausgebracht, vorbildlich restauriert und kommentiert. Eine Box voller Schätze, inklusive zweier Matthäus-Passionen.

Es ist mal wieder soweit – die vorösterliche Passionszeit ist angebrochen. Und überall werden die Bach‘schen Meisterwerke aufs Programm gesetzt. Eine neue monumentale Box des Labels Orfeo mit den Wiener Konzerten Wilhelm Furtwänglers aus den Jahren 1944 bis 1954 bietet da gleich zwei Matthäus-Passionen BWV 244. Es sind besondere Aufnahmen, nicht weil die Version von 1952 nicht vollständig ist, sondern weil die Solisten so singulär spektakulär sind. In der ersten Aufnahme vom 9. April 1952 aus dem Wiener Konzerthaus singt Julius Patzak einen eindrucksvollen Evangelisten – mit prägnantem Ton und einer mustergültigen Textgestaltung. Man denkt, besser könne man den Evangelisten nicht interpretieren, bis man in der Aufnahme von 1954 den jungen Anton Dermota hört, der die Worte des Evangeliums mit solcher Honigsüße verkündet, dass einem der Atem stockt. Dazu kommt 1954 der junge Fischer-Dieskau als salbungsvoller Jesus. Aber der wahre Grund fürs Schwärmen ist – für mich – Marga Höffgen als Altistin. Sie singt ihre Arien mit einem klassisch zu nennenden warmen Ton, der im Zuge der historischen Aufführungspraxis heute weitgehend verloren gegangen ist, der jedoch mein Herz weit öffnet. (Ihr langes ‚Ach‘ in 'Ach, nun ist mein Jesus hin' wäre allein ein Grund, diese Box zu kaufen.) Neben Höffgen brilliert Elisabeth Grümmer mit einem leicht flackrigen Jungmädchenton, der extrem reizvoll ist, obwohl ich persönlich Irmgard Seefried in der unvollständigen 1952er Fassung lieber höre. Dort sind Hilde Rössel-Majdan die Altistin und Otto Wiener des Jesus.

Furtwänglers Bach-Deutung versetzt den Zuhörer in eine Art Trancezustand, eine Meditationsstimmung, die von großer Eigenart und Schönheit ist. Da mir die modernen Matthäus-Passionen mit ihren vibrato-armen Sängern und genauso vibrato-armen Streichern (leider) unerträglich sind, war’s mir eine Freude, diese andere Art der historischen Aufführungspraxis zu hören. (Ich liebe allerdings auch, nach wie vor, die Aufnahme der Matthäus-Passion unter Willem Mengelberg aus Amsterdam, 1935, bei der Karl Erb ein Evangelist in der Patzak-Tradition ist bzw. umgekehrt.)

Bruckner, Brahms, Beethoven

Natürlich enthält die 18-CD-Box auch viele andere Kostbarkeiten. Im Zentrum stehen Bruckner, Brahms und Beethoven, oftmals in Alternativversionen. In höchstem Maße eindrucksvoll fand ich die Aufnahme von Bruckners Achter Symphonie vom Oktober 1944 (Musikverein, Großer Saal). Anders als beispielsweise Günter Wand lässt Furtwängler die Schnittstellen der Bruckner’schen Musiksprache nicht krass aufeinanderprallen, sondern nimmt die Übergänge weicher, was der Musik einen weniger harschen Ton verleiht. Dafür sind die vielen Temposchwankungen bemerkenswert; die Themen atmen, schwellen an und wieder ab, sind von einer schmerzhaften Größe und von einem dunklen Misterioso, das dieser Interpretation den Rang des Besonderen verleiht. Die zweite Aufnahme der Achten Symphonie aus dem Jahr 1954 klingt weit weniger bedrohlich, sondern fast heiter musiziert; aber ich persönlich empfand die ältere Aufnahme aus dem letzten Kriegsjahr als Aufschrei der Verzweiflung imposanter. Ein historisches Dokument erster Güte.

Ebenfalls mehrfach zu hören ist Beethovens Neunte Symphonie: 1951 mit Seefried, Anday, Patzak und Edelmann, 1952 mit Güden, Anday, Patzak und Poell, 1953 Seefried, Anday, Dermota und Schöffler. Furtwänglers Interpretation ist weitgehend gleich – in allen Fällen überwältigend im unmittelbaren Musizierimpetus –, aber die Solisten sind hochindividuell und nicht austauschbar. Besonders Irmgard Seefried und Hilde Güden sind interessante Alternativen, wie es sie heute nicht mehr gibt.

Seefried singt übrigens auch das berückende Sopransolo in Brahms‘ 'Deutschem Requiem' mit Fischer-Dieskau als Partner, 1951. Und Alfred Poell ist der Solist bei Mahlers ‚Liedern eines fahrenden Gesellen‘ 1952. Auf der offiziellen EMI-Aufnahme ist Fischer-Dieskau bekanntlich Furtwänglers Solist.

Die Brahms- (Erste und Zweite) und Beethoven-Symphonien (Erste, Dritte, Neunte) sind dem interessierten Hörer als Interpretation vermutlich schon vertraut, hier hört man sie allerdings in gut restaurierten Fassungen, die den diversen Billigangeboten, die’s gibt, weit vorzuziehen sind. Das Orfeo-Soundteam hat da vorzügliche Arbeit geleistet.

Eklat mit Karajan

Es ist eine Box zum Stöbern. Sie enthält auch eine Aufnahme von Furtwänglers eigener Zweite Symphonie in e-Moll, 1953 aufgenommen. Cesar Francks Symphonie in d-Moll ist dabei sowie Brahms‘ Doppel-Konzert, mit Willi Boskovsky, damals noch nicht Vollzeit den Wienerwalzerklängen eines Johann Strauss Sohn verschrieben.

Im ausführlichen Booklet schildert Gottfried Kraus detailliert die Umstände jedes einzelnen Konzerts – eine lohnende Lektüre. Interessant fand ich den Hinweis auf den Eklat, zu dem es kam, als sich die Gesellschaft der Musikfreunde weigerte, Furtwängler ihren Chor für die Matthäus-Passionsserien zur Verfügung zu stellen, weil kurz zuvor Herbert von Karajan in intensiven Proben mit dem Chor genau dieses Stück erarbeitet hatte. (Man sprach von über 50 Chorproben, die Karajan persönlich geleitet hatte.) Furtwängler – Konzertdirektor und Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde – legte daraufhin beide Ämter nieder und trat nie wieder in Konzerten der Gesellschaft der Musikfreunde auf. Für die Matthäus-Passionen 1952 bzw. 1954 holte er sich von der Wiener Konzerthausgesellschaft den Chor und den Chor der Wiener Singakademie. Es ist also Musikpolitik pur, was hier dokumentiert ist. Man könnte es einen Kampf der Titanen nennen: Karajan vs. Furtwängler. Daran auch heute noch akustisch teilhaben zu dürfen, ist nicht nur zur Osterzeit aufregend!

Klangqualität:
Repertoirewert: 



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wiener Konzerte 1944 - 1954: Werke von Mozart, Beethoven, Schubert u. a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
18
18.02.2013
Medium:
EAN:
CD
4011790834023

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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


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