> > > Vivaldi, Antonio: Fagottkonzerte
Dienstag, 9. August 2022

Vivaldi, Antonio - Fagottkonzerte

Ungezähmt


Label/Verlag: Arcana
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Rasseln, schnauben und edel verzierter Gesang: Alberto Grazzi zeigt in Vivaldis Fagottkonzerten virtuosen Umgang mit dem Barockfagott.

Es ist bis heute nicht sicher, für wen Antonio Vivaldi seine Fagottkonzerte komponierte. Vermutlich entstanden sie in der zweiten Hälfte von Vivaldis Schaffen für die Kapelle des böhmischen Grafen Morzin, dem Widmungsträger unter anderem der 'Vier Jahreszeiten'. Denn letzterer beschäftigte in seiner Kapelle einen virtuosen Fagottisten. Worüber es keine Zweifel gibt, ist die Tatsache, dass die 39 erhaltenen Konzerte für Fagott, Streicher und Basso continuo den Grundstock des Repertoires bilden – sowohl entstehungsgeschichtlich (es steht zu vermuten, dass Vivaldi gewissermaßen der ‚Vater‘ des Fagottkonzerts ist) als auch in Bezug auf die Quantität: Es gibt nun einmal nicht sehr viele Fagottkonzerte, weder im mittleren 18. Jahrhundert noch später.

Sieben der 39 Fagottkonzerte hat Alberto Grazzi mit dem Ensemble Zefiro für Arcana (Outhere Music France) eingespielt: die Konzerte Es-Dur RV 483, c-Moll RV 480, G-Dur RV 494, a-Moll RV 500, C-Dur RV 474, d-Moll RV 481 und RV 472. Das italienische Ensemble, zu dessen Gründungsmitgliedern der Fagottsolist zählt, hat bereits an der verdienstvollen Vivaldi-Reihe von Naive mitgewirkt; darüber hinaus hat sich das auf historische Instrumente spezialisierte Ensemble Meriten in weiteren Bereichen des barocken und klassischen Repertoires erworben. Auch hier zeigt es sich bestens aufgelegt. Die Streicherstimmen solistisch repräsentierend gelingt dem Ensemble ein transparentes Gewebe, das sich stets durchlässig zeigt und den Musikerinnen und Musikern immer wieder die Möglichkeit verschafft, plastisch ausformulierte Einzelstimmen besonders hell zu beleuchten. Der Continuo ist mit tiefen Streichern, Theorbe sowie alternierend Orgel und Cembalo passend zu den Streichern nicht üppig, aber klangfarbendifferenzierend besetzt. Vor allem die Theorbistin zeigt sich im Dialog mit dem Fagottsolisten in manchem langsamen Mittelsatz gestaltenreich musizierend.

Mit seinem leichtfüßigen, rhythmisch bewegten Spiel unterstützt das Ensemble Zefiro den Solisten auf denkbar lustvolle Weise. Selbst in schnellem, manchmal fast rasenden Tempo wirkt das Spiel geschmeidig und nach vorn gerichtet: Ganze Taktgruppen erklingen wie auf einen Atem genommen und weit ausschwingend, drängende Sequenzen sind mit dynamischer Zugkraft stets als Steigerung angelegt. Das macht das Spiel lebendig und flexibel in der Nachzeichnung der Affekte – und fügt sich mit dem virtuosen Spiel Alberto Grazzis zu einem runden Gesamteindruck.

Im Gegensatz zu seinem modernen Pendant wirkt das Barockfagott (Grazzi spielt eine Kopie eines Leipziger Fagotts nach J. H. Eichentopf) geradezu ungezähmt. Im hohen Register wirkt es etwas heiser, im mittleren nähert sich das Timbre einem Saxophon, in schnellem Passagenwerk rasseln die Klappen – ein Fest an klangfarblichem Reichtum, der von dem Interpreten mit Wonne und mit artikulatorischer Feinarbeit ausgekostet wird. Nicht nur der buffoneske Charakter des Fagotts kommt zum Tragen, auch seine kantablen Qualitäten werden in den langsamen Sätzen ausgelotet. Alberto Grazzi zeichnet die Linien der verzierten instrumentalen Arien mit feiner agogischer Biegsamkeit feinfühlig, ohne jede Übertreibung nach – manchmal wäre sogar noch ein wenig mehr freie Bewegung gegenüber der Begleitung denkbar bzw. wünschenswert.

Vivaldi zeigt sich in diesen Stücken als reifer Konzertkomponist. Einerseits wird durch die motivische Weiterentwicklung der Ritornell-Musik in den Soloteilen Zusammenhang gestiftet, andererseits gewinnen die Sätze durch affektive Reichhaltigkeit und Auflockerung großen Abwechslungsreichtum, besonders im Konzert d-Moll RV 481. Die lyrischen Einlagerungen in das stürmische Unisono-Ritornell gelingt Grazzi und dem Ensemble sehr erfrischend.

Die enge Abstimmung zwischen Solist und Ensemble zeigt sich auch im Klanglichen: Alberto Grazzis Fagott ist gegenüber den Streichern und dem Continuo nur wenig nach vorn gezogen. Das entspricht der Anlage der Stimmen, die durch die solistische Besetzung im Begleitensemble individuelle Profile erhalten. Das Beiheft enthält einen informativen Text eines Vivaldi-Spezialisten, allerdings nur auf Englisch, Französisch und Italienisch.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Vivaldi, Antonio: Fagottkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arcana
1
01.07.2013
Medium:
EAN:

CD
3760195733653


Cover vergössern

Arcana

Michel Bernstein hat mit ARCANA eine Institution im Bereich der Alten Musik geschaffen, deren Katalog mit einer Vielzahl prominenter Namen der Alten Musik aufwarten kann, darunter prominente Namen wie Rinaldo Alessandrini, Gunnar Letzbor oder Sigiswald Kuijken. Als der Labelgründer 2006 plötzlich verstarb, schien es zunächst so, als würde dies auch unweigerlich das Ende von ARCANA bedeuten. Zum Glück entschied sich der italienische Vertrieb Jupiter zum Kauf des Labels. Selbstverständlich plant man, es im Sinne seines Gründers weiterführen. Nach und nach werden nun Aufnahmen aus dem umfangreichen Backkatalog des Labels in neuer Gestaltung wieder veröffentlicht und der Katalog durch neue Aufnahmen bewährter Künstler und von Neuzugängen (darunter Marco Beasley und das Ensemble Accordone) erweitert.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Arcana:

  • Zur Kritik... Giosquino, der Italiener: Ein weitere hochklassige Würdigung Josquins in seinem 500. Todesjahr: Diese Platte von Odhecaton und Gesualdo Six setzt willkommene Impulse, um das erfreulich reich überlieferte kompositorische Erbe Josquins vor Ohren geführt zu bekommen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Wider das Vergessen: Enorm qualitätvolle Musik von Giovanni Antonio Rigatti aus der vermeintlich zweiten Reihe Venedigs, von i Disinvolti und dem UtFaSol Ensemble mit Temperament und etlichem Vermögen präsentiert. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ungewohnte Nische: Mozarts Oboenquartett in historisch informierten Kontexten – überzeugend. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Arcana...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Tiefe persönliche Betroffenheit: Das Atos Trio nimmt mit einer glühend intensiven Aufnahme zweier tschechischer Klaviertrio-Meisterwerke für sich ein. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Durchdringung: Das Wiener Klaviertrio eröffnete mit gewohnter Klasse eine neue Reihe der Brahms-Klaviertrios. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Geist der Vergangenheit: Masaaki Suzuki nähert sich Strawinskys Neoklassizismus im Geist der Alten Musik. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7-8/2022) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich