> > > Heinrich Schütz: Kleine geistliche Konzerte I: Gesamteinspielung (Carus), Vol. 7
Freitag, 14. Dezember 2018

Heinrich Schütz: Kleine geistliche Konzerte I - Gesamteinspielung (Carus), Vol. 7

Hochkonzentriert


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der erste Teil der 'Kleinen Geistlichen Konzerte' von Schütz als siebte Folge der bei Carus erscheinenden Gesamteinspielung: eine wunderbare, wirklich inspirierte, im Repertoire absolut konkurrenzfähige Einspielung unter der Leitung von Ludger Rémy.

Heinrich Schütz‘ in vielen erfüllten Lebensjahrzehnten entstandenes kompositorisches Werk kennt etliche Facetten und Schwerpunkte. Nach dem frühen Geniestreich der italienischen Madrigale waren es die oft üppig besetzten 'Psalmen Davids' von 1619, die zeigten, wie souverän der sensible Textdeuter auch mit weiter ausladenden Besetzungen umzugehen verstand. Neue Impulse brachte der zweite Italienaufenthalt Ende der 1620er Jahre, dem der erste Teil der 'Symphoniae sacrae', veröffentlicht 1629 in Venedig, entsprang – die intensive Beschäftigung des Deutschen mit den neuen ästhetischen Prinzipien der Kompositionskunst in Italien spiegelnd.

Besonders in den 1630er Jahren wirkte sich der Dreißigjährige Krieg zunehmend auf alle Bereiche des Lebens in Mitteldeutschland aus. Auch die Musikausübung wurde schwieriger, weniger Musiker standen zur Verfügung. Für Schütz eine schwierige, im Leben wie in der künstlerischen Praxis entbehrungsreiche Zeit. Dennoch: Mit dem 1636 publizierten ersten Teil der 'Kleinen Geistlichen Konzerte' zeigte Schütz, dass auch unter diesen schwierigen Bedingungen hochstehende Kunst gedeihen konnte, durchdacht, konsequent in der Entwicklung des eigenen Stils, bemerkenswert in der Intensität der Verknüpfung von Wort und Musik. Gerade in dieser Hinsicht bot ihm die vergleichsweise kleine, detailreiche Form des schlichten Vokalkonzerts mit Continuo-Begleitung üppige Möglichkeiten. So überrascht es nicht, dass die 24 Miniaturen außerordentlich elaboriert, ja hochkonzentriert sind. Nach den 'Psalmen Davids' und den 'Symphoniae sacrae' zweifellos eine bemerkenswerte Reduktion der äußeren Klanglichkeit. Und auch der heutigen Rezeption dürften diese kleinen Konzerte fremder sein, als es die genannten Vorgängerzyklen mit ihren vielfarbigen Besetzungen sind. Schütz komponierte – natürlich auch mit Blick auf eine mögliche Verbreitung in aufführungspraktisch schwierigen Zeiten – Musik, die nicht nach außen gewandt ist, sondern privat wirkt, dem Gebet, der Kontemplation gewidmet. Dennoch: Mühelos durchdringt Schütz‘ künstlerisches Genie auch diese Form, entfaltet es auch hier seine gestalterische Kraft.

Famoses Ensemble

Im siebten Teil der von Hans-Christoph Rademann künstlerisch geleiteten, bei Carus erscheinenden Gesamteinspielung des Schütz-Werks wird nun dieser erste Teil der 'Kleinen Geistlichen Konzerte' präsentiert, von der Orgel aus geleitet durch den kundigen Ludger Rémy und getragen von vorzüglichen Vokalisten: Hauptsächlich solistisch zu hören sind im Sopran Dorothee Mields und Ulrike Hofbauer, im Altus singt David Erler, im Tenor Georg Poplutz, das Bassfundament liefert schließlich Andreas Wolf. Diese Stimmen erweisen sich sämtlich als sehr geeignet – sie sind klar und präzis geführt, haben individuellen Charme und sind doch zugleich von herausragender Ensemblefähigkeit, mit feiner Expressivität und viel gestischer Bewegung auf der Basis einer exzellenten, weil vollkommen natürlichen Diktion.

In dieser homogenen Gruppe ist viel von der für die jüngere Generation der Vokalisten in der Alten Musik typischen technischen Leichtigkeit und stilistischen Wachheit zu hören. Dieses Potenzial trägt von intensiven Soli über feine Duette bis zu repräsentativen Quartetten, etwa dem erfrischenden Weihnachtskonzert 'Ein Kind ist uns geboren'. Auch interessante, auf den ersten Blick kuriose Besetzungen wie das von zwei Sopranen und zwei Bässen gesungene 'Nun komm der Heiden Heiland' oder das Bass-Terzett 'Himmel und Erde vergehen' gelingen mühelos.

Neben dem vokalen Hauptquintett – in dem etwa David Erler auch ungünstig tief liegende Passagen elegant und souverän zu beleben weiß und Dorothee Mields und Ulrike Hofbauer eine feine Korona schaffen – überzeugen auch die gelegentlich auf gleichem Niveau hinzutretenden Vokalisten: Der Altus Alexander Schneider, der Tenor Tobias Mäthger und die Bässe Cornelius Uhle und Felix Schwandtke. Sie agieren wir alle anderen Beteiligten auch intonatorisch makellos und ohne jeden Anflug von Trübung.

Instrumental stützen, leiten, grundieren und akzentuieren neben Ludger Rémy an der Orgel auch Stefan Maass an der Theorbe und Matthias Müller auf Violone und Viola da gamba das Geschehen verlässlich und klangschön.

Ludger Rémy spornt das kleine Ensemble zu erfreulich frischen Tempi an, etliche textgezeugte Kontraste inbegriffen. Artikulatorisch ist der Befund besonders glücklich: Alle Akteure zeigen sich hochsensibel für die feine Balance und Interaktion von Wort und Musik. Diese Sphäre wird mit Klarheit und fein nuancierter Sachkunde entfaltet, ohne mit diesem Ansatz je trocken oder gar schulmeisterlich zu wirken. Klanglich ist das Geschehen direkt und präzis abgebildet, ist sehr konzentriert, betont es bei maßvoller Räumlichkeit vor allem den intimen Charakter der Stücke. Im vielleicht etwas zu knappen Booklet überzeugen die einführenden Texte von Ludger Rémy und Oliver Geisler argumentativ und atmosphärisch.

Komplette Einspielungen der 'Kleinen Geistlichen Konzerte' sind in der Schütz-Diskografie durchaus nicht häufig. Und Rémys Beitrag kann eine durchaus prominente Position beanspruchen – neben der frühen, von Wilhelm Ehmann verantworteten Version und dem Beitrag des Tölzer Knabenchors allemal. Aber auch unter den neueren von Matteo Messoris Cappella Augustana und Manfred Cordes‘ Ensemble Weser-Renaissance macht diese Deutung eine bemerkenswerte Figur, ist sie mit letzterer auf Augenhöhe und der in vielerlei Hinsicht durchaus interessanten Messoris auf Grund der wesentlich ausgeglicheneren, vor allem wesentlich sinnfälliger singenden und natürlicher deklamierenden Vokalisten vorzuziehen.

Es ist ein begeistertes Ensemble zu hören – musikalisch und in der inhaltlichen Deutung glaubwürdig. Die fein ausbalancierte Besetzung ist den Anforderungen mühelos gewachsen. Und Ludger Rémy versammelt dieses schöne Potenzial zu einer beispielhaften Deutung, für die man nur hoffen kann, dass sie über den engeren Kreis der Schütz-Experten hinaus Beachtung und Anerkennung findet – zeugt doch gerade dieser oft weniger spektakuläre Teil des Werkes Schütz‘ von der gedanklichen Tiefe wie dem kompositorischen Potenzial des Barockmeisters gleichermaßen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Heinrich Schütz: Kleine geistliche Konzerte I: Gesamteinspielung (Carus), Vol. 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.07.2013
071:32
2012
EAN:
BestellNr.:

4009350832541
8325400


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"„Anempfohlen sei, man möge sich beim Hören in Ruhe auf einige wenige der „Kleinen geistlichen Konzerte“ beschränken, vielleicht vier oder fünf - dazwischen sei genügend Raum für nachklingende Stille. Denn jedes Concert ist mehr als nur reine Musik: es ist Verkündigung.“ Ludger Remy hat recht wenn er in seinem Vorwort auf den maßvollen Genuss dieser Musik hinweist. Gleichwohl macht es uns die wunderbare Musik von Heinrich Schütz und die kongeniale Umsetzung durch die beteiligten Musiker (u.a. Dorothee Mields und Ulrike Hofbauer) besonders schwer, eben nicht sofort die gesamte Aufnahme auf einmal zu genießen. Schütz untertrieb tatsächlich maßlos, als er in seiner Vorrede zur Drucklegung seine Kleinen geistlichen Konzerte sozusagen als Notlösung in Zeiten des Krieges bezeichnet, die mit bescheidenen Mitteln ein Mindestmaß an musikalischer Andacht gewährleisten sollte. Hinsichtlich Originalität, Qualität und Expressivität stehen besonders die Konzerte für eine Singstimme den großbesetzten Werken in nichts nach."


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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