> > > Wagner, Richard: Der Ring des Nibelungen
Donnerstag, 9. Juli 2020

Wagner, Richard - Der Ring des Nibelungen

Der Swarowsky-'Ring'


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Aktuellen 'Ring'-Veröffentlichungen ist dieser komplette 'Ring' von 1965 vokal deutlich überlegen. Swarowskys Dirigat punktet mit Klarheit und Plastizität.

Diese Gesamtaufnahme von Richard Wagner Tetralogie 'Der Ring des Nibelungen', entstanden innerhalb von kaum vier Wochen im Sommer des Jahres 1968, ist das, was man eine Billigproduktion nennen kann. Entstanden für die beiden Label Polyband und das Mailänder Verlagshaus Fratelli Fabbri, das neben diversen Sammelreihen auch viele, großteils mittelmäßige Studioaufnahmen italienischer Opern initiiert hat, waren sie an eine breites, buchclubähnliches Publikum gerichtet. Ausgestattet mit reichhaltigen, illustrierten Beiheften erschien dieser 'Ring' dort auf 32 25cm-Platten in dunkelblauen Samtkasetten mit Goldschrift. Einige Jahre später kam der Ring dann auch auf LPs beim amerikanischen Label Westminster heraus.

Immerhin war es die erste Gesamtaufnahme, die alle Rollen durch die vier Opern konsequent mit immer den gleichen Sängern besetzte. Und Georg Soltis erste Gesamtaufnahme des 'Rings' war erst wenige Jahre zuvor, 1965, mit der 'Götterdämmerung' beendet worden. Man baute für die Swarowsky-Produktion vor allem auf bewährte (preiswerte) Kräfte deutscher und österreichischer Opernhäuser, zumeist Muttersprachler. Hinzu kamen mit Sängern wie Fritz Uhl (Loge), Herold Kraus (Mime), Ursula Boese (Erda) oder Ruth Hesse (Fricka) Bayreuth-erprobte Interpreten. Als besonderer Coup dürfte die Verpflichtung der im Jahr zuvor von Herbert von Karajan für Salzburg als Brünnhilde entdeckten Tschechin Nadezda Kniplová (Brünnhilde) gegolten haben, die am Prager Nationaltheater engagiert war und der bis in die 1980er Jahre hinein eine bemerkenswerte internationale Karriere bevorstand, die sie bis an die New Yorker Met führen sollte und von der es einige bemerkenswerte Aufnahmen gibt.

Gesungen wird für heutige Ohren ungewohnt textverständlich, klar artikuliert, mit rollendem ‚r‘ und in alter Bühnentradition betonten Silben. Das wirkt in seiner durch die Unmittelbarkeit der Aufnahmeästhetik bedingten Akustik nicht selten wie ein altes Radiohörspiel oder besser noch: wie eine Radiooper, die ja in den 1960er Jahren durchaus noch als Gattung existent war. Dabei entbehrt das Ganze aber des dramatischen Gestus keineswegs.

So hört man also eine Sängerschar, die hauptsächlich aus der deutschen und österreichischen Ensembletradition der Nachkriegsjahre stammt. Man bemerkt diese Tradition immer wieder an den Akzenten, die auf die dramatische Vermittlung des Gesungenen gesetzt werden; hier wird tatsächlich das Musik-Drama gegeben und kein starorientiertes Marketing steht dem im Weg.

Hans Swarowsky, der seinen Ruhm bis heute vor allem als Wiener Dirigierlehrer hat (Abbado und Mehta gehören neben vielen anderen zu seinen Schülern), steht für eine plastische, illustrierende Interpretation. Deutlich kann man der Leitmotivdramaturgie folgen, wohl gesetzt sind die zahlreichen Orchestereffekte inszeniert (exemplarisch höre man den ungemein transparenten ‚Walkürenritt’). Immer weder dominiert der Streicherapparat, was aber auch der Aufnahmetechnik geschuldet sein kann. Struktur und Klarheit paaren sich mit manch eigenwilliger Tempogestaltung. Nicht immer hält der große Bogen, doch der Mut zur großen Geste, zum Heroischen und zum dynamischen Kontrast reißt immer wieder mit. Die romantische Emphase kommt dabei nicht zu kurz, immer wieder blüht das Orchester auf, schwelgt in weiten Phrasierungen, kostet Holzbläserpassagen aus und setzt Ruhepole mit pianogesättigter Verklärung. Das Ganze hat eine selbstverständliche Natürlichkeit, die so mancher Pultstar heute mit viel Aufwand (oder eben gerade deswegen) nicht erreicht.

Eine bemerkenswerte Alternative

Auch sängerisch kann sich dieser 'Ring' durchaus hören lassen. Das Ereignis ist natürlich die Kniplova, die mit unerschrockener Attacke und hochdramatischer Durchschlagskraft in ihren Bann zieht. Man kann das – um in der Zeit zu bleiben – durchaus auf einer Höhe mit der Nilsson sehen. Ihre Gestaltung ist wissend, die Intonation sicher, ihre hohen Töne stehen fest, das 'Heil dir Sonne' entbehrt nicht der poetischen Kraft und der Schlussgesang ist sicher wie nur wenig andere. Die sicheren und zugleich heldischen 'Hojotoho'-Rufe ihres Auftritts singt ihr seit Jahren niemand nach. Sie alleine ist diesen 'Ring' wert!

Der Amerikaner Gerald McKee (Siegmund und beide Siegfriede), jahrelang an mittleren Häusern im Heldenfach unterwegs, hat Kraft, Ausdauer und Treffsicherheit, findet aber auch zu einem sanften, lyrischen Tonfall, der seinem Grundtimbre nicht zwangsläufig zu eigen ist. Vor denen, die heute auf den großen Bühnen unterwegs sind, muss er sich keinesfalls verstecken. Der österreichische Heldenbariton Rolf Polke ist ein autoritärer, kräftiger Wotan, mit satter Höhe und ungemein klar artikulierend. Seine vorbildliche Text-Musik-Behandlung, die in der Rätselszene des 'Siegfried' ihren Höhepunkt hat du die langen monologischen Passagen zu echten Ereignissen machen, setzt Maßstäbe. Ditha Sommers präsente Sieglinde (und Gutrune) ist zuverlässig, aber nicht unbedingt stimmschön.

Fritz Uhl gestaltet seine Loge charakterscharf ohne in die Karikatur abzudriften, Rolf Kühne singt seinen Alberich mit großer Intensität und gehört nicht der bellend-schnappenden Fraktion an, die man hier so oft hören kann. Herold Kraus’ Mime hat hervorragende Charaktertenor-Qualitäten. Ruth Hesse ist für alle, die sie bisher nicht bewusst wahrgenommen haben als junge, ausdruckssichere Fricka und Gutrune eine mustergültige Interpretin. Ursula Boese (Erda) ist eine Altistin von großer Stimmschönheit und Ausdruckskraft. Otto von Rohrs profund-dunkler Bass (Hunding und Hagen) ist mehr als adäquat und gestaltet in der 'Götterdämmerung' den düsteren Bösewicht fern von Klischees. Auch die übrigen Götter und Gibichungen haben alle ihre Meriten, bis hin zum einfühlsam, warmen Bariton Rudolf Knolls als Gunter.

Den sängerischen teils mittelmäßigen (New York), teils desaströsen (Bayreuth und Wien) neueren Aufnahmen, die aktuell zum Wagnerjahr auf den Markt geworfen wurden, ist dieser 'Ring' haushoch überlegen.

Entstehungsumstände

Die Aufnahmesitzungen in Nürnberg wurden Überschattet vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in der Nacht zum 21. August in die ČSSR mit der anschließenden Schließung der Grenzen. Orchestermusiker des Prager Orchesters, das für die Aufnahmen verpflichtet worden war, reisten ab, Nürnberger Kollegen sprangen ein. So jedenfalls die Erzählungen zur Aufnahme, die auch im knappen Beitrag des Beiheftes nachzulesen sind. Dies steht jedoch im Widerspruch zu den Angaben der Aufnahmedaten; demnach fand bereits am 19. August die letzte Aufnahmesitzung zur 'Ring'-Produktion statt. Wenn der Einmarsch also der Auslöser für die Abreise tschechoslowakischer Musiker gewesen ist, dann ist diese 'Ring'-Aufnahme davon nicht betroffen gewesen. Anzunehmen ist daher, dass diese Geschichte eher auf die unmittelbar danach stattgehabte 'Lohengrin'-Aufnahme, ebenfalls unter Hans Swarowsky, zutrifft.

Tontechnisch ist die Aufnahme bei aller Direktheit des Orchesters und Präsenz der Stimmen manchmal etwas abenteuerlich, wobei weniger das alte Zweispur-Stereo stört als manch deutlich zu bemerkender Schnitt, der dann auch schon mal mit einer anderen Klangbalance daherkommen kann. Das digitale Remastering hat Heinz Schürer, der Aufnahmeleiter der Produktion von 1965, selbst vorgenommen. Die Box mit 14 CDs kann man für unter 30 Euro erstehen. Das Beiheft ist dürftig gehalten, und dass die CDs in selbstklebende CD-Papiertaschen verpackt sind, ist unmöglich, sollte es sich doch inzwischen herumgesprochen haben, dass der dafür verwendete Kleber die CDs angreift und nach wenige Jahren zerstört.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Frank Fechter,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Wagner, Richard: Der Ring des Nibelungen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
14
22.07.2013
Medium:
EAN:

CD
881488100341


Cover vergössern

Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
PROFIL: Ein Programm - eine Verpflichtung aus Tradition!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Profil - Edition Günter Hänssler:

  • Zur Kritik... Sensationeller Archivfund: Dieser Archivfund einer kompletten 'Don Pasquale'-Vorstellung im Münchner Prinzregententheater vom 18. Januar 1962 darf als kleine Sensation gelten. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Genau und uneitel: Jukka-Pekka Saraste und sein WDR Sinfonieorchester überzeugen durch sorgfältige und dennoch lustvoll energetische Interpretationen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Aus Oper und Konzert: Der junge Karl Böhm mit Repertoire, das er später nur noch teilweise pflegte. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Profil - Edition Günter Hänssler...

Weitere CD-Besprechungen von Frank Fechter:

  • Zur Kritik... Frischer Furor mit Grenzen: Die engagierte Neueinspielung von Mozarts früher 'Betulia liberata' unter Michi Gaigg scheitert leider an einem jungen Sängerensemble mit gesangstechnischen Defiziten. Weiter...
    (Frank Fechter, )
  • Zur Kritik... Felix Weingartners Lieder: Keine lohnende Entdeckung sind Felix Weingartners Lieder, die stilistisch mehr reagieren als innovativ zu sein. Die Interpretationen junger Sänger können darüber nicht hinweghelfen. Weiter...
    (Frank Fechter, )
  • Zur Kritik... Weills Kinderpantomime: Kurt Weills wiederentdeckte Musik zu einer Kinderpantomime gewährt einen Blick auf seine frühen Jahre. Die gelungene Ersteinspielung klingt idiomatisch und macht neugierig auf eine Bühnenaufführung. Weiter...
    (Frank Fechter, )
blättern

Alle Kritiken von Frank Fechter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Qualität von der Seite: Das rund und komplett klingende Ensemble De Profundis singt hochattraktive Musik von Juan Esquivel, die zu hören ein Genuss ist und die zu kennen sich unbedingt lohnt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... 'Regietheater' vom Allerfeinsten: Eine rundum vorbildliche, differenzierte Inszenierung von Mozarts exotischem Singspiel 'Die Entführung aus dem Serail' in Glyndebourne. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Poesie und Spaß im Kleinen: Wirklich unbekannt sind diese Stücke natürlich nicht, auch wenn 'Für Elise' hier durch 'Für Sarah Payne' oder 'Für Piringer' ersetzt wird. Matthias Kirschnereit folgt mit Auswahl und intelligenter Interpretation Vorbildern wie Brendel oder Buchbinder. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Bozidar Kunc: String Quartet in F Major op.14 - Introduzione. Allegro ma non troppo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich