> > > Zender, Hans: Logos-Fragmente (Canto IX)
Donnerstag, 18. Juli 2019

Zender, Hans - Logos-Fragmente (Canto IX)

"Vom Altern der Neuen Musik"


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das SWR Sinfonieorchester widmet sich mit größtem Engagement den 'logos-fragmenten' von Hans Zender.

‚Komponieren bildet für mich die konzentrierteste Form der Introversion, hilft mir zu ‚Klärung des inneren Ohrs’‘, formulierte Hans Zender einmal, und diese Aussage gilt auch für die 'logos-fragmente (canto IX) ' eine nur auf den ersten Blick lockere Folge von neun Kompositionen, der vielleicht noch weitere folgen werden. Wie so oft bei Zender kreist seine Textauswahl um das Werk von Ezra Pound, die Bibel samt Apokryphen und ähnliches. James Joyce fehlt diesmal, aber vielleicht kommt der auch noch in einem späteren Fragment. Beim Anhören wird deutlich, dass auch diese Kompositionen von den Auszuführenden höchste Konzentration vor dem Hintergrund einer genauen Kenntnis der kompositorischen Struktur erfordert. All das wird vom SWR Vokalensemble Stuttgart und dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter Emilio Pomarico auf das sinnfälligste geleistet, auch wenn diese Aufnahme aufgrund der Stellungsvorgaben der Partitur an die Grenzen des auditiv Möglichen geht. Großes Kompliment an die Toningenieure. Allein diese formidable Einspielung rechtfertigt schon den Fortbestand dieses hervorragenden Chores und Sinfonieorchesters. Wenn man weiß, wie viel Arbeit die Realisation dieser Partitur bereitet, dann kann man die hervorragende Qualität dieses Orchesters noch mehr schätzen.

Die Fragmente sind durchaus interessant anzuhören, aber die Rätselhaftigkeit der Musik, die auf eigenwillige Weise verschiedene Kompositionstechniken und Tonsysteme kombiniert – all das kennt man schon und natürlich verweist das Fragmentarische darauf, dass die Welt äußerst komplex, rätselhaft und kompliziert ist. Allein, man vermisst manchmal auch einfach gelöste Spielfreude.

Auf der Suche nach einer Strukturierung landet Zender beim Verhältnis von Wort und Ton und antizipiert dabei vielleicht unbewusst einen Theorieansatz des griechischen Musikwissenschaftlers Thrasybulos Georgiades, der in München lehrte und die Zusammenhänge zwischen Wort und Klang untersuchte. Das ist in der Tat spannend, aber leider entwickelt Zender hierbei Klanggebilde, die wenig Neues aussagen und in vieler Hinsicht an die von Bernd Alois Zimmermann erinnern. In einem Interview sagte Zender einmal, dass Dirigieren für ihn bedeute, ‚in versunkene Welten einzutauchen‘. Beim Anhören der Fragmente scheint es, dass es ihm manchmal auch beim Komponieren so geht. Selten hatte Theodor W. Adornos so recht, als er feststellte: ‚Vom Altern der Neuen Musik zu reden scheint paradox. Aber inmitten des beängstigenden Weltzustandes zeigt das Symptome der falschen Befriedung, was sein Wesen hat an der Kündigung des Einverständnisses und sein Recht an der Gestaltung dessen, was die konventionelle Oberfläche des Alltags verdeckt und was sonst zum Schweigen verdammt wird von eben jenem Kulturbetrieb, zu dessen Sparte auch die Neue Musik zu werden droht.‘ Eine noch immer lesenswerte Essaysammlung nannte Hans Zender ‚Happy New Ears‘, hier wäre ‚Happy New Sounds‘ passend. Der Repertoirewert dieser Aufnahme hält sich dementsprechend in Grenzen.

Diese kritischen Anmerkungen sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hans Zender ein geschätzter Essayist, Hochschullehrer, Dirigent und eben auch Komponist ist. Vielleicht sollte man auch einmal darauf hinweisen, dass solch umfassend tätige Künstlern in unserer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft immer seltener werden. Was waren das noch für Zeiten, als Zender Dirigent des mittlerweile fusionierten Orchesters des Saarländischen Rundfunks war und in Saarbrücken die Tage der Neuen Musik leitete.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Zender, Hans: Logos-Fragmente (Canto IX)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
28.06.2013
76:57
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
4010228676525
WER 67652


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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