> > > Schumann, Robert: Symphonic works
Samstag, 25. November 2017

Schumann, Robert - Symphonic works

Freies Singen


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Michael Schønwandts Einspielung der Schumann-Sinfonien mit der Niederländischen Kammerphilharmonie hat ihre Höhepunkt dort, wo der Dirigent frei schwebende Kantilinen ermöglicht, befreit vom Perfektionskorsett.

Es passiert – zum Glück! – nicht allzu oft, dass ein Orchester schlichtweg nicht mehr existiert, wenn die Besprechung einer seiner Produktionen erscheint. In diesem Fall aber ist es tatsächlich so. Im Zuge restriktiver Sparmaßnahmen ist der in Hilversum beheimateten Niederländischen Kammerphilharmonie der Geldhahn abgedreht und damit der Hals abgeschnürt worden; im August 2013 wird es aufgelöst. In jüngerer Zeit machte der Klangkörper mit einer bei Challenge Classics erscheinenden Serie mit Werken des schottischen Komponisten James MacMillan (zwei Folgen sind bereits erschienen, zwei projektierte stehen noch aus) nachdrücklich darauf aufmerksam, dass hier ein Orchester abgewickelt wird, das zu den stilistisch flexibelsten Kammerorchestern gehört. Nun hat die Niederländische Kammerphilharmonie mit ihrem ständigen Gastdirigenten Michael Schønwandt eine Produktion mit Robert Schumanns sinfonischem Werk vorgelegt – und auch sie taugt dazu, den Verantwortlichen des Orchesterexitus mit aller Wucht zu zeigen: Schaut her, was ihr da kaputt gemacht habt!

Wie in der Beethoven-Interpretation haben auch in Bezug auf Schumanns Orchesterwerke seit rund zehn Jahren Kammerorchester die Führung übernommen, nachdem sich Ensembles historisch informierter Aufführungspraxis von traditionellen Klangkörpern lange Zeit meist nur durch reduziertes Streichervibrato, knappere Phrasierungen und (manchmal, wo es schicklich ist) schnellere Tempi unterschieden und damit weitgehend überflüssig gemacht haben. Freilich sind die Zugänge von Thomas Dausgaard oder Paavo Järvi historisch informierten Vorreitern verpflichtet, aber sie können eben darüber hinaus eigene Akzente setzen. Und so kann es kaum verwundern, dass die interessantesten Schumann-Einspielungen der letzten Jahre (abgesehen von Wiederveröffentlichungen historischer Aufnahmen) vom Schwedischen Kammerorchester, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, dem Orchestra of the Swan (unter Kenneth Woods) und dem Orchestre de Chambre de Lausanne stammen.

Nun bekommt diese Gruppe Verstärkung, denn auch die Niederländische Kammerphilharmonie ist in ihrer Besetzungsgröße durchschnittlichen Verhältnissen eines deutschen Orchesters Mitte des 19. Jahrhunderts angepasst. D. h. die Balance verschiebt sich zu den Bläsern hin, was nicht nur historisch zu legitimieren ist, sondern Schumanns Orchestrierung selbst nahelegt. Sie zielt auf einen fein differenzierten Mischklang, der von der klangfarblichen Unterstützung der Bläser durch die Streicher charakterisiert ist. Michael Schønwandt arbeitet mit der Niederländischen Kammerphilharmonie Farbwerte einfühlsam heraus, erreicht jedoch nicht eine solch warme Leuchtkraft wie etwa Christian Zacharias mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne. So ist etwa die d-Moll-Sinfonie, die hier in der Erstversion von 1841 erklingt, ein wenig zu pastos im Klangbild geraten, auch die Pauken klingen etwas mulmig.

Überzeugender als bei Zacharias ist allerdings der Schwung, den Schønwandt entfacht. Ohne auf knallige Akzente zu setzen (wie Paavo Järvi) hält der dänische Dirigent Schumanns Musik im Fluss. In den meisten Sätzen orientiert er sich an Schumanns Metronomvorgaben, und so erklingt der ‚feierliche‘ vierte Satz der ‚Rheinischen‘ ebenso wie die 'Romanza' der d-Moll-Sinfonie oder das 'Adagio espressivo' der C-Dur-Sinfonie vergleichsweise flott und mit einem angenehmen Zug nach vorn. Am lebhaftesten gelingt die Erste Sinfonie B-Dur op. 38, die sogenannte ‚Frühlingssinfonie‘, deren Hauptthema mit größter Frische herausgeschleudert wird; auch im Seitenthema bleibt der voranschreitende Impuls bestehen. Ein wenig zu abgesichert klingen hingegen Scherzo und Finalsatz der Zweiten Sinfonie C-Dur op. 61. Das Manische des gehetzten Vorwärtsdrängens ist hier auf ein erträgliches Maß heruntergeschraubt. (Aber bei welchem der heute agierenden Dirigenten kann man das Manische dieser Musik noch erfahren?)

Die größten Stärken dieser Aufnahme der Schumann-Sinfonien liegen vor allem darin, dass Schønwandt den feinfühligen Bläsern der Niederländischen Kammerphilharmonie zu freiem Singen verhilft. Im 'Larghetto' der Ersten Sinfonie ist das Zusammenspiel von kantabler Linie und Begleitung glücklicherweise nicht bis aufs letzte Zweiunddreißigstel genau koordiniert und die daher Musik nicht in ein Perfektionskorsett eingeschnürt. So ergibt sich der Eindruck einer frei schwebenden Melodielinie.

Reizvoll ist dieser Schumann-Zyklus nicht zuletzt wegen der Zugaben. Als Ergänzung zu den vier Sinfonien hat Michael Schønwandt nicht die dreisätzige ‚Sinfonietta‘ op. 52 ausgewählt, sondern das Sinfoniefragment WoO 29, die zwei Sätze einer sogenannten ‚Zwickauer Sinfonie‘ aus dem Jahr 1829, in denen Schumanns Ideenreichtum und vor allem sein sinfonischer Anspruch zu greifen sind. Als Nachklang zur Zweiten Sinfonie erklingt eine von Henk de Vlieger (der vor allem als Arrangeur der Orchester-Auszüge von Wagner-Opern bekannt geworden ist) verantwortete Orchestrierung der ursprünglich für Orgel geschriebenen Fuge über den Namen BACH op. 60 Nr. 6, die mit einer gewaltigen Steigerung aufwarten kann.

Die Niederländische Kammerphilharmonie unterstreicht mit dieser Einspielung der Schumann-Sinfonien ihren Rang als eines der führenden Kammerorchester. Die Musiker lassen es nicht an rhythmischer Gelenkigkeit und kantabler Noblesse fehlen, die Leistungen sind in allen Orchestergruppen beachtlich. Nur das Klangbild des als hybride SACD produzierten Doppelpacks ist insgesamt etwas zu konturenglättend geraten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schumann, Robert: Symphonic works

Label:
Anzahl Medien:
Challenge Classics
1
EAN:

608917255324


Cover vergössern

Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Von Dr. Tobias Pfleger zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Schumann in Farbe: Gustav Kuhns Zyklus der Schumann-Sinfonien besticht vor allem durch eine subtile Herausarbeitung klangfarblicher Mischungen. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, 20.11.2011)
  • Zur Kritik... Technische Perfektion: Paavo Järvi fasst zusammen mit der exzellenten Deutschen Kammerphilharmonie Bremen nun Schumanns Sinfonien ins Auge. Die erste Ausgabe ist technisch fraglos erstklassig. Doch einige interpretatorische Ideen zünden nicht. Weiter...
    (Florian Schreiner, 19.03.2012)
  • Zur Kritik... Überraschender Schumann: Das Schwedish Chamber Orchestra unter Leitung von Thomas Dausgaard überrascht mit einer nuancenreichen und spannenden Einspielung von Schumanns Sinfonien Nr. 2 und 4. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 27.02.2007)
  • Zur Kritik... Farbliche Auffächerung: Christian Zacharias bietet eine Schumann-Lektüre von erlesener Klarheit und Farbigkeit. Doch bietet diese feingliedrige Interpretation keinen Raum für das Manische, den Überschuss an Ausdruck. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, 01.07.2012)
  • Zur Kritik... In der Deckung: Auch die zweite Folge der Gesamteinspielung von Robert Schumanns Sinfonien mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne hat sehr fein ausgehörte Momente. Doch insgesamt fehlt das Überbordende, der Mut zum Risiko. Weiter...
    (Florian Schreiner, 09.02.2013)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Challenge Classics:

  • Zur Kritik... Mit Überraschungseffekt: Mayke Rademakers präsentiert mit dieser Tripel-CD die Bandbreite ihres musikalischen Könnens und überrascht mit einer ungewöhnlichen Zusammenstellung der einzelnen Titel. Weiter...
    (Tanja Geschwind, )
  • Zur Kritik... Maßstäbe: Das Brodsky Quartet interpretiert Britten - mit großem Erfolg. Was allerdings fehlt, ist das frühe Streichquartett D-Dur. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Vereinte Nationalstile: Muffat vermischte die ländertypische Musik seiner Zeit. Nicht nur deren spezifische Melodik und Harmonik eignete er sich an, sondern auch deren individuelle Ausführung. Vorliegende Aufnahme lässt in diesem Punkt einige Lebendigkeit vermissen. Weiter...
    (Thomas Bopp, )
blättern

Alle Kritiken von Challenge Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Große Fußstapfen: Mit dieser Nachverfolgung von Nielsens Fußspuren hinterlässt das Ensemble Carion selbst große Fußstapfen. Es wäre zu wünschen, dass Nachahmer die Fährte aufnehmen. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Wissend und fühlend: Auch die dritte Folge des Rachmaninoff-Zyklus von Dmitrij Kitajenko ist zugleich von hoher Spannkraft und gelöster Klangentfaltung bestimmt. Eine in allen Belangen so tiefenscharfe Lesart findet sich in unserer heutigen Interpretationskultur nur selten. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Klangsinnlich und süßlich: Andrew Littons neuerliche Rachmaninoff-Lektüre greift idiomatische Ausdrucksmittel auf, neigt dabei aber zur Übertreibung. Das verleiht dieser grandiosen Sinfonie eine sentimentale, überzuckerte Note. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Kleine Besetzung für große Musik: Astor Piazzolla und der entscheidend von ihm mitgesprägte Tango Nuevo erfreuen sich schon seit Jahren großer Beliebtheit. Aber wie spielt man diese Musik 'richtig'? Weiter...
    (Elisabeth Deckers, )
  • Zur Kritik... Das Chambre séparée bleibt heute leer: Diese Produktion von Heubergers 'Opernball' setzt leider keine Maßstäbe. Sie ist achtbar, wenn auch nicht von besonderem Esprit getragen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Rascher Aufstieg: Das Arcis Saxophon Quartett erkundet Bearbeitungen und Originalwerke und zeigt sich von inspirierender Frische. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich