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Montag, 6. Dezember 2021

Liszt, Franz - Hungarian Rhapsodies 1-6

Rücknahme des Spektakulären


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Liszts 'Ungarische Rhapsodien' auf historischen Instrumenten: Martin Haselböck und das Orchester Wiener Akademie mit einer Korrektur der Rezeptionsgeschichte, die bisweilen etwas brav klingt.

Auf Martin Haselböck und das von ihm gegründete Orchester Wiener Akademie übt die Musik Franz Liszts eine große Anziehungskraft aus. Die Interpreten können von Liszt nicht lassen: In den letzten Jahren erschien sukzessive die Gesamteinspielung der Sinfonischen Dichtungen Franz Liszts (1811-1886), größtenteils auf Originalinstrumenten des 19. Jahrhunderts, teils auf Instrumenten, die in von Liszt selbst dirigierten Orchestern, etwa dem Weimarer, gespielt wurden, und natürlich musiziert im Geiste der historischen Aufführungspraxis aus der Perspektive Haselböcks. Das klang unpathetisch, schlank, duftig, mit dem Hang zur Objektivierung des in der Rezeptionsgeschichte oft einseitig Aufgefassten. Stets lag der Fokus von Liszts Zukunftsmusik dabei eher auf der seinerzeit innovativen Instrumentation als auf der expressiven Seite. Insgesamt überzeugten Haselböck und die Wiener Akademie mit ihrem ‚The Sound of Weimar‘ betitelten 5-CD-Projekt. Gleichsam als Ergänzung erscheint nun der sechste Teil, nun nicht mehr bei NCA, sondern bei cpo (ein Grund für den Labelwechsel wird nicht genannt). Gegenstand sind jetzt die Orchesterfassungen der ersten sechs 'Ungarischen Rhapsodien', von denen Liszt insgesamt 19 komponierte. Über die komplizierte Bearbeitungsgeschichte gibt in gewohnt hoher Qualität das Booklet Auskunft.

Mehr Zeit, weniger Krawumms

Die Orchesterversionen der ursprünglich für Klavier gesetzten Einsätzer gehören zu Liszts populärsten Werken. Nicht nur darum stehen sie heute unter Trivialitätsverdacht und werden paradoxerweise selten im Konzertsaal gespielt. Diese Einspielung lässt sich neben Jos van Immerseels Liszt-Album mit Anima Eterna also auch als Versuch einer neuen Sicht auf Liszts nationalkoloristisch geprägtes Konvolut begreifen, jenseits von aufgeblasener Repräsentationsmusik. Haselböcks wenig pompöser und unpathetischer Zugriff kommt in den 'Ungarischen Rhapsodien' dann auch besonders zum Tragen. Zwischen seiner Interpretation der Zweiten Rhapsodie in d-Moll (auf dem Klavier noch cis-Moll) und der Karajans mit den Berliner Philharmonikern liegen Welten, nicht nur aufgrund der Verschiedenheit in Klangkörpergröße und Spielweise. Das ‚zigeunernd‘-virtuose Element, den tänzerischen Aufruhr ignoriert Haselböck zwar nicht, doch tritt dieser zugunsten der Arbeit am historischen Klang- und Farbbild in den Hintergrund. Fast schon eine Ausnahme hiervon ist der 'Pester Karneval'. Die Rücknahme des Spektakulären macht sich auch im Tempo bemerkbar. Man nimmt sich Zeit für die instrumentatorischen Details, lässt vor allem den plastischen Bläsersoli viel Raum, während die Streicher demgegenüber fahler wirken und weniger präsent.

Mehr Historizität, weniger Spaß

Wichtig für die Liszt-Rezeption ist diese CD allemal. Sie zeigt wie schon so oft, dass gerade bei Liszt die Aufführungs- und Hörgewohnheiten eben nur Gewohnheiten sind, zu denen es bedenkenswerte Alternativen gibt. Gleichwohl entsteht der Eindruck, dass Haselböck und sein Orchester Wiener Akademie es mit der ‚Korrektur‘ vielleicht ein wenig zu gut meinen. Manches wirkt brav, mit Vorsicht ausbuchstabiert. Mitunter fehlt auch der Schwung, das für diese Musik essentielle ‚Zigeunerische‘. Von Langeweile ist die Einspielung aber weit entfernt, dafür klingen die 'Ungarischen Rhapsodien' hier doch zu neu.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Liszt, Franz: Hungarian Rhapsodies 1-6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
25.06.2013
Medium:
EAN:

CD
761203779727


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Liszt, Franz
 - Hungarian Rhapsody No. 1 in F minor -
 - Hungarian Rhapsody No. 2 in D minor -
 - Hungarian Rhapsody No. 3 in D flat major -
 - Hungarian Rhapsody No. 4 in D minor -
 - Hungarian Rhapsody No. 5 in E minor -
 - Hungarian Rhapsody No. 6 in D major -


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Dirigent(en):Haselböck, Martin
Orchester/Ensemble:Wiener Akademie
Interpret(en):Korol, Ilia
Fischer, Verena


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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