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Donnerstag, 23. Mai 2019

Beethoven, Ludwig van - Sinfonie Nr. 2

Temporätsel


Label/Verlag: Gramola
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Auseinandersetzung von Harke de Roos mit Tempofragen in Beethovens sinfonischem Schaffen ist nicht neu. Die Ergebnisse und Thesen sind jedoch bislang tatsächlich kaum praktisch umgesetzt worden.

‚Die Missdeutung Beethovens als historisches Programm‘ lautet der Titel des ersten Abschnitts im Beihefttext zur Einspielung der Zweiten Sinfonie Beethovens durch die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Harke de Roos (Beihefttext, S. 3). Der CD-Titel ‚Van Beethoven Code‘ ist rätselhaft und deutet auf etwas Geheimnisvolles, Verschlüsseltes und Besonderes hin. Das weckt natürlich das Interesse des potentiellen Hörers.

Hinter der vorliegenden Aufnahme, die 2010 gemacht wurde, steckt viel Forschungsarbeit und das besondere Interesse des Dirigenten für die Aufführungspraxis der Wiener Klassik. Die CD beinhaltet nur die Einspielung der Zweiten Sinfonie von Beethoven. Wer denkt, dass daher zwei Drittel der Spielzeit ungenutzt bleiben, der irrt. Denn die vorliegende Interpretation ist mit insgesamt 45 Minuten im Vergleich zu anderen Einspielungen der Sinfonie außerordentlich lang. De Roos’ spezielles Interesse gilt hier den Temporelationen bei Beethoven. Beethoven ergänzte seine Zweite Sinfonie D-Dur op. 36 im Jahr 1817 mit Metronomangaben zu den einzelnen Sätzen. Allerdings glaubt de Roos hinter den Metronomangaben ein Rätselspiel Beethovens erkannt zu haben, in dem nur etwa ein Siebtel aller Metronomangaben korrekt ist und der Rest auf vorgetäuschten Irrtümern beruht (Beiheft, S. 3). Dieses Rätselspiel sei bislang von der Aufführungspraxis nicht erkannt und aufgelöst worden. De Roos löst das ‚Rätsel‘ mit der Rückführung ungerader Temporelationen in gerade, einfache Verhältnisse, so dass alle Tempi wiederum dem sogenannten ‚Tempo ordinario‘ zugrunde liegen. Folglich ergibt sich nach de Roos’ Berechnungen für die Zweite Sinfonie das Basistempo von MM 66 für die ersten drei Sätze und Tempo 100 für die halbe Note des Finales. Demnach würden seit 200 Jahren die Tempi der Sinfonie zu schnell genommen werden.

Die Thesen und Begründungen de Roos klingen plausibel, wenngleich die Ausführungen im Beihefttext zu knapp erscheinen und so nur teilweise nachvollzogen werden können. Das musikalische Ergebnis aber überrascht, denn die Temporelationen scheinen in dieser Interpretation tatsächlich in sich schlüssig und ergeben eine logische Tempoarchitektur des Werks.

Die Interpretation durch die Wiener Symphoniker ist solide und spieltechnisch qualitätsvoll. Allerdings wirken die langsamen Tempi (besonders der erste Satz) durch das markante Spiel des Orchesters leicht schwerfällig und stellenweise sogar zu klangintensiv. Trotz der neu gewählten Tempi könnte das Zusammenspiel der Musiker leichter und zugleich auch ausdrucksvoller sein. Die musikalische Gestaltung des langsamen zweiten Satzes ('Larghetto') ist gut, wirkt die Interpretation für den Hörer hier doch nicht so verzerrt wie im anschließenden, eher schweren Scherzo.

Mit spürbar musikalischem Eifer bemüht sich de Roos um eine intensive Wirkung seiner Interpretation. Der unmittelbare Höreindruck ist denn auch durchaus spannend; allerdings vermag die Aufnahme keine tiefere Spuren zu hinterlassen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Marion  Beyer Kritik von Marion Beyer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Sinfonie Nr. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Gramola
1
20.05.2013
EAN:

9003643989856


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Gramola

Gramola wurde im Jahr 1924 als Detailgeschäft und Vertrieb der beiden englischen Plattenlabels „Gramola“ und „His Master’s Voice“ gegründet. Durch den damaligen Vertrieb dieser Labels ist eines der ganz wenigen, weltweit noch existierenden Originalbilder des legendären, der Stimme seines Herrn lauschenden Hundes „Nipper“ noch heute im Geschäft zu besichtigen. Das Unternehmen ist heute das älteste Tonträgergeschäft Österreichs und arbeitet inzwischen als Familienbetrieb in der fünften Generation. In internationalen Rankings um das beste Klassikfachgeschäft der Welt nahm Gramola mehrmals Spitzenränge ein. Das denkmalgeschützte Geschäftslokal in Wien am Graben wurde nach einem Jugendstilentwurf von Dagobert Peche in den frühen Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erbaut.

Vor etwa 10 Jahren wurde bei Gramola die Produktion von Klassik-CDs wieder aufgenommen und konnte seither durch seine international vielfach ausgezeichneten Produktionen den allerhöchsten Qualitätsstandard österreichischer Musikschaffender nachdrücklich unter Beweis stellen. Gramola-CDs sind inzwischen in allen klassikinteressierten Ländern zwischen Tokyo und New York zu haben. Ergänzt wird das Gramola-Angebot durch ein Webshop, das rund um den Kalender bereitsteht, Kundenwünsche auch außerhalb regulärer Ladenöffnungszeiten zu erfüllen.


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