> > > Rautavaara, Einojuhani: Missa a Cappella
Mittwoch, 20. Oktober 2021

Rautavaara, Einojuhani - Missa a Cappella

Hohe Chorkunst


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Lettische Radiochor mit höchst attraktiver Musik des Finnen Einojuhani Rautavaara - eine herausragende Chorplatte.

Einojuhani Rautavaaras (geb. 1928) kompositorische Stimme ist noch immer eine der vernehmlichsten in der finnischen Musik der Gegenwart. Seine Affinität zur menschlichen Stimme hat sich in etlichen Chorkompositionen niedergeschlagen, eine Auswahl aus seinem geistlichen Schaffen stellt nun der Lettische Radiochor vor, geleitet von Sigvards Kļava.

Rautavaara beschreibt den Prozess seines Komponierens als nicht erklärlichen, rätselhaften Vorgang, bei dem das entstehende Werk eine Art metaphysischen Willen zu haben scheint – der Komponist als Medium und Geburtshelfer also. Ob man dieser Mystifizierung des Schaffensprozesses folgen mag, ist sicher eine Frage der grundsätzlichen Anschauung. Dass Rautavaaras Sätze von hoher Qualität sind, lässt sich hingegen leicht zeigen.

Die einleitende 'Missa a cappella' geht auf ein 1972 entstandenes Credo zurück und wurde erst kürzlich vollendet. Mit dem knapp halbstündigen Werk gelingt dem greisen Finnen ein großer Wurf: Eine Fülle von klangmächtigen, wahrhaft großen, dabei kompakt gesetzten Gesten, dazu bemerkenswert lyrische Qualitäten – all das bietet hochpotenten Chören dankbares Futter, ist aber eben zugleich wirklich gekonnt gesetzt. Etwa im oft in seiner Gesamtheit gebundenen Stimmsatz, dessen lyrischen Fluss etliche harmonische Überraschungen – Rückungen, abrupte Farbwechsel oder Schlüsse – sehr spannungsvoll sein lassen. Immer wieder verdichten mixturartige Stimmkopplungen die flächige Klanglichkeit. Und Tonrepetitionen oder chorische Staccati fügen dem linearen Fluss feine rhythmische Elemente hinzu.

Auch in den weiteren Sätzen – eine sehr knappe 'Missa duodecanonica' darunter – zeigt sich Rautavaaras neoromantische Grundästhetik, wenngleich in gelegentlich avancierterem, freierem Satz, der auch mehr technische Varianten kennt. Grundlegend bleibt aber der lyrische Klangsinn des Finnen, freilich nie ohne konstruktiven Anspruch. Dennoch: Auch die kanonisch geführte Zwölftonreihe der 'Missa duodecanonica' ist in erster Linie vor allem klangsinnlich. Die das Programm beschließende 'Erste Elegie' auf einen Text von Rilke ist von beeindruckender kontemplativer Flächigkeit geprägt, mit etlichen kleinen energetischen Impulsen versehen, etwa toll auffahrenden Tenorfanfaren am Beginn. Auch hier ist die zu Grunde liegende Zwölftontechnik nie Selbstzweck, gewissermaßen im Klangsinn sublimiert, aber nie ohne Bedeutung.

Kongeniale Deutung

Der Lettische Radiochor gehört zu den herausragenden Vokalensembles des baltischen Raums, vielleicht mit etwas weniger Ausstrahlung als der dank etlicher westlicher Dirigenten von Paul Hillier bis Daniel Reuss deutlich präsentere Estnische Philharmonische Kammerchor. Letzteres vollkommen zu Unrecht, wie die vorliegende Rautavaara-Platte eindrucksvoll zeigt. Der Chor verfügt über wunderbar plastische Register: Ganz leichte, sehr klar und filigran zeichnende, gelegentlich auch wirklich durchdringende Soprane bilden die Korona, getragen von einem volltönenden, runden und kernigen Alt. Dazu ein mit metallisch glänzender Höhe ebenso wie mit perfekter Stimmkontrolle – von gesammelter Zartheit bis zur handfesten Attacke – gesegneter Tenor, schließlich ein kantiger Bass, klangvoll und üppig, mit schöner Schwärze.

Der Chor überzeugt nicht nur in der eindrucksvollen Entfaltung seiner üppigen Möglichkeiten. Wie bei allen Ensembles dieses Formats und Potenzials interessiert natürlich, inwiefern die Lust an der großen Geste kontrolliert werden kann. Und da zeigen sich die Letten rundherum überzeugend, wirken sie gerade in gesammelter linearer Schlichtheit eindrucksvoll, führen diese stillen Passagen hochkultiviert in extrovertierte dynamische Bereiche, da dann eine in allen Stimmen beeindruckend gleichmäßig verfügbare Schlagkraft entfaltend. Die Intonation des Chors ist gestochen klar, ob in heikler Akkordik, tollen Oktavgängen, feinen Unisoni oder lebendig gestalteten Mixturklängen – immer ist der Lettische Radiochor traumwandlerisch sicher.

Natürlich entfalten die Vokalisten vor allem Lyrismus par excellence. In Sachen Legatokultur macht dem Chor ganz sicher niemand etwas vor. Es steht dem Ensemble aber eben auch die fast lustvoll ausgekostete stimmliche Attacke zu Gebote, dazu eine immer wieder mit chorischer Virtuosität bewältigte bewegliche Kleinteiligkeit. Aus dem chorischen Geschehen lösen sich immer wieder tolle Solostimmen, mit individueller technischer Klasse und auf bruchlos hohem Niveau. Wenn überhaupt etwas zu bemängeln ist, dann die etwas nachlässige und unidiomatische Aussprache des Deutschen in der Rilke-Vertonung.

Doch bleibt das in dieser auch klanglich sehr präzis und mit feinem Raumanteil realisierten Produktion ein absolut zu vernachlässigender Makel: Der Lettische Radiochor scheut nicht vor der von Rautavaara geforderten großen neoromantischen Geste zurück und beeindruckt mit erlesenster Legatokultur, intonatorischer Präzision, kultiviert entfalteter Kraft in perfekter dynamischer Kontrolle – Chorgesang auf allerhöchstem Niveau. Auch wenn die estnischen Kollegen im Westen Europas bekannter sein mögen: Diese Platte unterstreicht genauso deutlich wie einige Vorgängerinnen mit Werken von Rachmaninow und Vasks, dass der Lettische Radiochor über absolut vergleichbares Potenzial verfügt. Eine wunderbare Platte mit künstlerisch relevanter Chormusik.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rautavaara, Einojuhani: Missa a Cappella

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
03.06.2013
Medium:
EAN:

CD
761195122327


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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