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Donnerstag, 23. November 2017

Reger, Max - Romantische Suite

Vergessene Schätze


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Guild Historical ist bekannt für die Edition musikalischer Raritäten und liefert auch mit dieser Auswahl von Werken Max Regers phänomenale Aufnahmen, die sich kein Liebhaber entgehen lassen sollte.

Der Schwerpunkt des Labels Guild Historical liegt auf der digitalen Überarbeitung und Zusammenstellung älterer Aufnahmen. Bei dieser CD-Veröffentlichung aus dem Jahr 2013 handelt es sich um sieben teils bekannte, teils weniger bekannte Werke Max Regers, die zwischen 1936 und 1943 aufgenommen wurden. Die Aufnahmen besitzen deshalb aus zwei wichtigen Gründen einen besonderen Stellenwert. Zum einen war der Zweite Weltkrieg gerade für die Reger-Rezeption eine ‚schwierige’ Zeit, da man versuchte, seine Musik für nationalsozialistische Zwecke zu benutzen; seine fantasiereiche und von musikalischer Gedankenfülle geprägten Kompositionen verwehrten jedoch jegliche Art von leichter Fasslichkeit und entzogen sich damit politischen Versuchen solcher Vereinheitlichung. Zum anderen handelt es sich bei den Interpreten der vorliegenden Aufnahmen um namhafte und brillante Schüler Regers, die er selbst sehr schätzte.

Die 1911 entstandene 'Lustspielouvertüre' op. 120 geht Fritz Lehmann in seiner Interpretation mit der Staatskapelle Berlin in einem sehr raschen Tempo an, das den Charakter dieses unterhaltsamen Stückes auf den Punkt genau trifft. Selbst die schwierigen und virtuosen Passagen meistert das Orchester leichtfüßig und mit einer Spritzigkeit, die den Hörer fast sprachlos macht. Runde und schöne Phrasierungen, wie auch die Gestaltung der Übergänge werden mühelos bewältigt und überzeugen in einer Klangkraft, die wunderschön ausbalanciert ist. Auch die gefühlvolle Serenade op. 95 würde ohne Probleme als sehr schöne Filmmusik durchgehen und weist die für Reger typisch spätromantische und sehr starke Gefühlsintensität auf, ohne kitschig zu werden. Eugen Jochum wählt ein moderates Tempo, das hervorragend mit der Melodieführung und -gestaltung harmoniert, sodass ein harmonisches und emotional geladenes Gesamtbild entsteht.

Zur 'Ballett-Suite' op. 130 wurde Reger durch seine Beschäftigung mit den Figuren der italienischen commedia dell’arte inspiriert. Die Sätze 'Entrée', 'Colombine', 'Harlequin', 'Pierrot und Pierrette', 'Valse d’amour' und 'Finale' bestehen aus unterschiedlichsten Charakteren und ebenso betont verschieden versuchen Eduard van Beinum und das Concertgebouw Orkest Amsterdam die Sätze zu interpretieren. Dennoch schaffen sie es, den Zusammenhang der Sätze durch kleine, aber bemerkenswerte Tempiwechsel herzustellen. Regers 'Schlichte Weisen' op. 76 – hier mit den Nummern 3, 22, 52 und 59 vertreten – sind entgegen der Melodie durch die Orchestrierung (die allerdings nicht von Reger selbst stammt) alles andere als schlicht; sie verlangen dem Sänger vor allem eine saubere Intonation und feine Phrasenenden, die aber sowohl Anni Frind als auch Elisabeth Schumann atemberaubend sauber darbieten. Beide gehören in den 1930er und 40er Jahren zu den festen Größen der Bühne und scheinen nahezu perfekt zum Stil der Reger-Lieder zu passen.

Die dreisätzige 'Romantische Suite' op. 125 ('Notturno', 'Scherzo' und 'Finale') basieren auf den Gedichten ‚Nachtzauber’, ‚Elfe’ und ‚Adler’ von Joseph von Eichendorff und waren ursprünglich auch als Titel der einzelnen Sätze vorgesehen. Reger entschied sich jedoch dagegen, was wahrscheinlich auf seine Auseinandersetzung mit Programmmusik und absoluter Musik zurückzuführen ist. Unter der Leitung von abermals Fritz Lehmann gelingt den Groot Symfonieorkest van Zender aus Brüssel eine beeindruckende Unterschiedlichkeit der einzelnen Stimmungen. Einen ganz besonderen Charme versprüht dabei die hörbare ältere Aufnahmetechnik, die den Hörer sofort an die Filme der 30er und 40er Jahre erinnern lässt. Minimal störend kann hierbei lediglich der altersbedingt dumpfe Klang der über weite Strecken hinweg dominierenden Bläser wahrgenommen werden; diese Feinheiten sollten einem Käufer bei der Wahl einer historischen und/oder digitalisierten Aufnahme jedoch bewusst sein.

Die 'Mozart-Variationen' gehören zweifelsohne zu den bekanntesten Werken Regers und basieren auf dem Sonaten-Thema KV 331 in A-Dur. Die Hingabe und träumerische Leidenschaft, die Reger wohl als großer Verehrer Mozart’scher Musik empfunden hat, spiegeln das Amsterdamer Concergebouw Orkest unter Eduard van Beinum sehr schön wider. Das meisterhafte Spiel mit Form und Klang Regers lässt den Hörer jede der acht Variationen neu erleben, und immer mehr wird das einprägsame Thema in seine Bestandteile aufgelöst und mit neuen Ideen bereichert. Die erstaunlich ausgewogene Klangbalance ist ein wahrer Hörgenuss, der jedoch durch die etwas zu starken Brüche der auf der CD einzeln abgespeicherten Variationen etwas leidet; schöner wäre es gewesen, wenn das leichte Rauschen der Langspielplatte nach und nach ausgeblendet würde.

Schließlich überzeugt auch die 'Vaterländische Ouvertüre' op. 140 mit ihrer berauschenden Klangwirkung und Verarbeitung bekannter Motive, wie z.B. der deutschen Hymne und neuen, eigenen Ideen. Wie kein anderes der hier zusammengestellten Werke steht seine Wiedergabe wohl unter direktem Einfluss der nationalsozialistischen Zeit. Robert Heger und das Städtische Orchester Berlin wählen hier ein sehr bedächtiges Tempo, das den Hörer nachdenklich stimmt, aber diesen durch die intensive und groß angelegte Steigerung der Dynamik in ihrem musikalischen Fluss mitreißt. Fein herausgearbeitet ist die schöne Kontrastierung kontrapunktischer Elemente und harmonischer Brüche, ebenso der Wechsel energiegeladener und ruhigerer Passagen.

Die zusammengestellten Aufnahmen verschiedenster Werke Max Regers auf dieser CD sind echte Juwelen der Musikgeschichte und zeugen von meisterhaftem Spiel und präziser Ausarbeitung der einzelnen Stücke im spätromantischen Stil. Die historische Aufnahmetechnik stört bei dieser Art von Musik überhaupt nicht – im Gegenteil: Sie macht diese zu etwas Besonderem und verleiht den Werken einen Hauch Melancholie und Erinnerung an vergangene Zeiten. Trotz schwieriger Aufführungsbedingungen während der nationalsozialistischen Diktatur gelang es einigen wenigen Dirigenten – erlaubt oder verboten –, Regers Stücke einzustudieren und zu Gehör zu bringen. Gerade, weil es sich bei den Dirigenten um Schüler des Komponisten handelt, weisen die Stücke einen besonders engen Bezug zu den musikalischen Ideen und Vorstellungen Regers auf und gewähren mit viel Feingefühl und Leidenschaft einen Einblick in die Klangwelt eines der größten Komponisten der Moderne.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reger, Max: Romantische Suite

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
1
08.01.2014
EAN:

795754240122


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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