> > > The Seasons: Werke von Tomasi, Barber, Henze u. a.
Sonntag, 16. Januar 2022

The Seasons - Werke von Tomasi, Barber, Henze u. a.

Jahreszeiten mit Wind


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Philharmonische Bläserquintett Berlin bietet ein breites Panorama von Bläserquintetten des 20. Jahrhunderts und begeistert mit erlesener Spielkultur.

Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren hinweg hat das Philharmonische Bläserquintett Berlin ein Aufnahmeprojekt vorangetrieben, das als ein bedeutsamer Beitrag die Bläserquintett-Diskographie bereichert. Zwischen 1991 und 2002 stellten die fünf Musiker der Berliner Philharmoniker jeweils Bläserquintette des 20. Jahrhunderts nach kulturgeographischen bzw. stilistischen Gesichtspunkten und der stimmungsmäßigen Zuordnung zu einer der Jahreszeiten auf insgesamt vier CDs zusammen.

Stets gruppierten sich schlüssig zusammengestellte Programme um einen titelgebenden Kern, der auf eine der Jahreszeiten verwies. Henri Tomasis 'Printemps' verlieh der ersten Folge ihren Namen, Samuel Barbers 'Summer Music' der zweiten; während in der dritten Folge Hans Werner Henzes 'L’Autunno' das Zentrum bildet, stehen Brett Deans 'Winter Songs' im Mittelpunkt der abschließenden vierten CD. Was läge da näher, als die vier Folgen unter dem Titel ‚The Seasons‘ in einer Box zusammenzufassen? Und genau das hat das schwedische Label BIS nun gemacht. Herausgekommen ist ein ungewöhnlich breites Panorama jüngerer Werke für Bläserquintett, das sowohl Repertoirestücke für Bläserquintett einschließt als auch hochspannende Raritäten präsentiert.

Vor allem die ersten drei Folgen sind von beachtlicher konzeptioneller Geschlossenheit. Den Musikern gelingt das Kunststück, Werke mit verwandter kompositorischer Stilistik sowie Ähnlichkeiten in Tonfall und Stimmung von Komponisten eines kulturgeographischen Raumes zusammenzuführen – und dann noch für Abwechslung in der Programmzusammenstellung zu sorgen. So widmet sich die erste CD unter dem Titel ‚Printemps‘ französischen Werken des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts, in denen sich melodische Leichtigkeit, rhythmische Agilität sowie harmonische Würze auf ungemein anregende Weise verbinden – Assoziationen zu frühlingshafter Unbeschwertheit stellen sich da nicht nur bei Henri Tomasis 'Printemps' für Bläserquintett und Saxophon (1963) ein. Während 'La Cheminée du roi René' (1939) von Darius Milhaud sowie Charles Kœchlins 'Septuor pour instruments à vent' (1937) in Harmonik und Satzgestaltung auf ältere Idiome zurückgreifen, spielen Jacques Iberts 'Trois Pièces brèves' (1930) sowie das 'Quintette No 1' (1948) von Jean Françaix mit kapriziöser melodischer Erfindung und motorischer Vitalität. Als ‚Zugabe‘ gibt es Eugène Bozzas mit 'Hummelflug'-Avancen ausgestattetes 'Scherzo pour quintette à vent' (1944).

Wie die dritte, mit Werken von Paul Hindemith und Hans Werner Henze zweigeteilte Folge besteht auch die zweite CD aus unterschiedlichen Teilen: Die ersten vier Werke entstammen der nordamerikanischen Tradition, die folgenden der südamerikanischen – Sommermusik allerdings ist sowohl Gunther Schullers jazznahe 'Suite' (1945) wie auch die Werke von Júlio Medaglia, Heitor Villa-Lobos und Liduino Pitombeira, in denen immer wieder südamerikanische Tänze anklingen. Diese Folge enthält mit Samuel Barbers großartiger 'Summer Music' (1956) zugleich einen Höhepunkt dieser Sammlung. Die träge Stimmung in der Luft klebender Fliegen wird von den Musikern wunderbar feinfühlig eingefangen.

Etwas loser ist die Zusammenstellung der letzten CD. Sie reicht von Brett Deans 'Winter Songs' für Tenor und Bläserquintett (1994/2000) über Werke baltischer Komponisten – Erkki-Sven Tüür, Pēteris Vasks und Arvo Pärt – bis hin zu Carl Nielsens Meisterwerk für Bläserquintett op. 43. Das ist eine reichlich heterogene Mischung, die nicht so recht zusammenpassen will, auch wenn freilich mit Vasks 'Music for a deceased friend' ein weiteres sehr hörenswertes Werk enthalten ist, das die Musiker sogar stimmlich fordert.

Durchweg beeindruckt das Philharmonische Bläserquintett Berlin mit ausgesuchter Tonschönheit, lupenreiner Intonation, rhythmischer Genauigkeit und dynamischer Differenzierung. Am meisten allerdings besticht die Leichtigkeit, mit der die Musiker die verschiedenen Idiome und ‚Stimmen‘ der unterschiedlichen Komponisten strahlen lassen, ganz zu schweigen von der stilistischen Bandbreite, die von den würzigen Tanzrhythmen in Medaglias 'Suite popular brasileira' (1991–93) bis hin zur zwölftönigen Feindrechselarbeit von Henzes Quintett (1952) reicht; für beides findet das Philharmonische Bläserquintett Berlin einen überzeugenden Zugang. Die größten Stärken dieser Sammlung liegen denn auch neben der gebotenen Breite des Programms in den Repertoire-Nebenpfaden; von Nielsens Bläserquintett gibt es manch noch packendere Einspielung, und auch in Bezug auf Françaix‘ Quintett findet etwa das Bläserquintett Bergen in einer ebenfalls bei BIS erschienenen Einspielung vielfältigere Schattierungen.

Abgerundet wird diese exquisite Box von einem mehrsprachigen, umfangreichen Booklet. Für den Großteil der Texte zeichnet der Flötist des Ensembles, Michael Hasel, verantwortlich. Er führt beredt und informativ in die Werke ein. (Abschließend sei bemerkt, dass bei dem Rezensionsexemplar die Zuweisung der CDs 2 und 3 vertauscht wurden: Die als zweite CD ausgegebene ist eigentlich die dritte und umgekehrt. Es geht dem Hörer somit nichts verloren, nur muss er eben die CD 3 einlegen, wenn er Barbers 'Summer Music' hören möchte.)

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    The Seasons: Werke von Tomasi, Barber, Henze u. a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
4
15.05.2013
Medium:
EAN:

CD
7318590020722


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Erdverbunden: 'Bremsen los!', will man den Interpreten der vorliegenden SACD wiederholt zurufen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Nachdenklichkeit und Brillanz: Wenn Sie Xiaogang Ye noch nicht kennen, möchten Sie dem chinesischen Komponisten vielleicht eine Chance geben. Abgesehen vom Auftragswerk 'Starry Sky' hat sein Schaffen definitiv Beachtung verdient. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Sieben Soli: Auch in der Beschränkung erweist sich Kalevi Aho als Meister. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Tiefe persönliche Betroffenheit: Das Atos Trio nimmt mit einer glühend intensiven Aufnahme zweier tschechischer Klaviertrio-Meisterwerke für sich ein. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Durchdringung: Das Wiener Klaviertrio eröffnete mit gewohnter Klasse eine neue Reihe der Brahms-Klaviertrios. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Geist der Vergangenheit: Masaaki Suzuki nähert sich Strawinskys Neoklassizismus im Geist der Alten Musik. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich