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Sonntag, 29. Mai 2022

Juon, Paul - Kammermusik mit Viola

Die träumende Oreade


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Juons eingängige Frühwerke in wunderbar einfühlsamen Interpretationen. Dazu gibt es die spannende spätere Sonate op. 82a in der Bearbeitung für Bratsche und Klavier.

'Rêverie' (Träumerei) heißt der erste Satz, und traumhaft schön klingt er tatsächlich. Er könnte vielleicht von Rachmaninoff stammen, doch die Rede ist von den sogenannten ‚Trio-Miniaturen‘ Paul Juons. Sie sind heute sein meistgespieltes Werk – kein Wunder eigentlich: Sie sind leicht zu hören und in verschiedensten Besetzungen mit drei Instrumenten spielbar. Auf einer neuen Platte bei Musicaphon ist die Version mit Klarinette, Bratsche und Klavier zu hören. Die Originalfassung der Träumerei aus einem Zyklus für Klavier trägt übrigens den Titel 'Träumende Oreade', also eine Bergnymphe der griechischen Mythologie.

Die Ähnlichkeit zu Rachmaninoff ist kein Zufall, denn beide Komponisten sind gleich alt und haben in ihrer Jugend gemeinsam bei Sergej Tanejew in Moskau studiert. Juons Tonsprache sollte sich später in eine ganz andere Richtung entwickeln, doch die Trio-Miniaturen sind ein frühes Werk, entstanden um 1900. Die Platte enthält außer den Trio-Miniaturen weitere Kammermusik für Bratsche und Klavier, gespielt von Roswitha Killian und Fumiko Shiraga. Es sind also keine großen, bekannten Stars, die sich hier Paul Juon vorgeknüpft haben. Manche Sprünge trifft Roswitha Killian nicht hundertprozentig sauber, manchmal ist auch das Zusammenspiel nicht ganz perfekt. Doch das sind wirklich Kleinigkeiten. Dafür strahlt ihr Ton Wärme aus, und die beiden Musikerinnen erfassen mit meist eher gemessenen Tempi die Schönheiten der Musik ausgezeichnet.

Eigentlich müssten sich alle Bratscher auf die Sonate op. 15 stürzen, denn es ist für sie ein äußerst dankbares Werk. Innerhalb von Juons Schaffen hingegen finden sich durchaus noch ansprechendere Werke; sein op. 15 ist als ein Werk einzuschätzen, in dem sein Personalstil noch nicht ganz ausgereift ist. Noch früher ist die Romanze op. 7 entstanden. Unter dieser Nummer schrieb Juon eigentlich eine Violinsonate – er selbst hatte Violine studiert – aus deren Variationssatz die Romanze herausgelöst wurde. Sie ist ebenso melodiös wie die 'Rêverie' aus den Trio-Miniaturen und ein im Vergleich zur Komplexität vieler Werke Juons außerordentlich einfach gebautes Stück.

Das einzige spätere Werk dieser Platte und bei weitem das musikalisch anspruchsvollste und spannendste ist die Sonate op. 82a von 1924. Auch diese Sonate ist nicht original für die Bratsche geschrieben, sondern für Klarinette. Allerdings sind die Abweichungen in Juons eigener Bearbeitung teilweise erheblich, und das Stück scheint nun auch der Bratsche wie auf den Leib geschneidert. Die Pianistin Fumiko Shiraga leuchtet die Details des überaus dichten Klavierparts sehr gut aus, und Roswitha Killian spürt insbesondere den sanfteren Stimmungen intensiv nach. Wo ein Pianissimo vorgeschrieben ist, spielt sie fast unhörbar. Das einsätzige, aber deutlich in mehrere Abschnitte untergliederte Werk wirkt in dieser Interpretation unbedingt überzeugend.

Wieso für diese Sonate die Tonart D-Dur angegeben ist, scheint unklar. Vermutlich handelt es sich um ein Versehen, denn die frühe Sonate op. 15 steht in D-Dur, bei op. 82a hingegen gibt es davon keine Spur. Fraglich, ob man für diese Sonate überhaupt sinnvoll eine Tonart angeben kann, denn sie ist tonal recht frei gestaltet, streift verschiedene Tonarten und benutzt immer wieder offene Quint- und Quartklänge. Wenn also überhaupt, so wäre die Tonart f-Moll. Die im September 2012 in Würzburg aufgenommene Platte ist auch klangtechnisch ansprechend. Die Aufnahmen haben etwas Hall, der aber nicht negativ auffällt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Juon, Paul: Kammermusik mit Viola

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Musicaphon
1
22.05.2013
Medium:
EAN:

CD
4012476569567


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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