> > > Französische Trompetenkonzerte: Werke von Tomasi, Jolivet, Planel u. a.
Donnerstag, 28. September 2023

Französische Trompetenkonzerte - Werke von Tomasi, Jolivet, Planel u. a.

La trompette enchantée


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ole Edvard Antonsen erweist sich als formidabler Solist, der den französischen Trompetenkonzerten mit spieltechnischer Brillanz begegnet.

Denkt man an französische Trompetenkonzerte, so kommen einem unmittelbar die Namen André Jolivet und Henri Tomasi in den Sinn, zwei der berühmtesten Komponisten von Trompetenkonzerten im 20. Jahrhundert. Jolivet (1905-74) schuf zwei Trompetenkonzerte, Tomasi (1901-71) eines, und alle drei sind Standardwerke des Repertoires (berühmt ist die Einspielung von Wynton Marsalis und dem Philharmonia Orchestra unter Esa-Pekka Salonen aus dem Jahr 1986).

Tomasis Konzert (1944) etwa macht weidlich Gebrauch von Jazzelementen, erweist sich dennoch im Verlauf des Werks gleichzeitig als eine Hommage an Maurice Ravel. Das Werk ist für den Solisten brillant gesetzt (manche Zeitgenossen hielten den Part zunächst für unspielbar) und außerordentlich effektvoll, gelegentlich geradezu sensualistisch orchestriert, mit Xylophon und Vibraphon. Der musikalische Witz der Außensätze wird komplementiert durch einen zunächst melancholischen, später zu großzügigen weiten Bögen ausholenden Mittelsatz, in dem das gestopfte Soloinstrument gegen Harfe, Streicher und Oboe ganz eigene Klangfarben evoziert.

André Jolivets Erstes Konzert (1948) ist etwas wie das Gegenstück zu Schostakowitschs Erstem Klavierkonzert (nur haben wir hier ein Konzert für Trompete, Streicher und Klavier und nicht umgekehrt). Hier ist die Nähe zu Villa-Lobos unverkennbar; der Trompetenpart nicht so exponiert hervorgehoben wie bei Tomasi. Das Werk hat die interessante Konzeption einer Variationsreihe innerhalb der drei traditionellen Dreisätzigkeit – wenn es in einer Hinsicht nicht ganz überzeugt, dann darin, dass der Klavierpart gelegentlich weit über den eines Orchesterinstruments hinausgeht.

Jolivets Zweites Konzert (1954-5) nutzt noch stärker als die beiden anderen Werke Jazzelemente und ist gewissermaßen eine unmittelbare Hommage an Louis Armstrong. Das Konzert wirkt trotz seiner reizvollen Orchesterbesetzung (Jolivet verzichtet auf Streicher, fordert dafür acht Solobläser Harfe, Klavier und Schlagzeug) eher wie Musik der späten 1920er- oder frühen 1930er-Jahre, eher wie Milhaud oder andere gerade französische Zeitgenossen denn wie Musik der Nachkriegsära.

Robert Planel (1908-94) machte sich vor allem als Pädagoge und Inspektor der musikalischen Ausbildung in Paris und Umgebung einen Namen; sein kompositorisches Œuvre ist mit rund vierzig Werken aller Gattungen eher überschaubar. Das Trompetenkonzert (1966), eine ausgesprochen eklektische Komposition, mit Reminiszenzen an Neoromantik, Neoklassik und Neobarock, ist dem großen französischen Trompeter Maurice André gewidmet (der für Erato fast alle Werke der vorliegenden SACD eingespielt hat); in seinen bescheidenen Anforderungen (Planel benötigt nur Solotrompete und Streicher) handelt es sich um eine ausgesprochen gefällige, von der Melodiegestaltung teilweise durchaus typisch französische Komposition.

Wie Planel und Tomasi war auch Alfred Desenclos (1912-71) ein Gewinner des berühmten Prix de Rome, und wie Planel profilierte er sich vor allem als Pädagoge. Sein 1953 entstandenes Triptychon 'Incantation, thrène et danse' (Beschwörung, Klagegesang und Tanz) gehört am ehesten dem an, was man an moderater freitonaler Musik dieser Zeit erwartet, trotz des formal eher traditionalistischen Werkkonzepts, mit einem zauberisch-atmosphärischen langsamen Satz und einer offenen Hommage an Ravel im Finale.

Der 1962 geborene norwegische Trompeter Ole Edvard Antonsen ist allen noch so intrikaten Anforderungen der Partituren gewachsen. Er spielt ungeheuer sicher, brillant (mir an manchen Stellen zu obertonreich, zu offen, zu wenig den Gesamtklang im Blick haltend), exakt, wo erforderlich zurückhaltend. Das heute wegen seiner neuen Chefdirigentin Marin Alsop in den Fokus gerückte São Paulo Symphony Orchestra, hier unter der Leitung des Chinesen Lan Shui, ist ein adäquater hochkarätiger Partner. Die Rhythmik ist höchst präzise, die Klangfarben in vollem Reichtum ausgebreitet.

Wenn der Einspielung etwas fehlt, dann höchstens die letzte Portion gallischer Charme. Die Aufnahmetechnik ergänzt durch exemplarische Klarheit und große Natürlichkeit, beste Durchhörbarkeit und gute Staffelung, wenn auch die Streicher beim Ersten Jolivet-Konzert etwas zu stark zurückgehalten sind. Das Booklet wäre noch deutlich verbesserungsfähig gewesen (warum gibt es keine Fotos der Komponisten, nur Hochglanzbilder der Interpreten, warum ist die deutsche Übersetzung derart schlampig lektoriert?).

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Französische Trompetenkonzerte: Werke von Tomasi, Jolivet, Planel u. a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
15.05.2013
Medium:
EAN:

SACD
7318599917788


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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