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Dienstag, 2. März 2021

Offenbach, Jacques - 3 x Offenbach

Carlos Kleiber als Operettendirigent


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das ist eine CD-Ausgabe, bei der ich aufgrund der unzähligen Striche von Anfang bis Ende schreien könnte vor Frustration.

1962 dirigierte der junge Carlos Kleiber  seine erste eigene Musiktheaterpremiere in Düsseldorf. Auf dem Programm standen drei wundervolle Offenbach-Einakter, von denen besonders die herrlich queere 'Insel Tulipatan' nicht in einer brauchbaren modernen Aufnahme vorliegt. Bei diesem nun veröffentlichten Mitschnitt sind viele der Vorzüge jeder Kleiber-Aufnahme zu loben. Aber: Diese scheinbar ehemals vom Zweiten Deutschen Fernsehen übertragene Premiere ist von der Klangqualität als CD-Transfer nicht wirklich überzeugend. Das hätte ich natürlich sofort und gerne überhört, wenn die Interpretation aufregend wäre. Die Sänger des Düsseldorfer Ensembles sind aber allesamt nur passabel und Fritz Ollendorff als Komiker in 'Tulipatan' ist als Name berühmter denn als Klangerlebnis beeindruckend.

Was aber jeden an Offenbach und/oder Kleiber interessierten Hörer in die Verzweiflung treiben dürfte, ist nicht der Sound und die Besetzung, sondern die radikal gekürzte Fassung der drei ohnehin schon kurzen Einakter. Es fehlt bei allen Stücken schlichtweg mehr als die Hälfte (!) der Musik. Wieso sich Kleiber vom Regisseur Renato Mordo seinen Offenbach derart hat zerstören lassen, bleibt sein Geheimnis. Womöglich hatte er als junger Kapellmeister kein Mitspracherecht? Womöglich war ihm das alles egal? Dem modernen Hörer sollte es jedenfalls nicht egal sein. Denn gerade 'Die Verlobung bei der Laterne' und besonders die 'Insel Tulipatan' enthalten so viel herrliche Musik, so viele bemerkenswerte Spielszenen, dass es schlichtweg unfassbar ist, was hier alles gestrichen ist.

Von der 'Verlobung' gibt’s immerhin eine gute historische Aufnahme unter Dirigent Kurt Schröder von 1949, die dem Stück weit eher gerecht wird als Kleiber (gleichwohl die Stücke, die zu hören sind, von Kleiber durchaus packend dirigiert werden). Auf der Schröder-Doppel-CD beim Label Line ist auch 'Tulipatan' drauf – ebenfalls vollständig, wenn auch angesichts der ziemlich modernen Gender-Thematik etwas arg brav ausgespielt. Aber es ist halt 1949.

Von 1958 gibt es auch noch eine gleichfalls recht brave Gesamtaufnahme von 'Tulipatan' mit Dirigent Paul Burkhard und Anneliese Rothenberger als Kronprinz Alexis, der als Frau in einer Männerrolle gefangen ist – und in eine andere Frau verliebt ist, die aber wiederum eigentlich ein Mann ist: Verwirrung der Gefühle. Auf dieser Line-Alternativausgabe ist als zweites Stück die ‚Kleine Zauberflöte‘ unter dem Titel 'Regimentszauber' zu finden, ebenfalls mit Rothenberger, ebenfalls mit Burkhard. Auch diese Aufnahme ist – allein schon wegen der Vollständigkeit und wegen der besseren Solisten – weit besser als Kleibers Einspielung hier. Trotz der Trutschigkeit, die bei Burkhard und dem NDR 1958 herrschte. Sie ist nicht so sehr viel anders als die Trutschigkeit in Düsseldorf 1962.

Zu DDR-Zeiten gab es in den 1980ern an der Staatsoper Berlin eine sensationelle Aufführung von 'Tulipatan', die im Fernsehen übertragen wurde. Die private Aufnahme davon, die ich besitze, ist Dokument eines der witzigsten und gelungensten deutschsprachigen Offenbach-Abende, die ich kenne. Leider ist, soweit ich weiß, der Mitschnitt bislang nicht professionell auf DVD und auch nicht auf CD erschienen. Er würde sowohl die Kleiber-Aufnahme als auch die mit Schröder/Burkhard weit in den Schatten stellen. Es singen die Stars der DDR-Zeit, u. a. Jutta Vulpius.

Wie gesagt, ich könnte vor Frustration bei dieser Kleiber-Doppel-CD von Anfang bis Ende schreien. Denn immer, wenn man glaubt, jetzt geht’s doch endlich mal richtig los, kommt schon wieder der nächste radikale Strich. Ob man dem Andenken an den von mir ansonsten hoch geschätzten Kleiber mit dieser Veröffentlichung einen Gefallen getan hat? Kleiber-Fans werden die Aufnahme mit dem spannenden Essay von seinem Biografen Alexander Werner trotzdem haben wollen, um sich ein kompletteres Karrierebild ihres Idols machen zu können. Offenbach- und Operettenfans sollten diesen Einakter-Abend aus Düsseldorf mit dem Orchester der Deutschen Oper am Rhein meiden. Leider!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Offenbach, Jacques: 3 x Offenbach

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
2
25.03.2013
Medium:
EAN:

CD
881488120660


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Profil - Edition Günter Hänssler

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EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
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Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
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