> > > Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 2 "Resurrection"
Mittwoch, 30. November 2022

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 2 "Resurrection"

Von Freud, Leid und Erlösung


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mariss Jansons dirigiert Gustav Mahlers Zweiten Sinfonie mit dem Chor und Sym-phonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Erster kommt zu Beginn

Wenn sich ein Dirigent von der künstlerischen Größe eines Mariss Jansons aufmacht, Mahlers Zweite Sinfonie zu dirigieren, ist das immer ein Grund zur Freude. Wenn dieses Konzert dann auch noch in der Reihe ‚Mariss Jansons conducts‘ auf DVD erscheint, ist die Freude ungleich größer, zumal nur wenige Wermutstropfen diese fast perfekte Produktion trüben. So wie Jansons im 'Allegro maestoso' beim Dirigieren mitleidet, kommen fast Assoziationen an den großen Mahler-Interpreten Bernstein. Man fürchtet schon um seine Gesundheit, zumal er zuletzt immer wieder stark angeschlagen war. Doch schon im zweiten Satz amüsiert er sich wieder königlich über den Mahlerschen Humor im Ländler-Volksliedhaften. Die Konturen im dritten Satz, der ‚Fischpredigt‘, sind selten so klar hervorgebracht worden. Und das Finale erreicht einen Spannungsbogen, der seinesgleichen sucht. Dass es hier nicht zur Referenzeinspielung reicht, liegt dann auch weniger an Jansons oder dem exzellenten Orchester des Bayerischen Rundfunks als am Vokalpart, der das Gesamtbild ein wenig trübt.

So ist über den Chor zweierlei Urteil zu sprechen: Im ‚Aufersteh’n‘-Chor des Finales agiert der Klangkörper tadellos vom leisesten Piano zum mächtigsten Fortissimo. Das einleitende 'Ich bin der Welt abhanden gekommen' im 16-stimmigen Satz von Clytus Gottwald vermag jedoch nicht in gleicher Weise zu überzeugen. Die Gottwald-Bearbeitungen von Mahler für Chor a capella können zum anspruchsvollsten gerechnet werden, was die Literatur zu bieten hat – schon allein deshalb, weil naturgemäß alle bis auf eine Stimme für Orchesterinstrumente und nicht für die menschliche Stimme geschrieben wurden. Es stellt sich hier auch die Frage, ob ein vier- oder achtstimmiger Satz nicht die Schlichtheit dieses Rückert-Liedes besser eingefangen hätte. Ein vielschichtiges Schimmern wie etwa in Gottwalds Bearbeitung des 'Adagietto' aus Mahlers Fünter Sinfonie zum 16-stimmigen Satz 'Im Abendrot' wird hier nicht erreicht – was auch an den Ausführenden liegen könnte. Der Sopran hat mit der Höhe der Soloviolinen-Stimme seine liebe Mühe, der Alt geht als eigentliche Melodiestimme oft unter, diffus statt differenziert der Eindruck in Tenor und Bass.

Unklar ist auch, warum Jansons diesen Einleitungschor nicht selbst dirigiert, sondern ihn an den Chorleiter Michael Gläser delegiert. Der macht seine Sache gut, sieht jedoch mitten im Orchester etwas verloren aus. Der Geschlossenheit des Konzerts hätte es sicherlich gut getan, wenn Jansons von Beginn an dirigiert hätte – so bleibt der fade Nachgeschmack einer gewissen Arroganz zurück, auch wenn vielleicht das Gegenteil beabsichtigt war.

Auch programmatisch hätte man vielleicht eine bessere Wahl treffen können, denn ein Abschiedslied wie 'Ich bin der Welt abhanden gekommen' vermittelt kaum die Aufbruchsstimmung, die es für eine so große sinfonische Reise wie die ‚Auferstehungssinfonie‘ braucht. Es muss ja nicht gleich Schönbergs 'Ein Überlebender aus Warschau' sein, der attacca in den ersten Satz überleitet, so wie im Mahler-Zyklus der Berliner Philharmoniker 2010 – der programmatische Holzhammer quasi, wenn auch effektvoll und in jedem Fall mutig.

Doch all das ist vergessen, sobald der Lette zum Stab greift und die ersten Takte des 'Allegro maestoso' dirigiert. Schroff und kantig steigen die Bässe ein, besonders auf einem hochwertigen Wiedergabegerät mit hohem Basswirkungsgrad ein wahrer Ohrenschmaus. Aus dem insgesamt sehr guten Orchesterklang sind sie gemeinsam mit der Oboe und den Harfen besonders hervorzuheben. So deutlich hat man die aufsteigende Linie des ersten Themas selten gehört. Kraftvoll und konsequent dirigiert hier Jansons in flotten, jedoch nie überhetzten Tempi, als wenn es um sein Leben ginge. Dass Dirigieren nicht nur Sport, sondern Schwerstarbeit sein kann, glaubt man beim Anblick von Jansons sofort. Der gesamte Weltschmerz, der sich in der Dramatik der ‚Todtenfeier‘ entfaltet, scheint sich in seiner Mimik zu bündeln. Umso erstaunlicher der Wechsel zum 'Andante moderato', wo aller Schmerz vergessen ist. Jansons zelebriert hier verschmitzt wie ein Schuljunge den Wechsel zwischen volksliedhaft-idyllischem und dynamisch-dramatischem Ton, wobei er in ersterem immer mal wieder mit den Händen dirigiert, um das fließende Element der Musik deutlich zu machen. Das Orchester ist Wachs in seinen Händen.

Gleiches gilt für den dritten Satz, der nicht wie bei vielen anderen zahnlos und geglättet, sondern beißend und scharfkantig daherkommt. Hier versteht man die Satire des am ehesten als Scherzo zu bezeichnenden Satz der Symphonie auch ohne die Worte des Wunderhorn-Liedes 'Des Antonius von Padua Fischpredigt', auf dem er beruht. Von Reisigbesen über col legno zu beißenden Klarinettenlinien fährt Mahler hier alles auf, was das Orchester an scharfen Klängen zu bieten hat, und die Münchener lassen alle diese Farben leuchten. Das nächste Wunderhorn-Lied, diesmal mit Text, folgt sogleich mit dem 'Urlicht'. Diese symphonische Miniatur als Stück im Stück ist oft genug der Schlüssel zu einer gelungenen Aufführung von Mahlers Zweiter Sinfonie. Jansons lässt hier den Bläserchoral bereits vom Fernorchester spielen, wodurch der Satz noch einmal entrückter erscheint und auf gelungene Weise den Weg zum Finale ebnet. Leider wird die Altistin Bernarda Fink der kindlichen Schlichtheit des Ausdrucks, der es hier bedarf, nicht ganz gerecht: Zu ausufernd ihr Vibrato, Absprachen bleiben oft undeutlich. Die Verzückung im Gesicht in kindlicher Vorfreude auf die ‚Erlösung‘ am Ende des Stückes wiederum ist glaubhaft und stimmt zum Abschluss versöhnlich.

Doch sowohl Chor als auch Altistin gewinnen im letzten Satz enorm an Form, was sicherlich auch an dem herausragenden Spannungsbogen liegt, den Jansons und das Orchester ihnen in den gut zwanzig Minuten vor dem ‚Aufersteh’n‘-Chor bereiten. Vom spannungsvollen ‚großen Appell‘ im Blech über die Themen-Einsätze des Chorals und des ‚O Mensch‘-Motivs wird hier alles mit großer Geste zusammengehalten. Das Fernorchester erscheint unwirklich sphärisch und dennoch klar und rein. Beim Einsatz des Chores aus dieser Sphäre heraus schließlich ist Gänsehaut garantiert: Ein wirkliches Pianissimo in tiefster Tiefe, das in der Magengegend kribbelt. Der Klopstock-Choral wird von allen Beteiligten majestätisch-packend dargeboten, auch von der Sopranistin Anja Harteros, die sich besonders im Duett mit Bernarda Fink hervortut. Wie genial Mahler hier den Spannungsbogen angelegt hat, wird bei Jansons deutlich, denn hier zentriert sich wirklich alles auf die letzten Takte mit der Wiederholung des ‚Aufersteh’n‘-Chorals in triumphalem Fortissimo: ‚Sterben werd‘ ich, um zu leben!‘ Der Applaus ist entsprechend frenetisch und setzt quasi mit dem letzten Ton ein. Es scheint, als habe Jansons nach diesem Finale schlicht die Kraft gefehlt – wer könnte es ihm verübeln.

Als Fazit bleibt der Eindruck eines gelungenen Konzertes, was hauptsächlich der Ausdruckskraft und dem Durchhaltewillen von Maestro Mariss Jansons geschuldet ist. Auch das Produkt ist zu empfehlen: Von der technischen Seite ist die DVD makellos, Bild und Ton sind qualitativ hochwertig. Das Menü ist schlicht gehalten, aber funktional. Im Begleitheft stehen Einführungstexte in Englisch, Französisch und Deutsch, Künstler-Biographien wären wünschenswert. Insgesamt also: Für Mahler- und Jansons-Fans ein Muss, für alle anderen eine gute Ergänzung zum Repertoire.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:





Sebastian Posse Kritik von Sebastian Posse,


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    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 2 "Resurrection"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
10.06.2013
Medium:
EAN:

DVD
807280168594


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Arthaus Musik

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