> > > Shostakovich, Dmitry: Sinfonie Nr. 7 "Leningrad"
Sonntag, 16. Mai 2021

Shostakovich, Dmitry - Sinfonie Nr. 7 "Leningrad"

Die Einsamkeit der Querflöte


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schostakowitschs Siebte Sinfonie mit dem Titel 'Leningrad' legt Naxos in einer dra-matisch-packenden Interpretation des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Vasily Petrenko vor.

Der Moment der Stille, nach Tod und Zerstörung, ist vielleicht der bedeutsamste. Wenn nach der gigantisch-infernalischen Steigerungsgruppe des ersten Satzes das Motiv der Querflöte wieder auftritt, wirkt es einsam und verlassen, so wie ein Nachhall des unwiederbringlich Verlorenen. Die größte Stärke dieser Aufnahme ist es, diese Einsamkeit hörbar zu machen und damit einmal mehr in Frage zu stellen, ob dies wirklich ein patriotisches Werk ist. Der junge Dirigent Vasily Petrenko hält mit seinen relativ zügigen Tempi das gesamte Werk von knapp anderthalb Stunden in einem einzigen großen Spannungsbogen zusammen. Wo ein Leonard Bernstein mehr das Pathos des Werkes betont und die meditativen Phasen auskostet, geht bei Petrenko das Weiterstreben nie verloren. Von zurückhaltend abgedunkelt bis beißend grell entlockt er dem Orchester eine Vielzahl von Klangfarben, die auch durch die glänzende Aufnahmetechnik hervorragend zum Tragen kommen.

Der erste Satz ist der zugleich bekannteste des Werks; er spiegelt deutlich die Eindrücke aus der Belagerung Leningrads 1941 wider. Im vom Komponisten wieder zurückgezogenen Programm bildete dieser die Darstellung des Krieges, während die Sätze zwei bis vier mit ‚Erinnerungen‘, ‚Heimatliche Weiten‘ und ‚Sieg‘ überschrieben waren. Bei Petrenko wird die Dramatik und Intensität des Dargestellten auch ohne diese Überschriften deutlich. Zentrales Merkmal einer guten Aufnahme dieses Werks ist die Ausschöpfung der Dramatik in der Steigerungsgruppe, die nach dem pathetischen ersten und lyrischen zweiten Thema beginnt. Als Aufbruch der Ordnung und des Sonatensatzes erscheint diese kaum merklich im Kontrabass, bevor sie von den Flöten aufgegriffen wird. Der Spannungsbogen reißt jedoch nach Erreichen des maximalen Forte nicht ab, sondern wird in die bereits angesprochene Stille nach dem Sturm zurückgeführt. Von dieser Stelle hängt ab, ob man das Werk als patriotische Feier des Sieges des stalinistischen Russlands über Nazideutschland ansieht oder als Antikriegsmusik, die den Schrecken darstellt und vor einer Wiederholung der Ereignisse warnt. Petrenko entscheidet sich erkennbar für letzteren Ansatz: Die Hoffnung auf den Neuanfang klingt zwar am Ende des Satzes an, ist jedoch durchzogen von Bitterkeit.

Der an das klassische Scherzo angelehnte zweite Satz ist zwischen den leisen und grellen bis schrillen Episoden angenehm ausdifferenziert. Der Walzerrhythmus wird zur Grundlage einer mechanischen Todesmusik, die von Petrenko mit mathematischer Präzision ausgestaltet wird. Nach den Querflöten im ersten Satz sind hier besonders die Klarinetten hervorzuheben. Die Melancholie des Schlusses erinnert in der vorliegenden Gestaltung fast ein wenig an den bekannten Walzer Nr. 2 aus der zweiten Jazz-Suite. Die langen und expressiven Bögen der Holzbläser und Streicher im dritten Satz greifen diese Melancholie auf, wandeln sie jedoch in Schmerz und Bitterkeit. Hier nimmt sich Petrenko Zeit, diese in ihrer vollen Wirkung auszubreiten. Das Intermezzo wird somit zum einzigen Ruhepunkt der Sinfonie, eine mit Blick auf das Programm nachvollziehbare Deutung. Wiederum erscheint die Flöte als Hoffnungsträger und Symbol der verlorengegangenen pastoralen Naturidylle. Man denkt an Mahler, wenn Schostakowitsch die Naturvision mit martialisch-militärischen Klängen bricht, die von Petrenko mit Stringenz und Akkuratesse gestaltet werden. Die Rückkehr des choralartigen Themas zu Beginn führt schließlich attacca in das Finale über.

Hier steigert Petrenko den Ausdruck wiederum mit einer Intensität, die an den ersten Satz erinnert. Wenn dies ein ‚Sieg‘ ist, dann mit doppeltem Boden und zweischneidiger Klinge. Scharf schneidet das Blech im martialischen Forte, gefolgt von einer rhythmischen ostinato-Figur in den Streichern zu geräuschhaften Col-legno-Akkorden. In der folgenden Episode der Ruhe, die ebenfalls nicht zur Idee des patriotischen Finales passen will, scheint bei Petrenko die Zeit stillzustehen. Ein Rückbesinnen auf das Vergangene, das sich nur langsam und schwerfällig, fast widerwillig zum Freudentaumel der Apotheose steigert. Die Ambiguität dieses Endes bildet die zweite große Schwierigkeit des Werkes. Mit stetiger Zurückhaltung, die sich trotz des schwelgenden Orchesterklangs von jeder Art Pathos distanziert, liefert Petrenko auch hier einen gelungen Ansatz. Dies ist ein Schluss, der in seiner schmerzvollen Konsequenz den Ausdruck der gesamten Sinfonie auf den Punkt bringt.

Die Aufmachung der Produktion ist Naxos-typisch spartanisch, aber gelungen. Das Booklet liefert neben der Orchester- und Dirigentenbiographie auch eine dreiseitige Einführung in das Werk, die innerhalb ihrer Möglichkeiten als musikwissenschaftlich fundiert bezeichnet werden kann. Angenehm zudem, dass das Werk durch Petrenkos stringentes Dirigat mit einem Tonträger auskommt. Dies ist zwar nur ein technisches Detail, macht aber das Nacherleben des werkübergreifenden Spannungsbogens intensiver. Die Aufnahmetechnik ist durchweg hervorragend, von grummelnden Bässen bis schrillen Klarinetten ist alles in der kompletten dynamischen Bandbreite eingefangen. In der Reihe der Schostakowitsch-Symphonien bei Naxos bildet diese Aufnahme damit einen gelungen Höhepunkt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Sebastian Posse Kritik von Sebastian Posse,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Shostakovich, Dmitry: Sinfonie Nr. 7 "Leningrad"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Naxos
1
29.04.2013
79:15
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
747313305773
8.573057


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Musik & Theater: "Das Beste, was man vielleicht über diese Neuaufnahme der 'Leningrader' sagen kann, ist: Selten hat man das Werk menschlicher, humaner und empathischer interpretiert gehört."


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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