> > > Glass, Philip: Musik für Harfe
Donnerstag, 2. Juli 2020

Glass, Philip - Musik für Harfe

Psychedelisch


Label/Verlag: Channel Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Momente schwerelosen Dahingleitens auf einem schmiegsamen Musikstrom: Lavinia Meijer begeistert mit einer Glass-Platte.

In den bislang veröffentlichten drei reizvollen Produktionen der Harfenistin Lavinia Meijer für Channel Classics präsentiert sie anregend zusammengestellte Programme mit Werken unterschiedlicher Komponisten. Eine wesentliche Konstante ist dabei die Suche nach Originalrepertoire, das einen interessanten Kontrast zu den weithin üblichen gefälligen Arrangements anderer HarfenistInnen bildet. Und natürlich ist Lavinia Meijers virtuose Technik sowie ihre auf natürliche Weise bezwingende Musikalität ein weiterer roter Faden der ihrer Einspielungen, die einige der Goldstücke im Katalog des niederländischen Labels bilden.

Ihre jüngste, ebenfalls als hybride SACD produzierte Platte, widmet sich hingegen dem Werk eines einzigen Komponisten, noch dazu einem, der bislang nicht als Komponist von Werken für Harfe hervorgetreten ist: Philip Glass. Als Folge einer persönlichen Begegnung der koreanisch-holländischen Harfenistin mit Philip Glass im Jahr 2011 entwickelte sich eine engere Zusammenarbeit. Glass zeigte sich von den Adaptionen für Harfe begeistert und autorisierte den meist von Werken für Klavier ausgehenden instrumentalen Transfer.

Im Mittelpunkt vorliegender Einspielung stehen das fünfsätzige Klavierwerk 'Metamorphosis' aus dem Jahr 1988 sowie Auszüge aus Glass‘ Musik zu Stephen Daldrys Film ‚The Hours‘. Aus der Filmmusik (2002) hat Lavinia Meijer sechs Sätze ausgewählt, deren Harfen-Adaption wiederum auf das elfsätzige Arrangement der Filmmusik für Klavier solo von Michael Riesman und Nico Mühly zurückgeht. Die im Vergleich zu den 'Metamorphosis'-Stücken etwas kürzeren Sätze von 'The Hours' sind kontrastreicher, doch gibt es auch musikalische Querverbindungen, die beide Stücke miteinander in Beziehung setzen. Das erste Stück der Platte, sinnigerweise 'Opening Piece' aus 'Glassworks' (1982), leitet bestens zu 'Metamorphosis' hin – eine runde, gelungene Programmzusammenstellung.

Die repetitiven Strukturen der Musik von Philip Glass haben psychedelische Qualität, und das wird durch die Klanglichkeit der Harfe noch unterstützt. Im Gegensatz zum Klavier ist der Anschlag weniger perkussiv und lässt aufgrund der Resonanzeigenschaften die Musik noch fluider erscheinen: Die immerwährend wiederholten Motive schmeicheln dem Ohr, nisten sich ein. Gleichzeitig ist durch die (für Channel übliche) audiophile Klangtechnik gewährleistet, dass nicht nur der resonante Klang der Saiten, sondern auch die winzige Klanghärte des Anschlags wiedergegeben wird; das macht die Klangwelt reichhaltiger, zumal lange nachklingende tiefe Saiten in die Nähe elektronisch erzeugter Klänge geraten oder sich durch Frequenzüberlagerungen in 'The Hours' zuweilen der Eindruck sehr tiefer Vokalisen ergibt. Trotz der Wiederholungsfiguren über unablässigen Arpeggien in 'Metamorphosis' wird durch Registerdifferenzierung und Einfärbung der simplen Melodien Abwechslung geschaffen. Vor allem gelingt es Glass, den Eindruck zu erwecken, man sei bei 'Metamorphosis Five', das auf das erste Stück zurückgeht, wieder an den Anfang zurückgekehrt. Die blockartige Anlage steht einem fließenden Übergang eigentlich diametral gegenüber, und doch bewegt man sich innerhalb der fünf Sätze von einem Ausgangspunkt weg und wieder dorthin: Kunst des Übergangs ohne Übergang.

Lavinia Meijer ist eine berufene Interpretin dieser Musik: Sie lullt nicht ein, aber gewinnt den Werken meditative Qualitäten ab. Die Musik wirkt nicht wie die akustische Untermalung einer Traumreise, denn die Harfenistin nimmt Glass‘ minimalistische Reduktion ernst und deutet sie mit großer Sensibilität. So werden von Lavinia Meijer feinnervig Stimmungsbilder gezeichnet, die manchmal von einem musikalischen Block zum anderen nur minimal eingedunkelt werden. Auch durch dynamische Feinabstufungen, die von der Klangtechnik detailgetreu abgebildet werden, gelingen der Interpretin Wirkungen veränderter Lichteinfälle. So simpel und eingängig diese Musik daherkommt, so sehr fordert sie einen sympathetischen Zugang. Man merkt – nicht nur im Vergleich mit anderen InterpretInnen –, dass Lavinia Meijer diese Musik nicht als banal abtut, sondern ihr mit Lust am Musizieren entgegentritt. Ihren Zuhörern beschert sie damit ganz ohne bewusstseinserweiternde Mittel Momente des schwerelosen Dahingleitens auf einem schmiegsamen Musikstrom.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Glass, Philip: Musik für Harfe

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Channel Classics
1
15.10.2012
Medium:
EAN:

SACD
723385339120


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Channel Classics

Channel Classics Records is a quality record label based in Holland. Director, producer and recording engineer is C. Jared Sacks. Having grown up in Boston Massachusetts, schooled at Oberlin Conservatory and the Amsterdam Conservatory of music with 15 years experience playing French Horn, Jared decided to make his hobby of recording a profession in 1987. The label started in 1990 with the name Channel Classics coming from the street he lived on in Amsterdam. (Kanaalstraat).
Jared and his Dutch wife Lydi Groenewegen together with a group of assistants work closely with distributors in 37 countries to promote the artists through the CD?s.


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