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Donnerstag, 2. Juli 2020

Werke von Händel und Croft - Te Deum

Macht und Musik


Label/Verlag: Channel Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die CD könnte ein spannendes Schaubild europäischer Kriegs- und Diplomatiekultur sein, würde sie neben der mitreißenden Musik auch die politischen Hintergründe entsprechend portraitieren.

Der Friede von Utrecht war ein diplomatisches Meisterwerk der führenden Nationen Europas. Er beendete weitestgehend die Spanischen Erbfolgekriege und klärte die territorialen Streitigkeiten zwischen den Supermächten Österreich und Frankreich in einer für alle gesichtswahrenden Weise. Die niederländische Stadt nimmt deshalb den dreihundertsten Jahrestag der Unterzeichnung der Verträge zum Anlass, den Utrechter Frieden intensiv zu feiern. Dazu gehört auch eine aktuelle Neueinspielung der offiziellen englischen Jubelmusiken zum Frieden von Händel und William Croft durch den versierten niederländischen Dirigenten Jos van Veldhoven und die Niederländischen Bachvereinigung.

Für manche dürfte es ein Rätsel sein, weshalb gerade die Engländer den Frieden von Utrecht so prunkvoll feierten, zählten sie doch weder zu den Verbündeten der Bourbonen noch zu denen des Hauses Habsburg. Doch England hatte den kontinentaleuropäischen Zwist genutzt, um den eigenen Einfluss auf den Weltmeeren und in der Neuen Welt weiter auszubauen, ganz nach dem Motto: Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte. Der Friede grenzte die Machtansprüche der Habsburger und der Bourbonen ein; beide Herrscherhäuser mussten sich mit Gebietsverlusten arrangieren. Ferner war nun gewährleistet, dass sich die beiden Länder immer misstrauisch gegenseitig kontrollierten und ihre militärischen und politischen Kräfte auf diese Art gebunden waren. England war der lachende Dritte, der sich über Militärstützpunkte im Mittelmeerraum sowie über exklusive Welthandelsrechte und große Gebietsgewinne in Kanada freuen konnte. Entsprechend prachtvoll wollte die damals politisch und gesundheitlich angeschlagene Queen Anne den diplomatischen Sieg gefeiert sehen, der von innenpolitischen Streitigkeiten und der Diskussion über mögliche Thronnachfolger ablenkte.

Das 'Te Deum' war der erste Auftrag des englischen Königshauses, der bei Georg Friedrich Händel eintraf. Dieser befand sich seit 1710 auf der Insel und feierte mit seinen Opern Erfolge im Queen‘s Theatre am Haymarket. Ferner hatte er im Earl of Burlington einen einflussreichen Mäzen gefunden, der ihn finanziell und künstlerisch unterstützte. Der Auftrag von Queen Anne kam also zu einem perfekten Zeitpunkt, da dieser seine Stellung als Komponist weiter festigte. Händel verschmolz für sein Werk die Texte des ambrosianischen Te Deum mit den Worten des Psalms 100, wofür er Henry Purcells 'Te Deum' von 1694 zum Vorbild nahm. Die Besetzung ist entsprechend des Anlasses von staatstragender Prächtigkeit mit großem Orchester, zwei Trompeten sowie einem fünf- bis acht-stimmig besetzten Chor. Statt in Soloarien kommen die Gesangssolisten im Wechselspiel mit dem Chor zum Einsatz. Am 13.Juli 1713 fand das Werk seine feierliche Uraufführung in der majestätischen St Paul‘s Cathedral, was die Wirkung der Komposition noch gesteigert haben dürfte. Queen Anne war auf jeden Fall so begeistert von dem neuen Werk, dass sie Händel eine lebenslange Pension von 200 Pfund im Jahr gewährte.

Zum selben feierlichen Anlass entstand auch William Crofts 'Ode for the Peace of Utrecht', die er wohl ursprünglich für seine Verleihung der Doktorwürde an der Universität Oxford geschrieben hatte. Es ist so gut wie nichts über die Entstehungsgeschichte dieses Werks bekannt, was sehr bedauerlich ist. Immerhin wurde es fast 30 Jahre lang zusammen mit Händels 'Te Deum' und Jubilate zu Feierlichkeiten aufgeführt, doch danach versank Corfts Komposition in Vergessenheit. Entsprechend spannend ist nun die Ersteinspielung des Stücks durch van Veldhoven und seine Musiker, präsentiert es doch ein Werk, das von den damaligen Zeitgenossen in Kombination mit Händels Musik wahrgenommen wurde. Für sie bestand also offensichtlich kein krasser Qualitätsunterschied zwischen den beiden Komponisten, wie es spätere Musikwissenschaftler zu konstruieren versuchten.

Die Neueinspielung der Werke Händels und Crofts durch die Niederländische Bachvereinigung greift in ihrer Interpretation den staatstragenden Prunk der Werke auf, während van Veldhoven penibel dafür sorgt, dass die Musik immer klar und durchhörbar bleibt. Er findet einen schlüssigen Weg zwischen siegestaumelnder Kraftmeierei und religiöser Dankeshaltung, mit der die Engländer sich selbst feierten. Die hervorragenden Gesangssolisten sind technisch durchweg brillant. Sie glänzen mit virtuoser Eleganz und kultivierter Stimmführung. Besonders herausragend ist die Leistung des Chores, der sich in Höchstform präsentiert. Musikalisch wohlausgewogene Stimmgruppen, eine große innere Geschlossenheit sowie klangliche Vielfalt zeichnen seine Interpretation aus.

Die CD könnte ein spannendes Schaubild europäischer Kriegs- und Diplomatiekultur sein, würde sie neben der mitreißenden Musik auch die politischen Hintergründe entsprechend portraitieren. Leider finden sich um Booklet nur sehr dürftige Angaben zu den Kompositionen, dazu alles ausschließlich in Niederländisch. Die Rezensentin sieht dies als vertane Chance, ein gesamteuropäisches Großereignis in all seinen Facetten zu präsentieren, das nicht nur Auswirkungen auf die politische Großwetterlage des 18. Jahrhunderts, das tägliche Leben der nun befreiten bzw. neu besetzten Menschen und die sich wandelnde Musiksprache der Zeit hatte. Die Musik ist ferner nur in ihrem Kontext als politische Repräsentantin bestimmter Machtstrukturen vollständig zu verstehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Werke von Händel und Croft: Te Deum

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Channel Classics
1
15.05.2013
Medium:
EAN:

CD
723385631323


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Channel Classics

Channel Classics Records is a quality record label based in Holland. Director, producer and recording engineer is C. Jared Sacks. Having grown up in Boston Massachusetts, schooled at Oberlin Conservatory and the Amsterdam Conservatory of music with 15 years experience playing French Horn, Jared decided to make his hobby of recording a profession in 1987. The label started in 1990 with the name Channel Classics coming from the street he lived on in Amsterdam. (Kanaalstraat).
Jared and his Dutch wife Lydi Groenewegen together with a group of assistants work closely with distributors in 37 countries to promote the artists through the CD?s.


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