> > > Janacek, Leos: Sinfonietta
Sonntag, 27. September 2020

Janacek, Leos - Sinfonietta

Heimspiel für Netopil


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tomas Netopil brilliert mit Janaceks meisterhafter Sinfonietta und drei weiteren Orchesterwerken bei einem "Heimspiel" mit dem Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks.

Leos Janaceks später Karriereschub wirkt noch heute verblüffend. Fast fünf Jahrzehnte lang war er über seine mährische Heimat hinaus kaum bekannt, wirkte vor allem als Pädagoge. Dann gelang ihm 1914 mit der Oper 'Jenufa' der Durchbruch. Janacek, immerhin schon 50 Jahre alt, stürzte sich nun mit dem Elan eines jungen Wilden auf die Arbeit und schleuderte die Meisterwerke geradezu aus sich heraus. In rascher Folge entstanden weitere Opern (unter anderem 'Katja Kabanova' und 'Die Sache Makropulos'), Kammermusik, Klavierstücke und einige Orchesterwerke, darunter auch die berühmte Sinfonietta. Uraufgeführt im Juni 1926 unter Vaclav Talich, ist die Komposition seither das ‚Pflichtstück‘ jedes tschechischen Dirigenten. Tomas Netopil, ab der kommenden Spielzeit Generalmusikdirektor der Essener Philharmoniker, koppelt die Sinfonietta hier mit drei weiteren Stücken aus Janaceks später produktiver Phase: Den Tondichtungen 'Blanik' und 'Des Spielmanns Kind' sowie der Rhapsodie 'Taras Bulba'. Netopil dirigiert das Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks.

Prächtige Blechbläser-Fanfaren prägen die Sinfonietta vor allem in den Ecksätzen, so dass ein entsprechend hochklassiges Orchester hier wirkungsvoll strahlen kann. Die Prager Musiker bleiben dem Werk diesbezüglich nichts schuldig: In allen fünf Sätzen agieren sie hingebungsvoll und präzise. Netopil weiß um die beachtlichen klanglichen und dynamischen Steigerungen der Sinfonietta und kostet sie voll aus. Besonders gut gelingt es ihm, die manchmal fast manisch wirkenden Wiederholungen, die Janacek bisweilen als handwerkliches Defizit ausgelegt wurden, ins Geschehen zu integrieren. Auch die stellenweise spröde, herbe Instrumentation, die sich an kein Lehrbuch hält, darf hier als das erscheinen was sie ist: individuelles Profil eines Tondichters, der gerade durch seine unakademische Schreibweise Wirkung erzielen konnte. Janacek war gewiss kein Meister des kleinen Übergangs, die Kontraste sind oft enorm. Aber gerade das macht die Strahlkraft der Sinfonietta aus, die hier eine erstklassige Interpretation erfährt. Nur beim Klangbild wäre noch ein wenig Luft nach oben gewesen, die Blechbläser dominieren sehr stark (was natürlich auch am Werk selbst liegt) und drängen die anderen Gruppen etwas in den Hintergrund.

Die anderen drei Werke bleiben substanziell etwas hinter der genialen Sinfonietta zurück, auch wenn Netopil und die Musiker ihr Bestes geben. 'Des Spielmanns Kind' ist mit den Streichersoli viel kammermusikalischer geprägt, auch wirkt das Werk düsterer und nachdenklicher. Dieser Stimmungsumschwung gelingt dem Prager Orchester nicht ganz reibungslos, es gibt nun (wenn auch minimale) Balanceprobleme. Die zwischen die Solostreicher geradezu einbrechenden Orchestertutti wirken eine Spur zu heftig. 'Blanik' als kürzestes der vier auf dieser CD vertretenen Werke zeigt Janacek von seiner lyrischen Seite, wohingegen bei 'Taras Bulba' wieder Blechbläser und Pauken triumphieren dürfen. Netopil gelingt es in allen drei Sätzen dieser Orchester-Rhapsodie, das Prager Orchester zu klangmächtiger Entfaltung zu animieren. Beim Klang machen sich hingegen erneut kleinere Defizite bemerkbar. Im akustisch eigentlich exzellenten Prager Rudolfinum erklingt die Aufnahme nicht so gut ausbalanciert wie man es sonst von Supraphon kennt.

Netopil gibt also mit dieser Einspielung eine exzellente Visitenkarte ab, auch wenn alle hier zu hörenden Werke natürlich in anderen Aufnahmen greifbar sind. Insbesondere bei der Sinfonietta hat man die Qual der Wahl, Charles Mackerras hat hier mit den Wiener Philharmonikern Maßstäbe gesetzt, an die Netopil nicht ganz herankommt. Wer aber diese vier Orchesterwerke Janaceks noch nicht kennt, dem sei diese CD wärmstens ans Herz gelegt. Die späten Geniestreiche des Tondichters können hier wunderbar nachvollzogen werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Janacek, Leos: Sinfonietta

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
15.05.2013
Medium:
EAN:

CD
099925413125


Cover vergössern

Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Supraphon:

  • Zur Kritik... Ausflug ins tschechische Viola-Repertoire: Jitka Hosprová engagiert sich leidenschaftlich für drei tschechische Violakonzerte, die allerdings in ihrer Substanz nur teilweise gelungen sind. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Musikstadt Prag: Supraphon bringt eine Zusammenstellung aus verschiedensten Orchesterstücken mit Bezug zu Prag heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Ein Tscheche in Amerika: Jirí Belohlávek bringt mit der Tschechischen Philharmonie Bohuslav Martinus Opernpastorale 'What men live by' und die erste Symphonie zum Leuchten. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle Kritiken von Supraphon...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Loos:

  • Zur Kritik... Zunehmende Kompaktheit: Diese zweite cpo-Veröffentlichung mit Musik des Holländers Leopold van der Pals zeigt vor allem anhand dreier konzertanter Werke die erstaunliche Entwicklung seiner Tonsprache. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Vielfältig schillernde Orchestersprache: Paavo Järvi und das Tonhalle-Orchester Zürich engagieren sich auf höchstem Niveau für die vielfältig schillernden Orchesterwerke Olivier Messiaens. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Zu wenig Abwechslung: Die hier zu hörenden fünf Violinkonzerte von Myroslaw Skoryk werden zwar solide musiziert, ähneln sich aber zu sehr, als dass man sie empfehlen könnte. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Loos...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Von fremden Interpretationsansätzen und Werken: Faszinierende historische Aufnahmen von Werken von Aram Khachaturian. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Eintauchen in Maximilians Welt: Das Ensemble Hofkapelle betritt die musikalische Welt von Kaiser Maximilian I. sehr variantenreich, lässt aber so manche intonatorische Feinheit vermissen. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Baltische Reise: Eine weitere Folge der Reise rund um die Ostsee an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert: Dem Ensemble Peregrina dabei zu folgen, macht große Freude. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Jupiter

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2020) herunterladen (3402 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich