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Samstag, 22. Januar 2022

Verdi, Giuseppe - Attila

Augen zu, Ohren auf!


Label/Verlag: Mariinsky
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Verdi in Russland. Mit dem selten gespielten Frühwerk beweist das St. Petersburger Marinskij-Theater eindrucksvoll seine musikalische Klasse.

Wenn diese Aufnahme eine reine CD-Produktion wäre, könnte man mit gutem Gewissen von einer Referenzaufnahme sprechen. Souverän zieht Valeri Gergiev die musikalischen Fäden, dirigiert dramatisch, aber nie knallig, lässt den hervorragenden Chor singen und nicht schmettern, nimmt das mit Verdi spürbar vertraute Orchester oft ins Lyrische zurück, ohne dramatische Ausbrüche zu vernachlässigen. Gerade im Chorklang ist so zu hören, dass den hohen Stimmen hier mehr Gewicht gegeben ist als in den späten Werken. Gergiev geht sehr bewusst und souverän mit der heterogenen Struktur des Frühwerks um. Es gelingt ihm, den an sich intimen, auf die vier Hauptpersonen beschränkten Schlussakt musikalisch aus dem gewaltigen Tableau des zweiten Aktes stimmig zu entwickeln und sogar als dramatische Steigerung zu ‚verkaufen‘.

Dabei hilft ihm vor allem Anna Markarova, die Odabella ganz als hassbesessene Heroine gibt. Die leisen, sanften Töne beherrscht sie zwar (Romanze im ersten Akt), gießt sie aber fast wie nebenbei aus. Im Prolog und in den Ensembles der Schlussakte dominiert ganz ihr dramatischer Furor. Die dunkle, angenehme, leicht slawisch-guttural gefärbte Stimme verfügt über ein gewaltiges Volumen und ist erstaunlich höhen- und koloraturensicher. Markarovas Rollenporträt ist ganz auf dramatischen Ausdruck ausgerichtet, ohne – das verdient besondere Erwähnung – die musikalischen Feinheiten zu vernachlässigen. Ihr Gegenspieler in der Titelrolle ist Ildar Abrazakov. Es ist schlichtweg nicht vorstellbar, dass irgendjemand diese Rolle heute besser singen kann. Abdrazakovs Prachtbass hat anscheinend überhaupt keine Probleme mit der hohen Tessitura der Partie. Er phrasiert mühelos auf dem Atem, die Tongebung ist ganz organisch, ohne Drücken, Dröhnen oder Verfärbungen ins Dunkle. Man glaubt ihm den Herrscher, die Liebe und den Aberglauben. Dazu schafft es Sergej Skorokhodov aus der blass komponierten Tenorpartie des Foresto zumindest musikalisch kleine Funken zu schlagen und Vladislav Sulmisky gelingt es, allein mit stimmlichen Mitteln, aus dem Ezio eine ganz heutige Figur zu machen – einen eitlen, geltungssüchtigen Politiker, der Seriosität wie eine Maske trägt. Noch einmal gesagt: Musikalisch ist das Modell-Verdi von erlesener Qualität.

Auf der Szene allerdings findet Omas Operntheater statt, durch Statistengehampel ein wenig modernistisch aufgehübscht. Da werden Arme ausgestreckt, gerungen und aufs Herz gelegt. Da wird im Einheitstempo herumgeschritten und sich ordentlich zu Ensembles auf die Markierung gestellt. Da rollen und blitzen die Augen, aber in den Körpern geschieht nichts. Ildar Abdrazakov darf (muss?) seinen beeindruckenden Brustkorb unbekleidet präsentieren und sieht ansonsten aus, als wolle er als Hunne verkleidet zum Fasching gehen, habe sich dafür ein paar Haare angeklebt und sich ansonsten aus Tante Ernas Kleiderkiste bedient. Im Prolog muss Odabella einen Walkürenbrustpanzer tragen, der ihre Gestalt unvorteilhaft ausstellt und unfassbar billig aussieht. Und Vladislav Sulimsky hat man mit Fundusklamotten und unter Zuhilfenahme eines unbegabten Friseurs als linkischen Pseudorömer ausstaffiert. Die routiniert desaströse Inszenierung, die wirklich nichts leistet als den Verkehr auf der Bühne zu regeln, verantwortet Arturo Gama, der langjährige Oberspielleiter des Mecklenburgischen Staatstheaters, wo er durchaus wesentlich besseres zustande gebracht hat als diesen 'Attila' in St. Petersburg. Frank Philipp Schlössmann, der zusammen mit Hanne Loosen auch für die geistlosen Kostüme verantwortlich ist, hat eine Art archaische Kriegshalle gebaut, die stellenweise durch eine Ansammlung leicht geneigter Stelen ergänzt wird. Um in diesem Raum Theater spielen zu können, hätte es einer Konzeption ohne Walle-Walle-Kostüme bedurft.

Der Bildregisseur Matthias Leutzendorff versucht durch viele Halbtotalen und Großaufnahmen zu retten, was zu retten ist, wird aber durch die sehr dunkle Ausleuchtung der Bühne in seiner Arbeit nicht eben unterstützt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Verdi, Giuseppe: Attila

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Mariinsky
1
01.05.2013
Medium:
EAN:

DVD
822231853428


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Mariinsky

Das Mariinsky-Theater gehört zu den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Zu Sowjetzeiten in Kirow Theater unbenannt, trägt es seit 1992 wieder seinen ursprünglichen Namen. Seit 1996 ist Valery Gergiev dem Haus als künstlerischer Leiter und Intendant verbunden. Auf dem hauseigenen Label werden die herausragende künstlerische Leistung dieses traditionsreichen Hauses dokumentiert. Das Repertoire umfasst neben Oper auch das große symphonische und konzertante Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts.


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