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Freitag, 23. August 2019

Vivaldi, Antonio - Konzerte Nr. 1-16

Getunter Vivaldi


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Einige Konzerte mit mehreren Soloinstrumenten von Antonio Vivaldi, bearbeitet vom Dresdner Johann Georg Pisendel, vorzüglich geboten von den von Alexis Kossenko geleiteten Les Ambassadeurs.

Wertschätzung für die Kunst eines verehrten Komponisten drückte sich in der Zeit des Barock nicht unbedingt in andachtsvoller Ehrfurcht vor dem Genie aus – die bearbeitende Aneignung, die kreative Auseinandersetzung durch Übertragung geschätzter Meisterwerke war eine viel geläufigere Praxis. Auf diesem Weg würdigte auch der Dresdner Geiger und Sammler Johann Georg Pisendel die Konzertkunst Antonio Vivaldis. Davon zeugt die aktuelle Platte, die Alexis Kossenko mit seinem Ensemble Les Ambassadeurs produziert hat. Präsentiert wird ein Korpus von fünf Konzerten, die neben der Geige zwei Oboen und zwei Corni da caccia als Soloinstrumente aufweisen.

Pisendels Bearbeitungen berücksichtigen die zu jener Zeit modernen ästhetischen Ideale des vermischten Stils, betonten manches, konturierten neu, passten es dem Geschmack und den Gepflogenheiten im berühmten Dresdner Orchester an. Da wurden Soli umverteilt, wird der Basso continuo durch alle Fagotte des Orchesters mitgespielt, gibt es auch Eingriffe in die Abfolge von Ritornell und Solo, werden harmonische Spezialitäten eingestreut, Verzierungen ausgeschrieben. Bestimmte Eigenheiten fallen auf – vor allem die strukturelle Dominanz der (historisch wohl von Pisendel selbst gespielten) Violine, der etliche anspruchsvolle Kadenzen zugestanden werden, die zugleich frappierende solistische Anforderung an das Hörnerpaar, schließlich die fast schon irritierende klangliche Präsenz des immer wieder mitgehenden ‚Gran Bassone‘, also einer barocken Form des Kontrafagotts.

Interessant sind an diesem Vorgehen und damit auch am Programm der Platte die Bereitschaft und die Entschlossenheit, sich Musik stilistisch anzueignen, anzuverwandeln, auch regionalen Vorlieben zu unterwerfen. Ein im Barock allenthalben anzutreffender Pragmatismus scheint hier durch.

Kongenialer, spezieller Vivaldi-Ton

Alexis Kossenko hat mit dem Ensemble Arte die Suonatori ebenso wie mit dem hier spielenden Orchester Les Ambassadeurs bei Alpha eine ganze Reihe vielbeachteter Platten veröffentlicht. Mit dem aktuellen Vivaldi-Programm unterstreichen die Instrumentalisten diese schon gut dokumentierten Qualitäten eindrucksvoll. Die Besetzung entfaltet ein ansprechendes Volumen, eine geradezu üppige Klangfülle. Gleichzeitig wirken die Register extrem klar konturiert und sehr fokussiert. Der enorm farbig besetzte Basso continuo wird reich entfaltet, seine klangliche Delikatesse wird eindrucksvoll präsentiert. Trotz der insgesamt starken Orchesterbesetzung – 23 Instrumentalisten wirken durchgehend mit, in RV 571 treten noch zwei Traversflöten hinzu – ist das Ensemble sehr agil, beweglich und findet zu einer insgesamt leichten Klangwirkung.

Die Soli krönen diese famose Orchesterleistung: Die Violine von Zefira Valova ist virtuos und klanglich präsent, mit einem sehr konzentrierten Ton, punktet in manch raschem Satz mit souverän gestalteten Kadenzen. Die von Anneke Scott und Joseph Walters gespielten Hörner erweisen sich gleichfalls als stupend virtuos und klanglich charmant, liefern insgesamt bemerkenswert elegante solistische Beiträge. Die Oboen von Anna Starr und Markus Müller warten vor allem mit wunderbaren lyrischen Momenten auf, auch das in den Solopassagen immer wieder mitgehende Fagott erweist sich als behänd und fein in der Tongebung.

Alexis Kossenko entfaltet die Concerti in entschieden gewählten Tempi, die in ihrer Gesamtheit ein mehr als schlüssiges Tableau bilden. Zugleich wird das strukturelle Gefälle zwischen Soli und Tutti geschickt für sehr natürlich wirkende dynamische Gegensätze genutzt. Intonatorisch gibt es nur Positives zu berichten, zeigt sich das Ensemble makellos, wirkt die gemeinsame Tongebung von einer wundervoll dosierten Energie getragen und belebt. Unbedingt erwähnt werden muss die Artikulation – sie ist schlicht herausragend gelungen: Nichts, keine einzige Figur wirkt beiläufig abmusiziert, alles ist dezidiert ausgearbeitet, plastisch gestaltet, in eine federnd Rhythmisierung eingebettet, zu der alle Register gleichermaßen beitragen.

Das Klangbild gibt die Orchesterleistung prall und füllig wieder, ist reich an Details, konzentriert, perfekt gestaffelt und in toller Balance. Die Szenerie ist enorm belebt – ganz offenkundig war das Lutoslawski-Studio in Warschau ein perfekter Aufnahmeort.

Zu hören ist von Alexis Kossenko und seinen hochpotenten Instrumentalisten hochinspiriertes Vivaldi-Spiel einerseits, angereichert um etliche Eigenheiten der bearbeitenden Hand Pisendels andererseits. In der Klangwirkung der schnellen Sätze lässt sich nichts Grobes oder Schroffes hören, dennoch wird üppiges musikalisches Temperament entfaltet, sprühen die musikalischen Funken nur so. Kontrastierend dazu gibt es auch sehr schöne, seelenvoll empfundene langsame Sätze. Ein spezielles Vivaldi-Vergnügen, höchstklassig in jedem Fall.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vivaldi, Antonio: Konzerte Nr. 1-16

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
01.05.2013
Medium:
EAN:

CD
3760014191909


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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