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Mittwoch, 30. November 2022

Alice's Adventures in Wonderland - Fool's Paradise - Talbot, Joby

Tief in den Kaninchenbau


Label/Verlag: signum classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Joby Talbots Musik wird in der Royal Ballet-Produktion von ‚Alice im Wunderland‘ zu einem Erzähler, der die Magie der Vorlage auch ohne Worte lebendig werden lässt.

‚Kuriöser und noch kuriöser!‘, entfährt es Alice, als sie erstmals das Wunderland betritt und nicht glauben kann, welche Ansammlung von lustigen, fantasievollen und liebenswert-chaotischen Figuren sie hier erwartet. Sie sind der Grund dafür, dass sich Lewis Carrolls Werk auch noch nach fast hundertfünfzig Jahren anhaltender Beliebtheit erfreut. Durch das Auftreten der Charaktere in einzelnen, nahezu unzusammenhängenden Szenen scheint sich die Vorlage für eine Ballett-Adaption besonders zu eignen. So war die Wahl von Choreograph Christopher Wheeldon nicht schwer, als es um den Stoff für ein abendfüllendes Ballett der Royal Ballet Company ging. Ein ebenso gutes Händchen bewies er bei der Auswahl des Komponisten, der maßgeblich zum Erfolg der Produktion bei ihrer Premiere im Februar 2011 beigetragen haben dürfte. Durch seine Vorgeschichte mit dem Balletensemble von Covent Garden war der Brite Joby Talbot für diese Aufgabe prädestiniert. Die von ihm selbst benannte Schwierigkeit, die Musik zum Erzähler einer wortlosen Aufführung zu machen, meistert er bravourös – fast scheint sie der eigentliche Protagonist zu sein.

Den größten und im Grund einzigen Kritikpunkt gleich vorweg: Das zwei Jahre nach der Premiere veröffentliche Album enthält nicht die gesamte Musik, sondern leider nur eine Suite in acht Bildern als repräsentativen Querschnitt. Wer die gesamte Musik von Joby Talbot im Kontext der ambitionierten, farbenfrohen und nicht zuletzt humorvollen Inszenierung von Wheeldon erleben will, kommt um die DVD nicht herum. Selbst wer bisher kaum Zugang zum Ballett gefunden hat, macht mit dieser familienfreundlichen und kurzweiligen Produktion nichts falsch. Dennoch ist es begrüßenswert, dass sich die Verantwortlichen überhaupt entschlossen haben, diese Suite gemeinsam mit jener aus der Ballettproduktion ‚Fool’s Paradise‘, ebenfalls von Talbot, bei dem Label Signum zu veröffentlichen. Beide werden vom Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Christopher Austin präsentiert, wobei Talbot in 'Fool’s Paradise' selbst in die Tasten greift. Das ganze Farb- und Klangspektrum des weltbekannten Orchesters kommt jedoch vor allem in der Alice-Suite zum Vorschein, in der neben Streichern und Blech auch das volle Holz inklusive Englischhorn, Oboe d’amore und Kontrafagott sowie Harfe, Klavier, Celeste und fünf Perkussionisten zum Einsatz kommen.

Talbot versteht es, diese instrumentale Klangpracht gezielt einzusetzen, indem er die Leitmotive der einzelnen Charaktere auf charakterlich passenden Instrumenten vorstellt. Die Celesta etwa ist dem Weißen Kaninchen vorbehalten, während der exotisch-majestätische Major Raupe durch die Oboe d’amore repräsentiert wird – letztere sucht man in der Suite leider vergeblich. Hörbar anwesend ist dagegen Alices strenge Mutter: Sie wird in der Eröffnungssequenz im Garten des Christ Church Dekanats von Oxford durch eine Scordatura-Solovioline mit scharfen, beinahe keifenden Linien evoziert. Da diese in Wheeldons Produktion als Alter Ego der Herzkönigin auftritt, finden sich Motiv und Instrument später beim Krocketspiel und dem humorvollen 'Queen of Hearts‘ Tango' wieder. Alices Motiv dagegen erscheint als melodisches Legato in den Streichern, dessen Aktivität und Lebenslust durch die Achtelbegleitung der Holzsektion ausgedrückt wird.

Schon der Prolog wird so zum musikalischen Familiendrama: Die bei Wheeldon jungendliche Alice bandelt mit dem Gärtnerjungen an, wird jedoch von der Mutter scharf zurechtgewiesen. Dieser bekommt sein unvermeidliches Pendant im Herzbuben, für den Alice vor dem Gericht der Herzkönigin schließlich einen Freispruch erwirkt. Das Finale des Ballets und der Suite ist dementsprechend einem 'Pas de deux' im Blumengarten vorbehalten. Nun ist Ballett ohne Romantik schwerlich vorstellbar, doch derart platte Parallelen zwischen der realen Welt von Carroll-Vorbild Alice Liddell und ihrem Wunderland werden vom Autor kaum beabsichtigt worden sein. Dass dieser in Wheeldons Inszenierung zu Beginn selbst am Tisch der Liddells Platz nimmt um sogleich zum Weißen Kaninchen zu werden, das Alice tief in den Kaninchenbau und ins Wunderland führt, könnte man als inszenierte Absegnung der Interpretation durch den Autor verstehen. Andererseits setzt Wheeldon hier auch nur das fort, was unzählige andere Film- und Theaterproduktionen dem Kinderbuch bereits an Interpretationskorsetts aufgeschnürt haben. Gegenüber dem zeitgleich erschienen Film von Tim Burton etwa erscheint sein Ansatz geradezu werkgetreu. (Burtons Haus- und Hofkomponist Danny Elfman sieht übrigens neben Talbot ziemlich alt aus – doch das nur nebenbei.)

Vom Vier-Uhr-Tee der Liddels gelangen wir in der Suite direkt zur verrückten Teegesellschaft, dem Highlight des Albums. Talbot zündet hier über dem durchgehenden Taschenuhr-Ticken der Perkussion ein Feuerwerk von koffeinhaltig-überdrehten Holz- und Blechblasmotiven. Das quäkende, gedehnte Motiv der Schlafmaus bildet kurze Ruhephasen, Hutmacher und Märzhase wissen ihre Müdigkeit jedoch mit Schwarztee zu bekämpfen. Nachdem Alice von dem infernalischen Trio verlassen wurde, sieht sie sich allein und orientierungslos im Wunderlandwald. Talbot gelingt es hier, das Alice-Motiv zwischen Verwirrung, Einsamkeit, Furcht und Neugier pendeln zu lassen. Kurz darauf stolpert sie in ein Krocketspiel zwischen Herzkönigin und Herzogin, ein hochamüsanter Wettstreit des hohen, spitzen Königinnenmotivs mit dem dunklen, drohenden Herzoginnenmotiv aus Holz und Blech. Hier trifft Alice ihren Herzbuben wieder, wird jedoch sogleich von der erbosten Herzkönigin vor Gericht geladen: Der Bube wird angeklagt, die Torten gestohlen zu haben. Das Weiße Kaninchen eilt herbei, um den Saal herzurichten, die nervös aufspielende Perkussion mit Celesta wird jedoch jäh vom triumphalen Einzug der Königin unter quäkenden Fanfaren unterbrochen. Bevor diese den Herzbuben verurteilen kann, erscheint glücklicherweise die Grinsekatze mit hypnotischen Streicher-Glissandi und einer bitonal auf- und absteigenden Linie im Holz. Derart abgelenkt bemerkt die Königin nicht, wie Alice und der Herzbube entkommen. In einem Finale, in dem sich schmissige Walzer mit zuckersüßen, ruhigen Legato-Linien abwechseln, feiern diese ihre Freiheit. Vor dem Abdriften in Kitsch wird Talbots Musik auch hier durch die Instrumentierung bewahrt, die in der Tat meisterhaft zu nennen ist.

Ganz anders, aber in gleicher Weise gelungen erscheint sie in der Ballettsuite zu 'Fool’s Paradise', welche gewissermaßen die B-Seite des Albums füllt. Hier ist der Story-Überbau längst nicht so stark wie in der 'Alice'-Suite, sodass man diese auch als ‚absolute Musik‘ genießen kann. Ein getragenes Thema in Solovioline/-cello und Klavier eröffnet das Werk in schlichter Schönheit. Es bildet den roten Faden der Suite und wird diese auch wieder beschließen. Gleichzeitig macht es die melancholische, nach der farbenfrohen 'Alice'-Musik düster erscheinende Grundstimmung aus. Der Orchesterapparat kommt hier allein mit Streichern und Klavier aus, wobei letzteres häufig zusammen mit der Violine als Soloinstrument auftritt. Im zweiten Satz erhält die Suite durch Streicher-Tremoli deutlich mehr Bewegung, behält jedoch ihre melancholische Grundstimmung. Düster und bedrohlich erscheint der dritte Satz mit spannungsvollen Läufen der Solovioline über Ostinati im Bass, bevor der vierte Satz den Bogen zurück zum ersten schlägt. Die Handschrift Talbots erscheint hier noch ‚englischer‘ als in der 'Alice'-Suite, mit deutlichen Anklängen zu Elgar und Vaughan Williams.

Auch wenn es wünschenswert gewesen wäre, die komplette Ballettmusik zu 'Alice’s Adventures in Wonderland' zu erhalten, hätte man so mit 'Fool’s Paradise' auf ein kleines, aber feines Stück verzichten müssen. Man darf dieses Album also als Kostprobe des Könnens von Joby Talbot verstehen, das Lust auf mehr machen soll. Durch die Aufmachung und das exzellente Booklet mit Einführungstext, Erläuterungen zu jedem Titel der Alice-Suite und Biographien von Talbot und Dirigent Austin hat man dennoch das Gefühl, ein vollwertiges Album und nicht nur einen ‚Appetizer‘ in den Händen zu halten. In England wird Talbot seit längerem hochgeschätzt – vielleicht findet er durch seine exzellente Ballettmusik zu 'Alice im Wunderland' auch hierzulande mehr Anhänger.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Sebastian Posse Kritik von Sebastian Posse,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Alice's Adventures in Wonderland - Fool's Paradise: Talbot, Joby

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
signum classics
1
01.04.2013
Medium:
EAN:

CD
635212032725


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signum classics

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