> > > Saygun, Ahmed Adnan : Oratorium "Yunus Emre"
Dienstag, 12. November 2019

Saygun, Ahmed Adnan - Oratorium "Yunus Emre"

Klingende Brücke zwischen Islam und Christentum


Label/Verlag: Dreyer - Gaido
Detailinformationen zum besprochenen Titel


'Yunus Emre' von Ahmed Saygun ist ein Werk, das über die Mauern zweier Weltreligionen hinüberschaut und eine faszinierende Klangwelt für ein türkisches Oratorium entdeckt.

Ahmet Adnan Saygun zählt zu den bedeutendsten Komponisten der türkischen Kunstmusik, und nicht zu Unrecht hat man ihn seitens des türkischen Staates zu einem der ‚Großen türkischen Fünf‘ ernannt. Angesichts der recht karg ausfallenden Ausbeute an Einspielungen seiner Werke ist jede Veröffentlichung willkommen, die sich dem musikalischen Schaffen dieses Ausnahmekomponisten widmet.

In seinem Oratorium 'Yunus Emre', benannt nach dem namensgleichen türkischen Dichter und Mystiker, vertont Saygun13 Gedichte des Volksdichters in einer Art und Weise, die einerseits im musikalischen Kontext transtheologische Tendenzen offenlegt, andererseits auf eine autobiographische Verwirklichung des Komponisten hindeutet. Zu hören ist eine Interpretation des Symphonieorchesters Osnabrück und des OsnabrückerJugendchors mit den Solisten Birgül Su Ariç, Aylin Ateş, AydınUstuk, Tevfik Rodos und dem renommierten Dirigenten Naci Özgüc.

Bereits als Kind lernte Saygun die Gedichte von Yunus Emre kennen, als diese zu Zeiten der Balkankriege im Vorfeld des Ersten Weltkrieges von osmanischen Soldaten vorgetragen wurden, aber auch er selbst zur selben Zeit einige religiöse Gedichte (‚Ilahi‘) von Yunus Emre im Rahmen traditioneller Veranstaltungen auswendig lernte. Über diese Bekanntschaft aus der Kindheit hinaus, identifizierte sich Saygunspäter hinsichtlich seiner allgemeinen Lebensumstände, die primär von der politisch-gesellschaftlichen Situation seiner Zeit bestimmt wurden, mit dem Dichter selbst. Die überwiegend aus der biographischen Parallele resultierende, im zeitlichen Verlaufzunehmende Verbundenheit zu Yunus Emre,halltin der Sorgfalt und Aufmerksamkeit, die Sayguns Auseinandersetzung mit den 13 Gedichten kennzeichnen, regelrecht nach.

Das Oratorium ist dreiteilig, mit einem Intermezzo in Form eines Rezitativs zwischen den beiden letzteren Teilen. Das erste Gedicht ('Grave') wird durch einen tiefen, recht zurückhaltenden Tritonus der Streicher eröffnet, wie Saygun überhaupt für das ganze Werk konstant dunkle Farbenverwendet. Das Orchester imitiert sehr häufig die kantablen Passagen des Chores und fungiert als Echo, ein Effekt, den Saygun nicht nur in diesem Gedicht verwendet. In der Aufnahme wurde dieser Effekt von dem Dirigenten Naci Özgüz präzise ausgestaltet und mit Feingefühl behandelt. Darüber hinaus ergänzen sich Orchester und Chor unter der Leitung von Özgüc so vortrefflich, dass sie im Zusammenklang eine feste Instanz bilden. Dennoch weiß Özgüc die Gewichte unterschiedlich und schlüssig zu verteilen. So entfalten beispielsweise zu Beginn des ersten Gedichts Orchester und Chor gemeinsam eine sehr weitgesponnene Phrase, wie sie etwa dem langen menschlichen Einatmen gleichkommt. In dieser entwickelt sich das breite Crescendo in seiner Kontinuität beinahe mechanisch, so fein und präzise geht der Dirigent mit der Dynamik um. Dagegen spalten sich nach dieser Phrase die Streicher repetitiv, ja pulsgebend vom Übrigen ab, treten mal mehr, mal weniger zum Vorschein, je nachdem, wie Özgüc die Balance gestaltet. Konsequenterweise nimmt seine Interpretation nicht nur hier eine wellenförmige Form an – Wellen unregelmäßigen Charakters wohlgemerkt, die zwischen eingeschobenen Zäsuren phasenweise aufgetürmt werden.

Bemerkenswert ist auch, wie überhaupt Ton und Text von Saygun zusammengebracht werden. So signalisieren beispielsweise die Bläser im subito forte das ‚gördüm‘ (gesehen), ein großer, crescendierender, gar verwirbelnder Spannungsbogen vertont das ‚karişmişkaratoprağa‘ (vermischt mit der dunklen Erde), und eine positive, enthusiastische Wendung tritt ein, abgestimmt auf ‚güldürenellerigördüm‘ (ich habe die belustigenden Hände gesehen). Grundsätzlich entdeckt Özgüc eine Vielzahl von musikalisch-lyrischen Verknüpfungen, identifiziert ihre Programmatik und akzentuiert sie dementsprechend in einer hervorragenden Präzision.

Weitaus impulsiver und rhythmisch dynamischer wirkt das zweite Gedicht ('Recitative'). Besonders hier wird deutlich, wie Saygun sich der unterschiedlichen Stilelemente der türkischen Volksmusik, darunter die komplexe, sich oft verändernde Rhythmik bzw. Polyrhythmik, eine aus den türkischen Makam (Modi) hervorgehende Melodik und dem Einsatz von akzentuierendem Schlagwerk, bedient. Mit welcher Originalität und Genialität diese markanten, volkstümlichen Mittel in eine Gattung nach westlichem Vorbild eingebettet wurden, wird an diesem Oratorium beispielhaft deutlich. Konsequenterweise sind die Grenzen zwischen türkischer Volksmusik, islamischer Lyrik und klassischem Oratorium verwischt, trotz der konstant erklingenden und zum Teil dominierenden Einflüsse der Mevlana- bzw. Sufimusik, was wiederum ein Charakteristikum der musikalischen Sprache Sayguns ist. An dieser Stelle sei auf den Bass Tevfik Rodos verwiesen, der nicht nur mit seiner außergewöhnlichen Stimmkraft überzeugt, sondern auch hinsichtlich seiner facettenreichen Artikulationspalette beeindruckt, vor allem dann, wenn er im Rezitativ des Öfteren einen poetischen und gleichzeitig volkstümlichen bzw. natürlichen Ausdruck hervorbringt.

Auch die übrigen Gedichte werden cum grano salis mit derartiger Hingebung und Leidenschaft vertont und interpretiert, dass sie trotz ihrer gemeinsamen düsteren und mystischen Stimmung durch überraschende Effekte und originelle Ideen mit der Erwartungshaltung des Zuhörers spielen. Stilelemente der zeitgenössischen Musik werden dadurch rein aus der Hörerfahrung regelrecht als musikalische Anomalien gefasst, beispielsweise der plötzliche Eintritt der Bassstimme in eine mystische, verzauberte Atmosphäre im vierten Gedicht ('Aria') oder aber auch die unerwartete Verwendung von Glockenspiel und Zil im neunten Gedicht ('Recitative').

Insgesamt handelt es sich hier um ein beeindruckendes Werk, das in seiner Einzigartigkeit verschiedene musikalische, historische und theologische Aspekte zum Ausdruck bringt und dementsprechend mit Sorgfalt und Feingefühl behandelt werden möchte. Diesen Anspruch stellt auch Naci Özgüc auf, und das Resultat seines Bestrebens ist eine fantastische Interpretation, die sich nicht nur bemüht, einen musikalischen Konflikt zwischen Islam und Christentum zu lösen, sondern auch die Grenzen zwischen den verschiedenen Kulturen sprengt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Saygun, Ahmed Adnan : Oratorium "Yunus Emre"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Dreyer - Gaido
1
01.09.2012
Medium:
EAN:

CD
4260014870747


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Dreyer - Gaido

Das in Münster ansässige, 2001 von Michael Dreyer und Hugo Germán Gaido gegründete Label DREYER-GAIDO hat sich in den letzten Jahren durch seine exquisiten Produktionen einen ausgezeichneten Ruf in der Klassik- und Weltmusik-Szene erarbeitet. Michael Dreyer ist Initiator und künstlerischer Leiter des Morgenland Festivals Osnabrück. Für seine interkulturelle Arbeit erhielt er 2009 den Praetorius-Musikpreis des Landes Niedersachsen.


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