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Dienstag, 12. November 2019

Intolleranza 1960 - Nono, Luigi

Die Kraft des Stadttheaters


Label/Verlag: Dreyer - Gaido
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bemerkenswert leidenschaftlicher und erfolgreicher Einsatz des Bremer Theaters für einen großen Schwierigen.

Die Uraufführung von 'Intolleranza 1960', im Jahr 1961 in Venedig, war ein gewaltiger Theaterskandal. Man nahm dem Komponisten Luigi Nono sowohl die experimentelle Form als auch besonders den politischen Inhalt sehr übel. Tatsächlich ist der Text, den sich Nono nach Autoren wie Majakowskij, Sartre und Brecht selbst schrieb, nachdem die Zusammenarbeit mit dem vorgesehenen Librettisten Angelo Maria Ripellino scheiterte, eminent politisch aufgeladen. Es geht um Verfolgung und Folter, um politische und institutionelle Willkür, um Versagen von Macht- und Regierungssystemen und ihre unheilvolle Auswirkung auf den einzelnen Menschen. So unverhüllt war ein derartiger Stoff auf der Opernbühne vorher nie aufgetaucht. Diese Politisierung von Kunst löste besonders in Italien große Wut aus und brachte das Stück bereits nach der Uraufführung dauerhaft zum Verschwinden.

In Deutschland wurde und wird 'Intolleranza' in der von Nono autorisierten deutschen Textfassung von Adolf Andersch gelegentlich gespielt. Grund hierfür ist sicher gerade die Ungewöhnlichkeit von Stoff und Ästhetik, aber auch und gerade die unbestreitbare musikalische Qualität. Der vorliegende Mitschnitt dokumentiert eine Aufführung von Nonos erstem Musiktheaterwerk am Theater Bremen im Jahr 2001. Die sorgfältige Vorbereitung von Chor, Orchester und Solisten – allein der Dirigent Gabriel Feltz nahm an nahezu 150 Proben teil – hört man dem Dokument deutlich an. Die gewaltige dynamische Spannweite der Komposition wird sehr differenziert ausgereizt. Dabei sind die musikalischen Anforderungen des gut einstündigen Werkes immens.

Die Solisten singen bewundernswert textverständlich, angeführt von Wolfgang Neumanns Emigrant, der seinen etwas körnigen, heldischen Charaktertenor sozusagen zuspitzt, mit energetisch aufgeladener Schlichtheit jedes Wabern und fast jedes Vibrato vermeidet und sich so ganz in den Dienst von Text und Musik stellt. Die Bremer Philharmoniker, verstärkt um mehrere brillante Percussionisten, setzen sich ebenfalls leidenschaftlich für das Werk ein. Sie verleihen dem politischen Aufbegehren Nonos überzeugend Gestalt und finden sich zu einem überraschend farbenroh aufgefächerten, nie klumpigen Klang zusammen. Ein Wunder ist der Chor des Bremer Theaters mit reinster Intonation und prägnanter Artikulation, der, mit ungeheurem Ausdrucksspektrum von sanftester Zartheit bis überbordender Wut wirklich, wie von Nono beabsichtigt, die Funktion des Chores in der griechischen Tragödie auf 'Intolleranza' überträgt. Gerade in den sehr intensiven leisen Passagen scheint eine überraschende Nähe zum Anfang von 'Moses und Aron' von Arnold Schönberg auf, mit dessen Tochter Nono verheiratet war. Gabriel Feltz, ab dem Sommer GMD in Dortmund, steuert das Theaterschiff sicher durch die sehr bewegten musikalischen Gewässer. Die Aufführung ist ein gewaltiger Leistungsbeweis des Bremer Theaters und ein echtes Plädoyer für die Institution ‚deutsches Stadttheater‘.

Natürlich ist 'Intolleranza' auch und vor allem Theater. Genauso natürlich vermisst man beim Hören die Bühnenaktion, die ja laut Nono – und Johann Kresnik, der Regisseur der Bremer Aufführung, ist ihm da durchaus gefolgt – nicht Text und Musik bebildern, sondern ihnen zusätzliche Ausdrucksebenen eröffnen sollte. Auch die klangliche Gestalt dieses Mitschnitts aus dem Bremer Theater ist nicht optimal. Ein wenig weniger scharf und dumpf hätte es durchaus klingen dürfen. Das informative Booklet hingegen lässt eigentlich nur einen, allerdings wesentlichen Wunsch offen: den Abdruck des Librettos. Dennoch ist die Aufnahme, gerade wegen der Qualität des Chors und der theatralischen Spontaneität mehr als eine Alternative zur Stuttgarter Teldec-Produktion unter Bernhard Kontarsky.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Intolleranza 1960: Nono, Luigi

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Dreyer - Gaido
1
01.02.2013
Medium:
EAN:

CD
4260014870303


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Dreyer - Gaido

Das in Münster ansässige, 2001 von Michael Dreyer und Hugo Germán Gaido gegründete Label DREYER-GAIDO hat sich in den letzten Jahren durch seine exquisiten Produktionen einen ausgezeichneten Ruf in der Klassik- und Weltmusik-Szene erarbeitet. Michael Dreyer ist Initiator und künstlerischer Leiter des Morgenland Festivals Osnabrück. Für seine interkulturelle Arbeit erhielt er 2009 den Praetorius-Musikpreis des Landes Niedersachsen.


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