> > > Holländische Violinsonaten: Werke von Schlegel, van Eijken u. a.
Montag, 24. Januar 2022

Holländische Violinsonaten - Werke von Schlegel, van Eijken u. a.

Überraschungspaket


Label/Verlag: Aliud
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Aufnahme widmet sich Raritäten niederländischer Kammermusik für Violine und Klavier. Ein Großteil der Werke ist hörenswert, die Umsetzung ist intonatorisch mitunter problematisch.

Niederländische Violinsonaten? Nie davon gehört. Klar, überall wurde Musik komponiert, aber zu Weltruhm hat es bisher keine der Violinsonaten gebracht. Mir war jedenfalls keiner der Komponisten und erst recht keine der Sonaten bekannt. Der Ansatz, solche vergessenen Werke auf CD zu verewigen, verdient Respekt und dürfte gerne Inspiration für Labels und Interpreten darstellen. Aliud leistet hier Vorbildliches.

Der Komponist Leander Schlegel wurde 1844 in Oegstgeest bei Leiden geboren und studierte Klavier und Violine zuerst in Holland und später in Leipzig bei Carl Reinecke. Er machte sich einen Ruf als Klaviervirtuose und konzertierte in Deutschland und Frankreich. Ab 1871 war er für 27 Jahre Direktor einer Musikschule in Haarlem. Er genoss große Anerkennung in den Niederlanden und gab Konzerte in Berlin und Wien. Seine frühesten Werke entstanden erst 1880. Die Kritik verglich seine Musik mit der von Schumann und Brahms. Die eingespielte Sonate für Violine und Klavier G-Dur op. 34 ist sein vorletztes Werk mit Opuszahl und entstand 1910, drei Jahre vor seinem Tod. Schlegel steht in der Leipziger Tradition; durch eine deutlich nuancenreichere Dynamik finden sich aber auch gut erkennbare Anklänge an Komponisten neudeutscher Ästhetik wie Liszt und Wagner. Die hier eingespielte Sonate zeichnet sich durch eine eher melancholische Grundstimmung aus, die erst im Verlauf des letzten Satzes überwunden wird. Die beiden ersten Sätze leben von großen Spannungsbögen durch Steigerungen und Ausbrüche, die aber immer wieder zurückgeworfen werden. Leider fehlt es der Sonate an Prägnanz. Selbst nach mehrmaligem Anhören ist der Wiedererkennungswert der Musik eher gering; kein Thema verwandelt sich in einen Ohrwurm, der die Sonate tiefer im Gedächtnis verankert. Formal genügt die Sonate sicher hohen kompositorischen Ansprüchen. Aber es fehlt ihr an Konzentration, auch wenn sich beide Interpreten (hier wie auch bei den anderen Werken) beste Mühe geben und viel Leidenschaft und Feingefühl in die Umsetzung der Musik investieren.

Der Komponist Gerrit Jan van Eijken (1832-1879) entstammt einer Musikerfamilie und wurde sowohl von seinem Vater, einem Organisten, als auch seinem älteren Bruder, der ebenfalls Komponist war, unterrichtet. Später studierte er in Leipzig und Dresden, wo er als Mendelssohn und Schumann ebenbürtiges Talent anerkannt wurde. Nach anfänglichem Erfolg litt er zunehmend unter Enttäuschungen und Misserfolgen und wurde alkoholabhängig. In seinen letzten Jahren verdiente er sich seinen Unterhalt als Organist in London und starb nach Krankheit im Alter von 46 Jahren. Seine Sonate für Klavier und Violine f-Moll op. 5 entstand 1855. Was der an erster Stelle aufgenommenen Sonate an Prägnanz fehlt, gleicht die Sonate von van Eijken mehr als nur aus. Ständig begegnen dem Hörer neue, wunderbar erfundene Themen. Schon der erste Satz steigt mit einem markanten Thema ein, das sich fast ohne Unterbrechungen durch den gesamten Satz zieht. Obwohl auch diese Sonate in Moll steht, ist hier von Melancholie oder ähnlichem keine Spur; sie ist im Gegenteil bis zum Schluss voller Energie.

Jan (Willem Frans) Brandts Buys ist der jüngste der hier vorgestellten Komponisten. Er wurde 1868 in Zutphen geboren und entstammt einer bedeutenden Familie mit zahlreichen musikalischen Vorfahren. Seine erste Anstellung als Organist erhielt er bereits mit 13 Jahren. Er stand in Briefwechsel mit Wieniawski, Rubinstein und Grieg, um nur die bekanntesten zu nennen. 1889 begann er in Frankfurt zu studieren. Drei Jahre später zog es ihn nach Wien, wo er Brahms traf, der ebenso wie Grieg seine frühen Werke wertschätze. Brahms empfahl ihm die Komposition von Opern, was Brandts Buys umsetzte und eine große Zahl erfolgreicher Opern komponierte; die bekannteste ist 'Die Schneider von Schönau', 1913 in Dresden uraufgeführt und eine der erfolgreichsten niederländischen Opern. Sein Klavierkonzert op. 15 gewann internationale Preise. Auf dem Salzburger Kommunalfriedhof erhielt er ein Ehrengrab, das Mozarteum enthüllte 1958 eine Büste von ihm. Er war Spätromantiker, aber aufgeschlossen gegenüber modernen Strömungen wie Debussy oder Ravel – Atonalität jedoch lehnte er völlig ab. Die hier eingespielte Sonate für Klavier und Violine op. 26 komponierte er 1910. Sie verkörpert seine musikalische Haltung sehr gut. Brandts Buys verwendet eingängige Themen und verbindet romantische Elemente mit farbenreicher Harmonik. Besonders der dritte Satz besticht durch seine bisweilen tänzerische Rhythmik, die auch an Ballettmusik erinnert.

Bob van der Ent an der Violine und René Rakier am Klavier erkennen die einzelnen Linien der Werke und zeichnen sie präzise, doch nicht kühl nach. Nie kommt der Verdacht auf, dass sie sich in den Vordergrund stellen, nur um durch Virtuosität zu glänzen. Ihre Tempi sind mit Bedacht gewählt: weder ekstatisch schnell in den Außensätzen noch lethargisch langsam in den Binnensätzen. So unauffällig die Interpretation in dieser Hinsicht ist, so fallen dafür häufige Intonationsprobleme der Violine unangenehm auf. Bei einem Live-Mitschnitt durchaus mal verzeihbar, sind solche Schwächen vor allem in der hier anzutreffenden gehäuften Zahl in einem Studioalbum vermeidbar und trüben so den Genuss deutlich. Das Klavier zeichnet sich durch ein transparentes und deutliches Spiel aus, selbst dick instrumentierte Stellen geraten nicht zu Klangbrei. Das verhindert allerdings auch eine wünschenswerte Profilierung des Instruments.

Das Booklet erzeugt einen durchweg zwiespältigen Eindruck. So ist es zwar auf der einen Seite viersprachig gehalten (englisch, holländisch, französisch, deutsch), auf der anderen Seite enthält zumindest die deutsche Übersetzung einige Übersetzungsfehler. Es gibt zwar angemessen ausführliche Texte zu den drei Komponisten, aber die Informationen zu den Werken sind ziemlich knapp gehalten und die Biografien der Interpreten im Verhältnis dazu wiederum zu umfangreich. Das ist für so eine Publikation ärgerlich, bei der es gerade um Vermittlung weitgehend unbekannter Werke und Komponisten geht und nicht um Vermarktung der Interpreten.

Der Klang der SACD hingegen stimmt wieder versöhnlich. In Deutschland völlig undenkbar, wurde hier die Tatsache, dass es sich bei dem Tonträger um eine hybride SACD handelt, quasi verheimlicht: Nur die CD selbst offenbart das Geheimnis. (Ein Blick auf die Homepage des Labels Aliud zeigt aber deutlich die audiophile Ausrichtung. Wer also das Label kennt, wird also nicht überrascht. Inzwischen ist wohl auch das SACD-Logo auf dem Cover gelandet.) Der Klang ist einer SACD angemessen: kristallklar und intim durch eine recht trockene Akustik. Für Kammermusik ist das eine gut gewählte Aufnahmeakustik, auch wenn die Musik dadurch recht gezähmt wirkt. Das Klavier ist etwas zurückgenommen, um die Violine besser zur Geltung kommen zu lassen, manchmal fast ein wenig zu viel. Ein Klangwunder liegt hier nicht vor; beim ersten Anhören blieb ein Aha-Erlebnis aus, Der Mehrwert der SACD ist zweifelhaft, gerade weil der größte Vorteil einer SACD, der Raumklang, nicht realisiert wurde.

Was bleibt, ist ein ordentlicher Gesamteindruck. Es werden Werke aus der Versenkung geholt, die musikalisch und klanglich Freude bereiten können, trotz mittelmäßigem Booklet und technischer Unsauberheiten. Die Platte hat sich aber einen Platz im Regal mindestens bei Raritätensammlern verdient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Holländische Violinsonaten: Werke von Schlegel, van Eijken u. a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Aliud
1
26.04.2013
Medium:
EAN:

CD
8717775550754


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Aliud

Aliud steht für hochkarätige Musik verschiedenster Genres. Für Aliud bedeutet hochkarätig, dass die Solokünstler, Ensembles und Orchester, die im Katalog vertreten sind, Weltklasseformat besitzen. Aliud verwendet nur Highend-Equipment für seine Aufnahmen und arbeitet mit den erfahrensten Tonmeistern zusammen, um den bestmöglichen Klang zu erreichen.


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