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Freitag, 7. Oktober 2022

Bach: Das musikalische Opfer - In einer Bearbeitung von Helmut Bornefeld

Historisch uninformiert - und das zu Recht


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bachs 'Musikalisches Opfer' in der aufführungspraktischen Einrichtung Helmut Bornefelds: eine Rückschau auf interpretatorische Bedingtheiten Mitte der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts.

Johann Sebastian Bach besuchte im Mai des Jahres 1747 seinen zweitgeborenen Sohn Carl Philipp Emanuel in Potsdam. Dessen Flöte spielender Dienstherr, der Preußenkönig Friedrich II., ließ den alten Bach unmittelbar nach dessen Ankunft nicht nur seine Silbermannschen Hammerclaviere ausprobieren, sondern er soll ihn zum Nachweis seiner musikalischen Kunstfertigkeit auch noch am selben Abend mit einem selbst erfundenen Thema herausgefordert haben, das mit seiner im Ambitus einer Sext chromatisch absteigenden Tonskala nach einem eröffnenden c-Moll-Dreiklang (c–es–g), dem sich zunächst noch ein abwärts gerichteter verminderter Septsprung vom ‚as‘ über der Dominante hinab zum ‚h‘, dem Leitton über der Tonika anschließt, und dessen melodische Linie sodann wieder eine kleine Sext hinauf zum ‚g‘ springt, ehe die hier ansetzende chromatische Skala ihren Lauf nimmt und mit einer kadenzierenden Rückführung zur Tonika ihr Ende findet, nun wahrhaftig nicht eben leicht zu verarbeiten war. Bach möge doch aus diesem Thema vor den Ohren und Augen aller anwesenden Musiker – es war zur Stunde der täglichen Cammer-Music, an der sich Friedrich jeden Abend in den königlichen Appartements zu ergötzen pflegte – aus dem Stegreif eine dreistimmige Fuge machen. Bach soll sich ohne Umschweife der Aufforderung gestellt und mit seinen Improvisationskünsten alle Anwesenden verblüfft haben; und er versprach, das ‚ausbündig schöne‘ Thema des Königs ‚in einer ordentlichen Fuga‘ später ‚zu Papiere bringen‘ zu wollen. Und dabei war es bekanntlich nicht geblieben: Bach schuf auf der Basis des ‚Thema Regium‘ ein dreistimmiges und ein sechsstimmiges Ricercare, zehn Kanons und eine viersätzige Triosonate und widmete dieses Kompendium unter dem Namen 'Musikalisches Opfer' wenig später in Kupfer gestochen dem Preußenkönig.

Bachs 'Musikalisches Opfer' vereint mit Musik für Solo-Cembalo (Ricercare à 3 und à 6), den zwei- und dreistimmigen Kanons für eine alternierende kammermusikalische Besetzung und mit einer Triosonate für Flöte, Violine und Generalbass sehr unterschiedliche besetzungstechnische Anforderungen. Dazuhin lassen sich die kontrapunktischen Spitzfindigkeiten, wie sie vor allem die zehn Kanons, aber auch das sechsstimmige Ricercare unter Beweis stellen, zusammen mit einer darin integrierten, vergleichsweise ‚unkompliziert‘ einzustufenden Triosonate aufführungstechnisch nicht so recht auf einen Nenner bringen. Das hat in der Rezeption des 'Musikalischen Opfers' dazu geführt, nur einzelne Teile, etwa die Triosonate oder die beiden Ricercare, aus dem Komplex herauszugreifen, und es hat Anlass gegeben, sich diese auch zuweilen mit Transkriptionen zurechtzulegen. Berühmt geworden ist in dieser Hinsicht etwa Anton Weberns Instrumentierung des sechsstimmigen Ricercare aus dem Jahr 1934 für kleines Orchester.

Als sich Helmut Bornefeld – nicht allein jahrzehntelang Organist und Chorleiter in Heidenheim an der Brenz, sondern auch Komponist und langjähriger Orgelsachverständiger der Evangelischen Landeskirche in Württemberg – in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts daran gemacht hatte, Bachs 'Musikalisches Opfer' zu bearbeiten, galt dieses Vorhaben allein einer Einrichtung des Werks für die zu diesem Zeitpunkt gegebenen aufführungstechnischen Verhältnisse. Bachs Text blieb unangetastet, es wurden nur die beiden Ricercare und einige Kanons auf die Orgel übertragen, letztere alternierend mit den beiden aufführungspraktisch vorgesehenen Melodieinstrumenten Querflöte und Violine, und die Orgel ist auch das alleinige Continuoinstrument in der Triosonate. Anlass hierfür war 1976 die Einweihung der neuen Chororgel in der Schorndorfer Stadtkirche gewesen, deren Disposition, Mensurierung und Prospektgestaltung Bornefeld entworfen hatte.

Im Mai 2012 sind die Schorndorfer Organistin Hannelore Hinderer, der Flötist Peter Thalheimer und die Geigerin Sabine Kraut daran gegangen, an ebenjenem Ort, der Schorndorfer Stadtkirche mit ihrer Chororgel, Bornefelds Fassung des 'Musikalischen Opfers' für das Label Carus einzuspielen. Das Ergebnis kann sich hören lassen, aber die Aufnahme gewinnt dem Werk nicht unbedingt neue Aspekte ab. Dass hierbei interpretatorische Ansatzpunkte der historischen Aufführungspraxis nun einmal gerade nicht berücksichtigt werden, ist völlig in Ordnung, denn man wollte ja die Aufführungstradition der Siebzigerjahre festhalten. Hannelore Hinderer weiß die beiden Ricercare zu Beginn und am Schluss sehr durchsichtig zu halten. Sie wählt eingangs im Ricercare à 3 ein hell abgetöntes Klangbild und sie vermag die Struktur gut zu verdeutlichen, obwohl sie die Stimmlinien artikulationsmäßig kaum aufbricht, vielmehr weit ausholende Bögen spannt und damit eine historisch informierte, rhetorisch kleinteilig untergliedernde Melodieführung bewusst außen vor lässt. Im mächtigen Ricercare à 6 zum Beschluss wählt sie ein Organo pleno, das die Gewichtigkeit unterstreicht, aber dennoch durch sparsame registrierte Klangumschichtungen und agogische Flexibilität geeignet ist, Struktur und Gliederung offenlegen zu können. Die Kanons erhalten in der Herangehensweise der Interpreten – nun kommen neben der Orgel auch Peter Thalheimer an der Flöte und Sabine Kraut an der Violine ins Spiel – und ihrer wechselnden Instrumentierung eine greifbare und klanglich aparte Charaktergebung, die die Komplexität des Satzes unterstreicht, allerdings auch spürbar Respekt vor Bachs kontrapunktischen Künsten zeigt und insofern eine gewisse sachliche Distanz wahrt, aber damit auch jedes Risiko einer persönlicher gehaltenen gestalterischen Individualität scheut.

Was die in das 'Musikalische Opfer' eingelagerte Triosonate angeht, wäre hier doch, auch wenn zu Recht dem Umstand des damals noch mangelnden historischen Bewusstseins Rechnung getragen wird, ein leichterer Duktus angemessen gewesen. Etwas zu getragen ausmusiziert zeigt sich bei runder und warmer Tonbildung seitens Flöte und Violine das 'Largo'; das 'Allegro' erweist sich zwar artikulatorisch prägnant durchgestaltet, ist aber mit der unzureichenden dynamischen Schattierung doch auch wieder etwas eindimensional gehalten. Mit belebenden Impulsen und Akzentuierungen der Textur aus kurz genommenen Punktierungen gegenüber einer Lineatur von langen Notenwerten wird das 'Andante' reizvoll aufgelockert, und das abschließende 'Allegro' gewinnt trotz aller gediegenen Verhaltenheit durch artikulatorische Lebhaftigkeit und durch das ausgewählte geschmackvolle Orgelregister.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach: Das musikalische Opfer: In einer Bearbeitung von Helmut Bornefeld

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.05.2013
051:35
2012
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4009350834606
8346000


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"Das Musikalische Opfer (BWV 1079) ist eine Sammlung kontrapunktischer Sätze von Johann Sebastian Bach, die alle auf einem Thema des preußischen Königs Friedrich II. beruhen. Den konkreten Anlass zur vorliegenden Fassung von Helmut Bornefeld (1906-1990) für Querflöte, Violine und Orgel gab 1975 die Einweihung einer neuen Chororgel in der Stadtkirche Schorndorf. Mit einem Arrangement für diese kleine Besetzung wollte Bornefeld das herrliche Bachsche Spätwerk einem möglichst großen Kreis von Spielern und Hörern praktisch zugänglich zu machen."


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