> > > Hommage: Barrios, Tárrega, Mertz & Castelnuovo-Tedesco
Samstag, 24. Oktober 2020

Hommage - Barrios, Tárrega, Mertz & Castelnuovo-Tedesco

Neue Klangwelten für die Gitarre


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Destillat und Erweiterung: Armin Egger bringt mit 'Hommage' die Oper in die Konzertgitarre.

Wagner und Verdi auf der Gitarre, Oper auf sechs Saiten? Was für uns befremdlich klingt, war in der Musizier- und Bearbeitungspraxis des 19. Jahrhunderts gang und gäbe. Auch heute noch kann die Übertragung auf ein neues Instrument unbekannte Klangwelten eröffnen, die das Werk neu erfahrbar machen. Der Weg zur Oper scheint für die Gitarre besonders weit, weil ihr intimer Klangkosmos mehr für Kammermusik als den Konzertsaal, geschweige denn die große Opernbühne taugt. Der österreichische Gitarrist Armin Egger bezeichnet sie im Booklet zu seinem Album ‚Hommage‘, erschienen bei Ars Produktion, als ‚zwei Seiten einer Medaille‘: In beiden Künsten würde versucht, die Gefühlswelten der menschlichen Seele auszuloten. Der Klangrausch der Oper könne auf der Gitarre nicht ehrfahrbar werden, wohl aber die ‚leisen Klänge und Gefühle‘.

Wer sich spontan nicht an ‚leise Klänge‘ bei Wagner erinnern kann, hat das Grundproblem einer solchen Übertragung bereits erkannt. Es sind zwangsläufig die großen Gesten und pathetischen Momente, an die man sich bei einer Oper der diesjährigen Jubilare erinnert. Das Instrumentarium, die Lautstärke und emotionale Wucht eines Opernensembles kann auf der Gitarre unmöglich wiedergegeben werden. Gerade deswegen ist das Klangergebnis, das Egger bei der Weltersteinspielung von Caspar Joseph Mertz‘ Opernrevue zu 'Der Fliegende Holländer' erzielt, so interessant. Sie ist das Herzstück eines Albums, das die Hommage auf gleich mehreren Ebenen zum Thema hat: Hier soll Referenz an Komponisten, Opern, Genres und auch Orte erwiesen werden, nicht zuletzt vom Interpreten selbst.

Als Thema für ein Konzeptalbum mutet dies nun nicht besonders originell an, die Weitläufigkeit des Begriffs setzt der Werkauswahl kaum Grenzen. Man könnte sogar so weit gehen, jede Interpretation eines Stücks als Hommage an den Komponisten und sein Werk zu sehen. Und so will sich kein wirklich roter Faden im Sinne einer stilistischen Geschlossenheit einstellen. Von den bearbeiteten Komponisten Schubert, Wagner und Verdi über den südamerikanischen Virtuosen Augustín Barrios zur Moderne eines Mario Castelnuovo-Tedesco ist der Weg dann doch zu weit. Das Konzept scheitert nicht, es will nur nicht direkt zünden. Das schadet dem Genuss der Werke der einzelnen Komponisten, von denen jeder eine imaginäre Langspielplatten-Seite erhält, jedoch nicht im Geringsten.

Zwei Walzer von Augustín Barrios (1885-1944) eröffnen das Album. Die Virtuosität des Komponisten ist hier in jeder Note spürbar. Die für die Gitarre der spanischen Romantik typischen Verzierungen mit Tremoli und Flageoletti prägen das Klangbild, Egger zeichnet sie mit technischer Sicherheit und klanglicher Brillanz. Auch die dreisätzige Suite 'La catedral' als eine Reminiszenz an die Kathedrale von Montevideo wird so zum Erlebnis. Im Gegensatz zu den auf Virtuosität getrimmten Walzern tritt hier die melodische Linie als narratives Element in den Vordergrund. Das nachträglich ergänzte langsame 'Preludio' macht gemeinsam mit dem 'Andante religioso' die Spiritualität des Ortes erfahrbar, während das 'Allegro solemne' den Interpreten vor die Herausforderung stellt, auch schnelle Läufe feierlich und würdevoll erklingen zu lassen. Eggers Spiel gleicht hier mehr einem ‚Allegro con spirito‘, aber auch das ist ja im Wortsinn ‚geistlich‘. Eine Feierlichkeit will zwar nicht aufkommen, die runde und farbenfrohe Klanglichkeit seines Anschlags macht dies aber in jedem Fall wieder wett.

Ein erstes Beispiel dafür, dass Oper auch auf der Gitarre funktioniert, liefert die Fantasie über Verdis 'La Traviata' von Francisco Tárrega (1852-1909). Von schnellen Läufen und virtuosen Trillern bis hin zu langsamer, fast melancholischer Ausdrucksmusik wird hier das gesamte Spektrum der Gitarre abgedeckt. Die stilistische Diversität von Tárrega wird auch im Booklet thematisiert; so lässt sich in seinem Werk eine Vielzahl von spanischen und arabischen Einflüssen ausmachen. Das bekannte 'Recuerdos de la Alhambra', übersetzt etwa Erinnerungen an die Alhambra und setzt sich stilistisch dementsprechend deutlich von der Verdi-Fantasie ab. In durchgehenden Tremoli übt dieses Stück durch seine Introvertiertheit und schlichte Schönheit eine auch in der x-ten Aufnahme ungebrochene Faszination aus. Vor allem, wenn es komplett gespielt wird und nicht, wie so häufig, das da Capo nach Wiederholung des Dur-Teils wegfällt. Denn erst durch die – hier meisterlich inszenierte – Rückkehr zur stillen Moll-Tonalität des Anfangs kann das Stück seine volle Wirkung entfalten.

Im Mittelpunkt des Albums steht jedoch der Komponist Caspar Joseph Mertz (1806-1856), um dessen Vornamen die Forschung bis heute streitet. Seine Version des 'Fliegenden Holländers' überzeugt gerade deshalb, weil sie nicht versucht, die Klanglichkeit der Oper zu imitieren, sondern stattdessen die Klanglichkeit der Gitarre auszuschöpfen. Dass der Beginn der Ouvertüre und der Seemannschor ('Steuermann, lass die Wacht! ') in solch einer romantischen Opernrevue nicht fehlen dürfen, versteht sich von selbst. Und so genießt man wie das Publikum im 19. Jahrhundert die Virtuosität des Interpreten, während man gespannt auf das nächste musikalische Zitat wartet. Hübsch anzuhören sind ebenfalls die Bearbeitungen zweier Schubert-Lieder, wenngleich sie in der Albumkonzeption mehr als ‚Lückenfüller‘ erscheinen, die Gefahr laufen, von wagnerscher Wucht überrollt zu werden.

Den Abschluss eines trotz allem gelungenen Album macht eine viersätzige Suite des Italieners Mario Castelnuovo-Tedesco (1895-1968). Hier zeigt Egger wiederum ganz neue Qualitäten, indem er die vielfältigen Facetten der einzelnen Sätze hervorhebt. Das modernste Werk des Albums bildet durch harmonisch spannungsvolle Fortschreitungen und Melodieentwicklungen nach all der spanisch-romantischen Virtuosität eine willkommene Abwechslung. Sie ist – man kann es sich denken – wiederum eine Hommage, und zwar sowohl an den Komponisten Luigi Boccherini, wie der Titel vermerkt, als auch den Gitarrenvirtuosen Andrés Segovia, der den Komponisten in seinen Werken für Gitarre inspirierte und beeinflusste.

Armin Egger inspiriert mit diesem Album unter anderem zur Beschäftigung mit wiederentdeckter Gitarrenliteratur, vor allem in Form der Bearbeitungskultur des 19. Jahrhunderts, die eine wichtige Bereicherung des schmalen Repertoires für Konzertgitarre darstellt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Sebastian Posse Kritik von Sebastian Posse,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hommage: Barrios, Tárrega, Mertz & Castelnuovo-Tedesco

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
ARS Produktion
1
064:12
2013
Medium:

CD SACD


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Barrios, Augustín
 - Vals op. 8/4 -
 - Vals op. 8/3 -
 - La catedral - Preludio
 - La catedral - Andante religioso
 - La catedral - Allegro solemne
Castelnuovo - Tedesco, Mario
 - Omaggio a Boccherini, Sonate D-Dur, op. 77 - Allegro con spirito
 - Omaggio a Boccherini, Sonate D-Dur, op. 77 - Andantino quasi canzone
Mertz, Johann Kaspar
 - Opernrevue op. 8/34 - Der Fliegende Holländer
 - Ständchen (Franz Schubert, D. 957) -
 - Liebesbotschaft (Franz Schubert, D. 957) -
Tárrega, Francisco
 - Fantasie über La Traviata -
 - Recuerdos de la Alhambra -


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Interpret(en):Egger, Armin


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ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
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