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Samstag, 29. Januar 2022

MacMillan, James - Magnificat

Verfügungsgewalt, Fasslichkeit, Transzendenz - MacMillan-Serie Folge 2


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die zweite Folge der Serie von Challenge rückt James MacMillan als befähigten Adagio-Komponisten in den Vordergrund.

Nur wenigen zeitgenössischen Komponisten ist es vergönnt, einem breiteren, über die Zuhörer von (Ur-)Aufführungen hinausgehenden Publikum die Breite ihres Œuvres im Rahmen einer Serie von CD-Einspielungen vorzustellen. Dass das holländische Label Challenge nun das Schaffen des schottischen Komponisten James MacMillan zum Gegenstand einer auf vier Produktionen angelegten Aufnahmereihe macht, hat mehrere Gründe. Erstens ist der 1959 geborene MacMillan einer der erfolgreichsten Komponisten unserer Zeit. Hierzulande ist er zwar nur wenig bekannt (auch wenn das RSO Stuttgart sein Werk in dieser Saison in besonderer Weise beleuchtet), doch in einigen Nachbarländern, vor allem aber auf der Insel ist er hochangesehen. Zweitens ist MacMillan auch ein versierter Dirigent. Im Jahr 2010 wurde er zum ständigen Gastdirigenten der Niederländischen Radio-Kammerphilharmonie ernannt; er folgte in dieser Position Peter Eötvös, ebenfalls eine komponierende und dirigierende Doppelbegabung. MacMillans dortiges Wirken wird allerdings nicht von langer Dauer sein: Im August 2013 wird die Niederländische Radio-Kammerphilharmonie aufgrund drastischer Einsparungsmaßnahmen abgewickelt. Mit dieser Serie setzt sie sich kurz vor ihrem Untergang ein Denkmal, das zukünftig daran erinnern wird, was für ein exzellenter, stilistisch flexibler Klangkörper da plattgewalzt wurde.

James MacMillans Musik ist so erfolgreich und beliebt, weil sie zugänglich ist. Sie verbindet Klangraffinesse und damit einigen sinnlichen Oberflächenreiz mit großer emotionaler Ausdruckskraft, wobei der Komponist vor Pathos und Drastik der Darstellungsweise nicht zurückschreckt. In seine polystilistischen, tonale und atonale Elemente miteinander verbindenden, in bestem Sinne konservativen Werke fließen immer wieder Prägungen Alter Musik ein. Zuweilen gerät die Simplizität archaisierender Momente in den Bereich des Ritus, etwa wenn der Klang auf ein Pochen im Schlagwerk reduziert wird. James MacMillan nutzt seine Verfügungsgewalt über die Musik der Vergangenheit; einige kritisieren das als eklektizistisch und postmodern-beliebig. Doch hat der schillernde Klangreiz seiner Werke, der nicht zuletzt aus vielfältig eingesetztem Schlagwerk und pulsierenden Rhythmen resultiert, eine ganz persönliche Erdung: Neben nationalhistorischen Sujets, auf die MacMillan in den Werktiteln und auch durch die Einbindung folkloristischen Materials anspielt, bildet seine römisch-katholische Identität die Grundlage seines Schaffens. Eine tiefreligiöse Grundhaltung prägt sein künstlerisches Selbstverständnis in ähnlicher Weise wie etwa bei Pēteris Vasks, Alfred Schnittke oder Arvo Pärt (stilistische Gemeinsamkeiten hat MacMillans Musik aber nur mit den ersten beiden). Über die religiöse Thematik der Werktitel hinaus holt MacMillan regelmäßig Material der Kirchenmusik früherer Jahrhunderte in seine Kompositionen hinein. Choräle oder Hymnen klingen darin an und stehen für die Unerschütterlichkeit dessen, was am Ende vieler seiner Werke wie ein Hoffnungsstrahl als Kern der inneren Erlebniswelt bestehen bleibt.

Die zweite Folge der Serie von Challenge rückt den Adagio-Komponisten in den Vordergrund – und ein solcher ist James MacMillan in beispielhafter Weise. Mit Adagio-Komponist ist nicht nur gemeint, dass sich Musik in langsamen Tempi mit spannungsvollem, aber zugleich ruhigem Strömen in großen Wellen ausbreitet. Bezeichnet seien damit Komponisten, deren Werke selbst in schnelleren Tempi von einer langsamen Grundströmung bestimmt sind, die nur zeitweise an die Oberfläche tritt, latent aber stets spürbar ist. Als ein paradigmatisches Beispiel wäre etwa der Finne Einojuhani Rautavaara zu nennen – oder eben James MacMillan. Von den vier hier aufgenommenen Werken bewegen sich drei in gemessenen bis langsamen Tempi, in 'Tryst' bilden Adagio-Strecken die Gravitationszentren des Stücks.

Vielfältiger als in der ersten Folge sind in dieser Produktion die Stilistik der Werke sowie die Besetzung, breiter wird auch die Schaffenszeit des Komponisten abgedeckt: Das Orchesterwerk 'Tryst' ist 1989 entstanden und gehört zu den frühen Höhepunkten in MacMillans Œuvre, das jüngste entstand 2008. Es handelt sich dabei um 'O' für dreistimmigen Frauenchor, Trompete und Streicher, eine instrumental und formal erweiterte Version der Adventantiphon 'O Radiant Dawn' aus MacMillans 'Strathclyde Motets'. Letztere wurden für den liturgischen Gebrauch von Kirchenchören geschrieben, daher ist die Faktur relativ einfach gehalten. Der modal geprägte, homophone Chorsatz wird in langsamem Tempo ruhevoll entwickelt. Neoromantische Akkordwechsel sorgen mehrmals für große Steigerungen, die mit den Aufschwüngen bei dem Vokativ ‚O‘ ihren Höhepunkt erreichen. Diese Aufschwünge werden in dieser Ensemblefassung in der Trompete bereits vorweggenommen und sorgen dadurch für formale Geschlossenheit. Wie in den anderen beiden Werken für Chor und Orchester kann der Niederländische Radio-Chor (vorbereitet von Edward Caswell) durch eine emphatische Gestaltung für sich einnehmen. Die Frauenstimmen tendieren hier ein wenig zu klanglichen Härten. Leider hat bei dem Rezensionsexemplar der erste Titel einen Aufnahmefehler: Choreinsatz und spätere Phasen rauschen im linken Kanal.

Die beiden weiteren Werke für Chor und Orchester, 'Magnificat' (1999) sowie 'Nunc Dimittis' (2001) korrespondieren nicht nur durch ähnliche musikalische Stilmittel, sondern auch durch dasselbe musikalische Material, das die Doxologie des 'Magnificat' mit dem Amen des 'Nunc Dimittis' verbindet. Auch hier bewegt sich der homophone Chorsatz, der vom Niederländischen Radio-Chor technisch makellos gestaltet wird, in langsamen Tempi. Das interessantere Stück der beiden ist das 'Magnificat', in dessen Anfangsphase der Klangraum spannungsreich aufgespannt und im weiteren Verlauf ausdrucksstark ausgefüllt wird.

Einige ‚Klangzutaten‘, die für MacMillans Musik charakteristisch sind, verbinden das älteste hier aufgenommene Werk, 'Tryst', mit den Werken für Chor und Orchester. Da sind zum einen rhythmisch diskontinuierliche, dissonante, klangfarblich zum Schrillen tendierende Holzbläserfiguren sowie tonal festgefügte Streicherakkorde, die flächig oder in choralhafter Weise mit langem Atem ausgebreitet werden. In 'Tryst' ist das, was MacMillan in jüngeren Werken mit sicherer Hand formal bzw. dramaturgisch in einen schlüssigen Ablauf zu bringen versteht, noch nicht ganz ausgegoren. Doch es zeigt sich mehr als die Richtung, die der Komponist in der Folgezeit einschlagen sollte. Die Orchesterbehandlung beispielsweise ist nicht nur sehr farbig, sondern in der sukzessiven Einführung der Couleurs bereits wirkungssicher gehandhabt. Die Niederländische Radio-Kammerphilharmonie erfüllt das gut 25-minütige Werk unter der Leitung des Komponisten mit großem Schattierungsreichtum und zielgerichtetem Spannungsaufbau. Das hängt sicherlich auch an der (bis auf den Fehler beim ersten Track) hervorragenden Klangqualität. Vor allem aber zeigt sich, dass MacMillan auch ein berufener Interpret seiner Werke ist. Wie er neomodale Elemente in den Klangverlauf einbindet und eins aus dem anderen hervorgehen lässt, zeigt die (emotionale wie geistige) Nähe zu seiner Musik und die Vertrautheit mit ihr.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    MacMillan, James: Magnificat

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Challenge Classics
1
12.04.2013
Medium:
EAN:

CD
608917255423


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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