> > > Ignaz Joseph Pleyel: Streicher-Raritäten (Vol. 12)
Dienstag, 20. Oktober 2020

Ignaz Joseph Pleyel - Streicher-Raritäten (Vol. 12)

Unermüdlicher Einsatz für Pleyel


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kammermusikwerke in ungewöhnlicher Besetzung bringt Folge 12 der Pleyel Edition der Internationalen Pleyel Gesellschaft. Wie immer souverän, aber etwas altbacken gespielt vom Janáček Quartet und Kollegen.

Es ist einfach großartig, wie sich die Internationale Pleyel Gesellschaft, die in Pleyels Geburtsort, dem niederösterreichischen Ruppersthal residiert und in seinem Geburtshaus ein Pleyel-Museum eingerichtet hat, scheinbar unermüdlich für diesen Komponisten einsetzt. Die in Zusammenarbeit mit dem Label Ars Produktion aufgelegte CD-Serie ‚Konzert-Raritäten aus dem Pleyel-Museum‘ ist so nun immerhin schon bei Volume 12 angelangt. Und diese CD hat es in sich, bringt sie doch ganz besondere Werke aus Pleyels so großem Kammermusikschaffen in zum Teil ungewöhnlicher Besetzung.

Den Anfang macht ein Streichquartett, das mit einer Geige, zwei Bratschen und Cello besetzt ist. Pleyel scheint das Werk sehr geschätzt zu haben, denn, verkaufstüchtig wie er nun einmal war, gibt es auch weitere Versionen davon für Trio bzw. Duo mit Singstimme. Die Besetzung mit zwei Bratschen nutzt Pleyel, indem er einerseits die erste Viola oft solistisch als Gegenpart zur Geige einsetzt und andererseits (aber leider viel zu selten) eine ganz besondere dunkle Klangfärbung erzeugt. Bemerkenswert ist hierbei vor allem der ausgedehnte Kopfsatz dieses dreisätzigen Quartetts, während sich das kurze mittlere Menuetto in sehr frühklassischen Bahnen bewegt und an Haydns ganz frühe Quartett-Divertimentos erinnert. Experimentell ist dann wieder das abschließende Rondo, dessen Thema in einem gemächlichen Andante daherkommt, wohingegen die erste eingeschobene Episode plötzlich auf Allegro umschaltet und später als eine Art Scheinreprise kurz vor dem letzten Rondoeinsatz wiederkehrt.

Das Streichsextett in der Besetzung mit zwei Geigen und Bratschen, Cello und Kontrabass gilt als kammermusikalischer Höhe- bzw. Endpunkt von Pleyels Zeit als Domkapellmeister in Straßburg. Im Zuge der Französischen Revolution verlor er als Deutscher diesen Job und ging nach London, wo er von der Presse in die Rolle des Gegenspielers seines ehemaligen Lehrers Joseph Haydn gepresst wurde. Als er bei seiner Rückkehr nach Frankreich festgenommen wurde, half ihm nur die Komposition einer achtstündigen Revolutionskantate, um wieder auf freien Fuß zu kommen. Dafür wurde er dann wieder mit einem Einreiseverbot nach Deutschland belegt. Der Rest seines Lebens war dann eine heute wohl bekannte Erfolgsgeschichte mit der Gründung des Verlags, der Klaviermanufaktur und schließlich dem Konzertsaal, den ‚Salons Pleyel‘, deren Nachfolger, die ‚Salle Pleyel‘, heute immer noch seinen Namen tragen.

Aber zurück zum Sextett: Es wechselt im ersten Satz ständig vom Serenadencharakter zu einer Art Concertino mit virtuosen Passagen der ersten Violine und des Cellos, das sich Dank des Einsatzes des Kontrabasses nicht um die Bassfunktion des Satzes kümmern muss. Pleyel nutzt geschickt die unterschiedlichen klanglichen Möglichkeiten, die ihm sein kleines Orchester bietet und kümmert sich nur wenig um thematische Arbeit, was dem Werk eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Der zweite Satz riss einen Rezensenten der Zeit zu wahren Begeisterungsstürmen hin: ‚Das Kantabile im Sextett, wenn es mit Pünktlichkeit vorgetragen wird, kann auch das unempfindlichste Herz rühren‘. Während das Menuetto zwar gegenüber dem Quartett inzwischen etwas ausschweifender geworden ist, bleibt es doch recht traditionell. Ein Rondo von Haydn‘schem Rausschmeißer-Typus , in dem die jeweils ersten Spieler und der Cellist sich wieder solistisch produzieren dürfen, rundet das viel zu selten gespielte Werk ab.

Das dritte und letzte Werk auf dieser CD ist sicherlich eine Besonderheit in dem Sinne, als es zu Lebzeiten Pleyels nicht gedruckt wurde. ‚Pleyels Ruf als Komponist erreichte eine außergewöhnliche Höhe; alles, was aus seiner Feder floss, wurde ins Unendliche vervielfältigt‘, wie sein Kollege Fétis schrieb. Allerdings wendete sich Pleyel mit diesem Moll-Werk auch ziemlich von dem ab, was ihn beim Publikum so beliebt gemacht hatte, wandte sich vermehrt kontrapunktischen Techniken zu und experimentierte mit fast schon romantischen Harmoniewechseln. Bezeichnend dafür ist schon der Unisonobeginn, der harmonisch völlig offen bleibt. Allerdings hat das Stück dann seine großen Stärken, wenn Pleyel doch zu seinem musikantischen Charakter zurückfindet. Viele der thematisch arbeitenden Passagen wirken konstruiert, viele Klangeffekte, z. B. die unendlichen Trillerpassagen des Kopfsatzes, übertrieben und viele Stellen vor allem der ersten Geige unnötig virtuos. Während die beiden Außensätze mit Längen von über zehn Minuten schon in romantische Dimensionen vorstoßen bleiben die Mittelsätze bei der von anderen Werken Pleyels gewohnten Kürze: Der langsame Satz ist formal sehr frei gehalten, das Menuet entwickelt sich vom Tempo her schon in Richtung Scherzo und hat einen durch seine immer wieder gern genommenen Bordunklänge volkstümlichen Charakter. Insgesamt bleibt ein uneinheitlicher Eindruck von diesem sicherlich experimentellsten Werk Pleyels auf dieser CD.

Uneinheitlich ist auch der Eindruck, den die Musiker vermitteln. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich um einen Konzertzusammenschnitt handelt, lassen sich, gerade bei den doch virtuosen Ansprüchen, die die Werke an die Ausführenden stellen, gewisse Intonationstrübungen wohl nicht vermeiden, die man von den hochgezüchteten Studioproduktionen nicht mehr gewohnt ist. Aber auch klanglich überzeugt die Aufnahme nicht völlig, sind doch die Außenstimmen im Klangbild sehr präsent, während die in der Mitte sitzenden Instrumentalisten deutlich weiter weg klingen. Vielleicht muss man aber auch mehr den dokumentarischen Charakter dieser CD betonen, denn in Verbindung mit dem sehr ausführlichen und inhaltsreichen Booklettext sind die Aufnahmen, die allesamt Ersteinspielungen der Werke sind, ein weiterer Mosaikstein in einer groß angelegten Werkschau des Komponisten, wie sie die Internationale Pleyel Gesellschaft seit Jahren vorantreibt.

Wer Pleyels Musik allerdings nicht in einem romantischen, vibratoreichen Ton hören will, wie ihn das Janáček Quartet mit seinen Freunden praktiziert, dem seien als Alternativen vor allem die historisch informierten Einspielungen des Pleyel Quartetts Köln (cpo) und des Quartetto Luigi Tomasini (Hungaroton) ans Herz gelegt. Bei allem großartigen Einsatz für das Werk Pleyels ist die Missachtung historischer Aufführungspraxis vielleicht der größte Kritikpunkt, den man der Edition der Internationalen Pleyel Gesellschaft machen kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ignaz Joseph Pleyel: Streicher-Raritäten (Vol. 12)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
ARS Produktion
1
01.06.2013
073:42
2012
Medium:
EAN:

CD
4260052388228


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Pleyel, Ignaz Joseph
 - Streichquartett in Es-Dur für Violine, 2 Bratschen und Violoncello, Ben 352 (1788) - Moderato
 - Streichquartett in Es-Dur für Violine, 2 Bratschen und Violoncello, Ben 352 (1788) - Menuetto. Trio
 - Streichquartett in Es-Dur für Violine, 2 Bratschen und Violoncello, Ben 352 (1788) - Rondo. Andante. Allegro
 - Streichsextett in F-Dur für 2 Violinen, 2 Bratschen, Violoncello und Kontrabass, Ben 261 (1791) - Allegro
 - Streichsextett in F-Dur für 2 Violinen, 2 Bratschen, Violoncello und Kontrabass, Ben 261 (1791) - Cantabile con espressione
 - Streichsextett in F-Dur für 2 Violinen, 2 Bratschen, Violoncello und Kontrabass, Ben 261 (1791) - Menuetto. Allegretto. Trio
 - Streichsextett in F-Dur für 2 Violinen, 2 Bratschen, Violoncello und Kontrabass, Ben 261 (1791) - Rondo. Allegro
 - Streichquintett in g-Moll für 2 Violinen, 2 Bratschen und Violoncello, Ben 287 - Adagio. Allegro
 - Streichquintett in g-Moll für 2 Violinen, 2 Bratschen und Violoncello, Ben 287 - Andantino
 - Streichquintett in g-Moll für 2 Violinen, 2 Bratschen und Violoncello, Ben 287 - Menuetto. Allegretto. Trio
 - Streichquintett in g-Moll für 2 Violinen, 2 Bratschen und Violoncello, Ben 287 - Rondo. Allegro


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Interpret(en):Matousek, Bohuslav
Jelinek, Miloslav


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ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
Annette und Manfred Schumacher sind ?Überzeugungstäter?. Zwei Individualisten, die Kunst, Kommerz und Können geschickt vereinbaren.
?Die SACD - Super Audio CD kombiniert die Präzision der digitalen Reproduktion mit der Wärme des analogen Klanges. Das hat uns überzeugt.?


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