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Donnerstag, 6. Oktober 2022

Franz Lehár - Das Fürstenkind

Früher später Lehár


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser Mitschnitt verdient trotz mittelmäßiger Dialogpassagen, die leider immer wieder zum Genickbruch der jeweiligen Produktion werden können, seinen "fürstlichen" Titel.

Nach einem Welterfolg wie der 'Lustigen Witwe' im Jahr 1905 musste es der Komponist Franz Lehár schwer haben. Man erwartete eine Wiederholung dieser Operetten-Sensation und der verhinderte Opernschreiber Lehár war wieder einmal auf der Suche nach einem geeigneten Textbuch. Gemeinsam mit seinem Erfolgs-Librettisten Victor Léon entstand ab 1908 die Operette 'Das Fürstenkind', eine moderne Räubergeschichte um Liebe, Resignation und ein moralisch zweifelhaftes Doppelleben, das 1909 zu Uraufführung kam.

Der reiche Fürst von Parnes bessert als Räuber Hadschi Stavros seinen Kontostand mit der Entführung von Griechenland-Touristen auf, indem er mit dem horrenden Lösegeld an der Börse in London spekuliert. Seine Tochter Photini weiß nichts vom Doppelleben ihres Vaters, ihr Geliebter Bill Harris will den Räuber gar hinter Schloss und Riegel bringen. Es kommt aber alles anders, als sich der Räuber Stavros in seine Geisel Mary-Ann verguckt, die gleichzeitig die Tochter seines Londoner Bankiers ist. Diese Beziehung mit beträchtlichem Altersunterschied soll aber nicht sein, und so steht am Ende Verzicht. Das erinnert schon mächtig an die späten Lyrischen Operetten wie 'Das Land des Lächelns' oder 'Friederike'. Das 'Fürstenkind' kommt auch in musikalischer Hinsicht recht unkonventionell daher. Ein tanzfreudiges Buffopaar fehlt; die einzelnen Nummern sind in ihrer Form stark erweitert, große Szenen und Ensembles prägen das komplexe Gesamtbild. Doch genau diese Umstände machen das zu Unrecht vergessene 'Fürstenkind' zu einem spannenden und wirklich innovativen Teil der Wiener Operettengeschichte. Stefan Frey bezeichnet das 'Fürstenkind' gar als Franz Lehárs radikalstes Werk.

In der ambitionierten Reihe des Münchner Rundfunkorchesters unter der Leitung von Ulf Schirmer, die sich der zumindest konzertanten Aufführung von großen und oft vernachlässigten Operetten widmet, stand im November 2010 auch das 'Fürstenkind' auf dem Spielplan. Der Mitschnitt dieser Produktion liegt nun beim nimmermüden Raritäten-Label cpo auf zwei CDs vor. Mit anderen Aufführungen dieser Reihe hatte Schirmer nicht immer ein glückliches Händchen in Bezug auf Besetzung und authentischen Zugriff bewiesen, beim 'Fürstenkind' kann er aber auf großer Strecke überzeugen. Mutig lässt er die farbenprächtige Partitur schillern und zeigt viel Gespür vor allem für die instrumentalen Passagen. Die Mischung aus operettenhafter Melodik und opernhaftem Gestus, aus Leichtigkeit und Melancholie scheint Schirmer besser zu liegen als der düstere 'Zarewitsch' oder das Singspiel 'Friederike'. Schirmer hält die Fäden flexibel in der Hand, lässt den Sängern so viel Freiraum wie nötig und vermeidet die reine Begleitfunktion des Orchesters. Er ist vielmehr adäquater Partner für sein auffallend homogenes Ensemble.

Allen voran gefällt Chen Reiss als Photini mit ihrem schillernden, glasklaren Sopran. Schon im Auftrittsduett des ersten Aktes versprüht sie eine doppelte Portion Charme und Tonschönheit, die sofortige Sympathie entstehen lässt. Auch mit Ralf Simon hat Schirmer einen erstklassigen Tenor verpflichten können, der den oft so heiklen Operettenton trifft. Leicht und federnd macht er sich Lehárs Musik zu eigen, verfügt über die notwendige Eleganz und kann mit Sprache umgehen. Das ist wohltuend und macht Hoffnung auf weitere Projekte.

In der eigentlichen Primadonnenpartie der Mary-Ann macht Mary Mills eine gute stimmliche Figur. Im Gegensatz zum leichteren Sopran von Chen Reiss wartet Mills mit warmen und schimmernden Farben auf. Eine charakteristische Stimme, die bestens zur Partie passt. Matthias Klink verkörpert den Räuber-Fürsten. Dabei trumpft er mit strahlendem Tenormaterial auf und packt stimmlich ordentlich zu. Als Vaterfigur klingt er allerdings etwas jugendlich – einen Louis Treumann, der jene Partie bei der Uraufführung gesungen hat, ersetzt man nicht so leicht. Entweder man findet einen Bariton mit einer strahlenden Höhe oder einen älteren Tenor mit viel Lebenserfahrung und immer noch hörbarem Glanz in der Stimme. So gesehen entledigt sich Matthias Klink seiner heldenhaften Aufgabe mehr als souverän. Neben dem bestens disponierten Chor des Bayerischen Rundfunks sind in kleineren Partien Christian Eberl, Theresa Holzhauser, Jörg Schörner, Marko Cilic und Mauro Peter zu erleben.

Dieser Mitschnitt verdient trotz mittelmäßiger Dialogpassagen, die leider immer wieder zum Genickbruch einer Produktion werden können, seinen ‚fürstlichen‘ Titel. cpo gebührt entsprechender Dank, dass dieses zu Unrecht vernachlässigte Werk nun endlich auf Tonträger vorliegt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Franz Lehár: Das Fürstenkind

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
2
20.04.2013
123:22
2010
Medium:
EAN:

CD
0761203768028


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Lehár, Franz
 - Das Fürstenkind: Vorspiel - Einleitung - Nr. 1 Trio
 - Das Fürstenkind: Vorspiel - Dialog
 - Das Fürstenkind: Vorspiel - Nr. 2 Duett: Papa, ich bin verliebt (Photini, Bill Harris)
 - Das Fürstenkind: Vorspiel - Nr. 3 Terzett und Lied: Mutter ging schlafen (Stavros, Christodulos, Photini)
 - Das Fürstenkind: Vorspiel - Dialog
 - Das Fürstenkind: Vorspiel - Nr. 4 Pallikarrenlied: Lange Jahre, bange Jahre (Stavros)
 - Das Fürstenkind: Vorspiel - Dialog
 - Das Fürstenkind: Vorspiel - Nr. 5 Finale I (Photini, Nydia, Harris, Perikles, Christodulos, Barley, Doktor, Chor)
 - Das Fürstenkind: Vorspiel - Nr. 5 1/2 Räuber-Marsch (Entr'acte)
 - Das Fürstenkind: 1. Akt - Nr. 6 Ensemble (Stavros, Spiro, Phalatis, Koltzida, Tamburis, Chor)
 - Das Fürstenkind: 1. Akt - Dialog
 - Das Fürstenkind: 1. Akt - Nr. 7 Entree: Kindchen, sei hübsch brav


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Dirigent(en):Schirmer, Ulf
Orchester/Ensemble:Münchner Rundfunkorchester
Interpret(en):Eberl, Christian
Peter, Mauro
Cilic, Marko
Schörner, Jörg
Holzhauser, Theresa
Simon, Ralf
Klink, Matthias
Mills, Mary
Reiss, Chen
Raudales, Henry


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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