> > > Johann Gottlieb Graun & Carl Heinrich Graun: Trios for Violin or Viola & Clavier
Dienstag, 7. April 2020

Johann Gottlieb Graun & Carl Heinrich Graun - Trios for Violin or Viola & Clavier

Kleine Schätze der Kammermusik


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die aktuelle Neueinspielung mit Trios für Violine, Viola und Clavier, die Ludger Rémy mit seinen Musikern aufgenommen hat, ist eine Perle wunderschöner Kammermusik.

Die Brüder Johann Gottlieb und Carl Heinrich Graun hatten in ihrer Jugend das Glück, an einem der großen musikalischen Zentren Europas ihre musikalische Ausbildung zu erhalten. Direkt am Dresdner Hof mit seinem Star-Ensemble um Hasse, Heinichen, Quantz, Pisendel und Weiss wurden sie von den Meistern selbst in Komposition und Instrumentalspiel unterrichtet. Besonders Johann Glottlieb , der von Pisendel im ‚vermischten Geschmack‘ zu schreiben und spielen lernte, zeigte herausragende Fähigkeiten als Geigenvirtuose. Entsprechend schnell fanden die Brüder nach dem Zerfall der Hofkapelle als Folge des Siebenjährigen Kriegs zwischen Sachsen und Preußen feste Anstellungen am Hof von Friedrich dem Großen, der die Musik der Brüder so schätzte, dass er sie fast ausschließlich aufführen ließ. Charles Burney, der erst nach dem Tod der beiden Grauns durch Berlin kam, konnte den Graun-Kult noch hautnah miterleben, was er auch in seinen Tagebüchern festhielt. Dort schreibt er etwas abschätzig: ‚Seine Majestät, der König von Preussen, hält ungemein viel auf die Opern des verstorbenen Kapellmeisters Carl Heinrich Graun, und schätzt sie dermassen hoch, daß er nicht gern welche von andern Komponisten hören mag; auch hält man in Berlin die Sinfonien und Violinconcerte seines Bruders, Johann Gottlieb Graun, der vor einiger Zeit erst verstorbenen ist, gleichfalls noch immer in grossem Werthe, ob solche gleich, in Ansehung des Geschmacks und der Erfindungen nicht in die erste Classe gehören.“ (Burney, ‚Tagebuch seiner musikalischen Reisen‘, Band III, S. 65)

Ganz besonders erstaunte ihn, dass die Graun-Anhänger selbst nach deren Tod ihre Musik noch ‚mit Feuer und Schwerdt‘ gegen jede Kritik verteidigen. Burney konnte mit der Musik der Grauns wohl nicht viel anfangen, denn er bezichtigte Carl Heinrich zu viel vom italienischen Violinvirtuosen Vinci übernommen zu haben, und Johann Gottlieb, dass dieser zu sehr an Lullys Musiksprache orientiert sei. Um seine Leser von der minderen Qualität der Kompositionen gründlich zu überzeugen, ließ er sich dazu herab, die Musik der Grauns als ideenlos, veraltet, und zu langatmig zu bezeichnen. Er schrieb auch, ‚dass durch alle seine Werke (Carl Heinrichs) ein gleichschwebender Ton herrsche, der niemals ans Erhabne reiche‘. Johann Gottlieb sei noch schlechter als sein Bruder gewesen: ‚Grauns Komposition war vor dreissig Jahren elegant und simpel, denn er war einer der ersten unter den Deutschen, welche die Fugen und andre dergleichen schwerfällige Arbeiten bey Seite setzten und zugaben, daß wirklich ein Ding vorhanden sey, das Melodie heisse, welches die Harmonie unterstützen und nicht unterdrücken sollte.‘

Nach so vielen Schmähungen ist es nicht verwunderlich, dass sich die Nachwelt nicht sonderlich für die Grauns interessiert hat. Doch seit einigen Jahren hat eine verdiente Graun-Renaissance eingesetzt, die die obigen Geringschätzungen von Burney als solche entlarvt und den Brüdern wieder ihren verdienten Platz im Dresdner und Berliner Musikleben des 18. Jahrhunderts einräumt. So ist etwa die jüngst erschienene Neueinspielung mit Trios für Violine / Viola und Clavier, die Ludger Rémy mit seinen Musikern aufgenommen hat, eine Perle wunderschöner Kammermusik. Zwar ist nicht klar, welcher der beiden Brüder die Werke geschrieben hat oder ob es sich um eine Zusammenarbeit handelt; aber solche kleinlichen Fragen nach der Urheberschaft sollten niemanden vom Hörgenuss dieser funkelnden Kleinodien abhalten.

Anne Schumann (Violine), Eva Salonen (Viola) und Ludger Rémy (Hammerflügel) interpretieren die vier ausgewählten Trios mit viel Spielfreude, beseelter Tongebung und fein aufeinander abgestimmten Akzenten. Jeder Satz klingt beschwingt leicht. Anne Schumann versteht es perfekt, den kantilenenartigen, weiten Melodiebögen einen gesanglichen Schmelz zu geben, der hell strahlt und gleichzeitig geschmeidig weich ist. Im Trio für Viola und Clavier Graun WV A:XV:16 interpretiert Eva Salonen den Violapart mit ebenso großer Detailverliebtheit wie Schumann, nur dass hier das Streichinstrument noch etwas wärmer klingt als in den Violintrios. Ludger Rémy ist dazu ihr meisterhafter Klavierbegleiter, der den dialogischen Wechsel zwischen Harmonieinstrument und Melodiestimme zu einem reichhaltigen Gedankenaustausch werden lässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Johann Gottlieb Graun & Carl Heinrich Graun: Trios for Violin or Viola & Clavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
1
20.04.2013
068:24
2008
Medium:
EAN:

CD
761203763320


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Graun, Carl Heinrich
Graun, Johann Gottlieb
 - Trio in A für Violine und Clavier GraunWV C:XV:90 - Adagio
 - Trio in A für Violine und Clavier GraunWV C:XV:90 - Allegro non troppo
 - Trio in A für Violine und Clavier GraunWV C:XV:90 - Vivace
 - Trio in B für Viola und Clavier GraunWV A:XV:16 - Adagio
 - Trio in B für Viola und Clavier GraunWV A:XV:16 - Allegretto
 - Trio in B für Viola und Clavier GraunWV A:XV:16 - Allegro non troppo
 - Trio in A für Violine und Clavier GraunWV A:XV:13 - Sempre cantabile
 - Trio in A für Violine und Clavier GraunWV A:XV:13 - Adagio
 - Trio in A für Violine und Clavier GraunWV A:XV:13 - Allegro
 - Trio in h für Violine und Clavier GraunWV C:XV:92 - Adagio
 - Trio in h für Violine und Clavier GraunWV C:XV:92 - Alla Breve
 - Trio in h für Violine und Clavier GraunWV C:XV:92 - Allegro


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Orchester/Ensemble:Les Amis de Philippe


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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