> > > Tschaikowsky, Pjotr iljitsch: Sinfonie Nr. 3
Samstag, 3. Dezember 2022

Tschaikowsky, Pjotr iljitsch - Sinfonie Nr. 3

Beistand fürs Sorgenkind


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wollte man die Güte eines Tschaikowsky-Zyklus daran festmachen, wie Dirigenten mit den weniger beliebten und schwer zu knackenden Sinfonien zurechtkommen, dann könnte Kitajenkos Gesamtaufnahme auf den vorderen Plätzen logieren.

In Dimitrij Kitajenkos Serie der Tschaikowsky-Sinfonien, die er mit dem Gürzenich-Orchester Köln erarbeitet und bei Oehms als hybride SACD herausbringt, waren bislang noch zwei Folgen offen. Nun legt der Ehrendirigent des Kölner Klangkörpers mit einer weiteren Aufnahme nach. Als attraktiven Bonus gibt es die viersätzige Suite op. 66a des 'Dornröschen'-Balletts, das von Kennern als Höhepunkt von Tschaikowskys Balletten in höchsten Ehren gehalten wird. Im Mittelpunkt des Programms steht aber die Dritte Sinfonie D-Dur op. 29 – und damit das Sorgenkind unter Tschaikowskys Sinfonien. Von der ungleich bekannteren und beliebteren f-Moll-Sinfonie op. 36 trennen die D-Dur-Sinfonie gerade einmal zwei Jahre; in Bezug auf Publikumsgunst und attestierter künstlerischer Qualität aber sind es Welten, die zwischen den beiden Sinfonien liegen. Bei der Moskauer Uraufführung konnte der Komponist mit der D-Dur-Sinfonie einen Erfolg verbuchen, doch schon bald wurde das Werk von den drei letzten Sinfonien in den Schatten gestellt und trat seitdem nicht mehr daraus hervor.

Wollte man die Güte eines Tschaikowsky-Zyklus daran festmachen, wie Dirigenten mit den weniger beliebten und schwer zu knackenden Sinfonien zurechtkommen, dann könnte Kitajenkos Gesamtaufnahme auf den vorderen Plätzen logieren. (Das gilt allerdings auch, wenn man seine Serie vornehmlich nach der Qualität der letzten drei Sinfonien plus 'Manfred-Sinfonie' beurteilt.) Denn Dmitrij Kitajenko ist ein hilfreicher, ein exzellenter Beistand für das Sorgenkind. Man könnte fast von einer Ehrenrettung sprechen. Und das ist bei diesem Werk nicht eben wenig.

Die unendlich vielen gleichmäßigen, aneinandergereihten Viertel des Kopfsatzes geraten allzu leicht polternd und lassen die Musik nicht recht vom Fleck kommen. Dem kann man entweder durch hohes Tempo abhelfen oder durch großen Impetus und energische Akzentuierung. Kitajenko aber will sich auf solche Notbehelfe nicht einlassen; er zeichnet den Satz mit eigener Handschrift – und die ist leserlich und stringent. Die Einleitung des Kopfsatzes, mit 'Moderato assai (Tempo di marcia funebre)' überschrieben, nimmt Kitajenko auffallend langsam, gewinnt dadurch aber genügend Raum, um die Staccato-Achtel des erweiterten Kernmotivs in den Holzbläsern von der thematischen Prägung in den Hörnern (intonatorisch stets heikel, aber hier blitzsauber gespielt) artikulatorisch abzugrenzen. Schon beim 'Poco più mosso' wird das Tempo merklich angezogen, um dann mit der motivischen und klanglichen Verdichtung so viel Energie anzusammeln, dass das Hauptthema mit Verve herausgeschleudert wird. Der etwas überorchestrierte, mulmige Klang, den man hier oft zu hören bekommt, ist hier, passend zum 'Allegro brillante', hell getönt, der Bewegungsgestus voller Vorwärtsdrang. Kitajenko gibt den bestens disponierten Holzbläsern des Gürzenich-Orchesters im Seitenthema genug Raum, um die Kantilenen auszusingen und verdichtet in der kontrapunktischen Durchführung die Spannung, die dann nicht in der Reprise, sondern in der alle Kräfte bündelnden Coda – sie hat in dieser Interpretation den Charakter einer regelrechten Stretta – kulminiert. Hier zeigt sich der klar disponierende Überblick eines erfahrenen Dirigenten, der mit der Musik offensichtlich etwas anzufangen weiß.

Gleichzeitig wird so manches Detail in liebevoller Weise behandelt. Kitajenko lässt die Musik des 'Andante elegiaco' mit aller Ruhe fließen, die Holzbläser bringen den dunkel-elegischen Tonfall wunderbar zur Geltung. Und dann dieser Übergang des Horns zum Streicherthema: Mit der dynamischen Gestaltung eines einzigen Tons wird hier der gesamte erste Abschnitt zusammengefasst, abgeschlossen und ein ‚neutraler‘ Zustand hergestellt, aus dem sich das Streicherthema herausschält. Das ist große Kunst auf engstem Raum. In den beiden (mäßig) schnellen Sätzen, die das 'Andante' einrahmen, sind eines einmal mehr die Holzbläser, die Glanzlichter setzen, wobei im Scherzo sehr schön dunkel timbrierte Hörner einen farblichen Kontrapunkt bilden. Solistische Anteile der Posaunen könnte man sich allerdings etwas kerniger vorstellen; sie klingen hier ein wenig zu weich. Im Finale fasst Kitajenko dann den flirrenden Schwung des vorangegangenen Satzes mit dem kraftvollen Tritt des ersten zusammen und führt die Sinfonie zu einem lebhaft gestalteten Ende.

Auch diesmal weiß das Gürzenich-Orchester Köln mit einem bassfundierten Orchesterklang – den exzellenten, agilen Streichern eignet ein runder, weicher und zum Dunklen hin tendierender sehr ansprechender Grundklang – zu begeistern, der von Kitajenko füllig und farbig gestaltet wird, ohne allerdings zu bullig zu werden. Auch in der 'Dornröschen'-Suite kehrt der Dirigent sinfonische Züge hervor. Man könnte sich die Klanggebung hier etwas duftiger, schlanker, mehr an den Bewegungsgesten ausgerichtet denken, doch ist das interpretatorische Konzept konsequent durchführt und in sich geschlossen. Das größte Pfund, mit dem diese Folge wuchern kann, ist also die im Mittelpunkt des Programms stehende Sinfonie. Und das ist in der Tat bemerkenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
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    Tschaikowsky, Pjotr iljitsch: Sinfonie Nr. 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
22.04.2013
Medium:
EAN:

SACD
4260034866706


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OehmsClassics

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