> > > Vivit!: Werke von Reger und Tobias
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Vivit! - Werke von Reger und Tobias

Ertragreiche Kombination


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Este Rudolf Tobias und Max Reger: Zeitgenossen, verknüpft in einem ausgewogenen Programm, famos gedeutet vom einmal mehr überzeugenden Estonian Philharmonic Chamber Choir.

Ein großes Verdienst des Estonian Philharmonic Chamber Choir (EPCC) war es in der Vergangenheit, einem größeren Hörerkreis baltisches Repertoire zugänglich zu machen. Dafür stand der Gründer und langjährige Leiter Tõnu Kaljuste ebenso wie dessen Nachfolger Paul Hillier. Diesen Weg setzen die Esten unter ihrem aktuellen Chefdirigenten, den Niederländer Daniel Reuss, konsequent fort. Auf ihrer letzten Platte wurden Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy und Cyrillus Kreek mit bemerkenswertem Ertrag in ein Programm gefügt. Und auch die aktuelle Platte folgt dieser Idee, zwei Komponisten miteinander zu konfrontieren, die in ästhetischer Verbindung zueinander stehen.

Auf estnischer Seite wird Rudolf Tobias (1873-1918) ins Spiel gebracht, der mit seinem Abschluss von 1897 der erste diplomierte Komponist Estlands war und in St. Petersburg und dessen großer estnischer Gemeinde ebenso wie in Tartu umfangreich musikalisch wirkte. 1908 schließlich wandte er sich nach Deutschland, unterrichtete unter anderem in Berlin Musiktheorie.

Tobias‘ Musik wirkt affektiv gesammelt, oft schlicht, ist über weite Strecken satztechnisch gleichfalls nicht exzeptionell, erweist sich aber emotional als enorm wirksam. Die Sätze haben wenig von spätromantischer Süffigkeit und harmonischer Üppigkeit, greifen vielmehr in manchem Aspekt – etwa mit rhythmischer Bewegtheit, mit konsequenter Linearität oder einer gewissen expressiven Rauheit – auf spätere ästhetische Entwicklungen der deutschen Chor- und Orgelbewegung voraus. Und doch fällt auf, das sich Tobias nie ganz aus dem romantischen Geviert lösen mag, führt er seine Sätze doch fast immer wieder in die ästhetische Sicherheit dieser Stilistik zurück. Tobias‘ Werke im Volkston sind bemerkenswert deutlich von den avancierteren unterschieden, oft wird die Melodielinie einstimmig geführt und ansonsten eingängig gesetzt. Das als Beispiel für die Orgelkompositionen Tobias‘ eingespielte Choralpräludium ‚Nun ruhen alle Wälder‘ schließlich entfaltet geradezu sphärische Qualitäten des Orgelspiels, ist wiederum schlicht aber wirkungsvoll.

Max Reger erweist sich im direkten Vergleich – auch wenn eher schlichte Sätze aus den opp. 6 und 138 zu Gehör gebracht werden – als harmonisch ungleich reicher und in seinen Sätzen dichter, ist in seiner höchstromantischen Ästhetik avancierter und bietet nicht zuletzt auf Grund seiner Gleichaltrigkeit mit Tobias einen denkbar interessanten programmatischen Kontrast.

Erstklassiges Ensemble

Gerade Reger bietet dem EPCC reiche Entfaltungsmöglichkeiten, spricht die üppigen Qualitäten des Ensembles besonders an. Es ist ein über Jahre gereifter, insgesamt famoser Chor mit tollen Registern: Die klingen kraftvoll, in perfekter dynamischer Kontrolle und zugleich überzeugender Balance. Linear entfaltet sich das Ensemble wunderbar, in geradezu bewundernswerter Legatokultur. Der Gesamtklang des Chors wirkt jederzeit perfekt ausgehört, die Intonation ist ohne Makel. Einzig die Diktion wirkt angesichts dieser üppigen vokalen Qualitäten nicht in gleicher Weise herausragend, ist gelegentlich verschattet.

Daniel Reuss musiziert die Sätze ganz überwiegend in gedehnten Tempi und langsamem, gleichwohl stetem Fluss – eben so, wie es das Repertoire verlangt. Dynamisch deckt der EPCC bei aller gebotenen Konzentration ein breites Spektrum überzeugend ab. Das Klangbild ist groß, mit einer bedeutenden räumlichen Note versehen, dabei aber doch ein plastisches Abbild des Chores liefernd, das mit einer feinen Korona umgeben wird.

Das Orgelspiel von Ene Salumäe ist solide und kundig in der Begleitung des Chors zu nennen. Solistisch werden die Sätze gleichfalls ruhig entfaltet, in feinen Registrierungen – über die technischen Fähigkeiten der Organistin lässt sich ausweislich der erklingenden Kompositionen wenig sagen.

Wiederum ist dem EPCC eine programmatisch interessante Platte gelungen, die wie bei der Produktion mit Mendelssohn und Kreek passende Partner mit Gewinn koppelt. Noch mehr Musik von Rudolf Tobias wäre schön gewesen, um diese interessante Stimme noch besser kennenlernen zu können. Der EPCC präsentiert sich einmal mehr als außerordentlich profiliertes Ensemble – genauso sattelfest im Kunstvollen wie in der sicher entfalteten schlichten Geste.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Vivit!: Werke von Reger und Tobias

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
15.04.2013
Medium:
EAN:

CD
761195122129


Cover vergössern

Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Ondine:

  • Zur Kritik... Mit absoluter Innigkeit: Lars Vogt meistert Brahms Klavierkonzert Nr. 1 D-Moll mit der Royal Northern Sinfonia. Dazu 4 Balladen op. 10 in solider Interpretation Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Test bestanden: Lars Vogt empfiehlt sich für weitere Mozart-Aufgaben. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Konsequente Stilschmelze: Erst Rockstar, dann Solist am Cello im Barockensemble: Genregrenzen überwindet der finnische Komponist Olli Virtaperko, indem er sie sich einverleibt. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle Kritiken von Ondine...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Venedig da Camera: Roland Wilson und seine Musica Fiata mit einem anregend-lebendigen Bild mancher Stimme, die über Monteverdi hinausweist – und der Meister klingt mittendrin. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Verschlungene Wege: Enrico Onofri und sein Orquesta Barroca de Sevilla mit einer gelungenen Lesart von Pergolesis 'Stabat Mater', die sich wesentlich dem vokalen Glanz von María Espada und Carlos Mena verdankt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Konzentriert: Ein kompletter Kantatendreier in gerade vierzig Minuten Spieldauer, der es substanziell in sich hat: Bachs Musik ist bei Rudolf Lutz und seinen Ensembles der St. Gallener Bach-Stiftung in besten Händen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Herbe Tänze: Marek Szlezer legt beim Label Dux eine der Musik Karol Szymanowskis gewidmete Platte vor, die vor allem Mazurken enthält. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Venedig da Camera: Roland Wilson und seine Musica Fiata mit einem anregend-lebendigen Bild mancher Stimme, die über Monteverdi hinausweist – und der Meister klingt mittendrin. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Auf der Suche nach der rechten Orgel: Jean-Jacques Kantorows Saint-Saëns-Edition mit einem weiteren fulminanten Höhepunkt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich