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Montag, 25. Oktober 2021

Widmann, Jörg - Violinkonzert

Exzellente Aufnahme eines problematischen Werkes


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Christian Tetzlaff bestreitet die Ersteinspielung von Jörg Widmanns Violinkonzert und beeindruckt durch einen farbenreichen Vortrag.

Mit seinem 2007 uraufgeführten Violinkonzert hat der Komponist Jörg Widmann einen zwar gewichtigen, aber dennoch auch problematischen zeitgenössischen Beitrag zur Gattung des Solokonzerts geliefert. Die live aufgezeichnete Ersteinspielung dieses Werkes steht im Mittelpunkt einer neuen Produktion des finnischen Labels Ondine und wird von zwei weiteren Mitschnitten flankiert: der konzertanten Komposition 'Insel der Sirenen' für Violine und 19 Streicher (1997) sowie der 'Antiphon' für Orchestergruppen (2007/08). Ein großes Lob gilt dem Geiger Christian Tetzlaff, der – als Solist der Uraufführung mit dem Violinkonzert allerbestens vertraut – sich den Anforderungen der Partitur stellt und den nahezu pausenlos über 28 Minuten fortschreitenden Violinpart mit einem Höchstmaß an Differenzierungsfähigkeit darbietet. Dabei findet er in Daniel Harding und dem Schwedischen Rundfunksinfonieorchester geradezu ideale Partner.

Die feinen Differenzierungen von Klangfarbe und Violinton, die Tetzlaff den exorbitanten Schwierigkeiten des Konzerts bis in die feinsten musikalischen Verästelungen hinein angedeihen lässt, sind ebenso beeindruckend wie die Sensibilität, mit der jedem einzelnen Ton und den daraus erwachsenden Phrasen Leben eingehaucht wird. Die enorm große, zwischen hauchendem Verlöschen und aggressivem Dreinfahren angesiedelte Farbpalette des Vortrags rückt die Gestaltungskraft des Geigers in den Mittelpunkt und lässt daher fast vergessen, dass es Widmanns Werk an einer wirklich persönlichen Note fehlt. Allzu sehr scheint diese Musik aus Brocken anderer Musik zusammengefügt, lässt hier ein Schnipsel Alban Berg, dort ein Fragment Gustav Mahler erkennen, werden allerlei spätromantische Einsprengsel miteinander verbunden. Dazu passt die hochgradig nervöse Espressivo-Haltung, die die zwar gelegentlich von ruhigeren Abschnitten unterbrochen wird, aber dennoch den gesamten Konzertverlauf dominiert und bis in den Tonfall einzelner Passagen und in den Gestus des Soloparts hinein mit Bergs Violinkonzert kokettiert. Es ist ein weiterer Beleg für Tetzlaffs Fähigkeiten als Solist, dass er mit seinem Spiel immer wieder ein Umkippen dieser Bezüge in romantisierenden Kitsch verhindert.

Zieht man als Vergleich zur retrospektiven, oft ins Pathetische übersteigerten Haltung dieses Werkes die rund ein Jahrzehnt zuvor komponierte 'Insel der Sirenen' heran, ist Widmanns Verlust an Originalität kaum zu übersehen: Denn hier regiert noch der erfrischende und unorthodoxe Umgang des Mittzwanzigers mit den gewählten kompositorischen Mitteln, der zu einigen überraschenden Wirkungen führt. Auch in diesem Fall erweist sich Tetzlaff als idealer Interpret, wie auch die Leistungen des glänzend vorbereiteten, artikulatorisch und intonatorisch klar agierenden Orchesters unter Hardings Leitung eine große Freude sind. Angesichts der – auch in der orchestralen 'Antiphon' – hohen interpretatorischen Leistungen, aber auch aufgrund des extrem klaren, tiefenscharfen Klangbilds ist die CD selbst dann unbedingt empfehlenswert, wenn man der Musik kritisch gegenübersteht. Allein der Booklettext von Christoph Schlüren ist etwas schwach geraten, da er über weite Strecken hinweg Phrasen Widmanns als unumstößliche Wahrheiten nachbetet und dabei in den üblichen musikjournalistischen Klischees gefangen bleibt. Da hätte man – gerade weil es sich um die Erstveröffentlichung der Werke handelt – letzten Endes doch etwas mehr erwarten können.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Widmann, Jörg: Violinkonzert

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
15.04.2013
Medium:
EAN:

CD
761195121528


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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